SCHWARMENERGIE

„Viele Energieexperten müssen umdenken“

Professor Olav Hohmeyer, Foto: Privat
Professor Olav Hohmeyer, Foto: Privat

Professor Olav Hohmeyer von der Universität Flensburg ist Autor der Studie „2050. Die Zukunft der Energie.“, die LichtBlick heute in Berlin veröffentlicht. Er gehört dem Umweltrat der Bundesregierung an und ist Mitglied des UN-Weltklimarats. Wir haben mit ihm über die Ergebnisse seiner Studie gesprochen.

Ab wann kommt aus den Steckdosen der Deutschen nur noch Ökostrom?

Hohmeyer: Wenn wir wollen, ab 2030. Da viele konventionelle Kraftwerke aber noch einige Zeit laufen, verlangsamt sich der Ausbau der erneuerbaren Energien. Darum werden wir erst Mitte des Jahrhunderts vollständig umstellen.

„Von einer Stromlücke kann überhaupt nicht die Rede sein“

Die Deutsche Energieagentur malt das Schreckgespenst einer Stromlücke an die Wand, wenn nicht mehr konventionelle Kraftwerke ans Netz gehen und die AKWs abgeschaltet werden. Drohen in Deutschland die Lichter auszugehen?

Hohmeyer: Nein, mehrere Studien haben das widerlegt. Es wäre ohne Probleme möglich, Deutschland schon 2030 aus regenerativen mit Strom zu versorgen. Wir brauchen einen erheblichen Ausbau der Netze und der Speicherkapazitäten, weil Wind und Sonne halt nicht jederzeit anschaltbar sind. Von einer Stromlücke kann überhaupt nicht die Rede sein

„In der Gesamtbilanz sind regenerative Energien deutlich günstiger als Atomkraft“

Die Atomlobby hat in der letzten Woche eine große PR-Kampagne gestartet. Atomkraftwerke seien sicher und billig, behaupten sie. Was ist davon zu halten?

Hohmeyer: Atomstrom ist kurzfristig gesehen relativ billig, weil die Kraftwerke abgeschrieben sind. Ob dieser Vorteil aber bei den Verbrauchern ankommt, steht auf einem anderen Zettel. Wenige große Konzerne kontrollieren den Markt und bestimmen die Preise. Kernenergie ist ja nur deshalb so billig, weil wir einen großen Teil der Kosten in die Zukunft verlagern. Denken sie an Morsleben oder die Asse. Die ganze Lagerung von den abgebrannten Brennstäben ist überhaupt nicht gelöst. In der Gesamtbilanz sind die regenerativen Energien deutlich günstiger.

Wie muss die vielzitierte „Brücke ins regenerative Zeitalter“ denn aussehen?

Hohmeyer: Die Brücke steht schon. Wir haben relativ große Kapazitäten konventioneller Kraftwerke. Wir müssen aber weg von großen Kraftwerken hin zu flexiblen, relativ kleinen Einheiten. Zum Beispiel Blockheizkraftwerken. Diese werden zunächst mit Gas betrieben. Aber auf Dauer können wir auf Biogas umstellen. Solche kleinen Einheiten können ideal die schwankende Einspeisung aus Wind uns Sonne ausgleichen.

Konzepte wie SchwarmStrom von LichtBlick können also zu einer sicheren Stromversorgung beitragen?

Hohmeyer: Ganz genau. Das ist ja eigentlich das alte Konzept des Blockheizkraftwerks. Nur eben zu Ende gedacht – nicht als alleinstehendes, einzelnes Blockheizkraftwerk, das nur Wärme und Strom vor Ort produziert, sondern das koordiniert gefahren werden kann. Wo ich also viele kleine Kraftwerke zusammenschalten kann, um große Leistungen abzurufen. Das ist ja das, was hinter der SchwarmStrom-Idee von LichtBlick steckt.

„Ein Kraftwerk, das in 60 Sekunden reagiert, kann alle Schwankungen ausgleichen“

Worin sehen Sie die Vorteile?

Wenn ich das umsetze, habe ich eine ideale Ergänzung der regenerativen Energien. Die ZuhauseKraftwerke fahren in 60 Sekunden von Null auf Hundert hoch. Ein Kernkraftwerk braucht dazu 50 Stunden. Bei der Windenergie haben wir in kurzer Zeit extreme Schwankungen. Die müssen sehr schnell ausgeglichen werden. Kraftwerke, die langsam reagieren, passen nicht dazu. Aber ein Kraftwerk, das in 60 Sekunden reagiert, kann eigentlich alle Schwankungen ausgleichen.

In ihrer Studie schreiben sie, mehr Atomkraft bedeute weniger Versorgungssicherheit. Können Sie das erklären.

Hohmeyer: Ja, das ist eine ganz paradoxe Situation. Früher waren Grundlastkraftwerke das Rückgrat der Stromversorgung. Kernkraft- und Braunkohlekraftwerke waren die Grundlage unserer Elektrizitätsversorgung. Dadurch, dass wir einen ständig zunehmenden Anteil von Wind- und Sonnenenergie ins Netz einspeisen, hat sich die Aufgabe aller anderen Kraftwerke plötzlich verändert.

Was ist heute die heute die Anforderung?

Hohmeyer: Ein regelbares Kraftwerk muss sich schnell anpassen können an den restlichen Strombedarf der noch als Lücke besteht zwischen der Nachfrage und dem, was Wind und Sonne liefern. Das Dumme an den Grundlastkraftwerken und besonders an den Kernkraftwerken ist, dass sie nur sehr eingeschränkt regelbar sind. Die können zwar wunderbar das ganze Jahr durchlaufen – aber flexibel sind sie nur innerhalb eine bestimmten Bandbreite.

„Vergessen Sie Grundlast!“

Was passiert denn, wenn viel Wind- und Sonnenstrom eingespeist wird?

Hohmeyer: Sobald Kernkraftwerke 50 bis 60 Prozent ihrer Leistung unterschreiten, müssen sie komplett abgeschaltet werden. Dann sind sie für 50 Stunden aus dem Spiel. Diese Situation werden wir ab 2020 häufig haben. Wir haben tausende von Meiler-Abschaltungen, weil zu vielen Stunden ausreichend Wind- und Sonnestrom da ist. Es kann aber sein, dass in der nächsten Stunde der Wind nachlässt und wieder mehr Reststrom benötigt wird. Dann kann das Kernkraftwerk aber nicht liefern. Das stellt die bisherige Situation auf den Kopf. Viele Experten in der Energiewirtschaft müssen Umdenken und sich von der Idee der Grundlast verabschieden. Ich sage immer: Vergessen Sie Grundlast!

Was passiert, wenn die Laufzeitverlängerung doch kommt?

Hohmeyer: Heute betonen die Atomkonzerne ja immer, Wind- und Sonnenstrom säßen in einem Boot. Das ist kompletter Unfug. Sobald die Laufzeitverlängerung kommt, werden sie alles daran setzen, die regenerativen Energien aus dem Boot zu schmeißen. Die Konzerne haben dann ein extremes ökonomisches Interesse dann, den Ausbau der regenerativen Energien zu behindern. Bei 28 Jahren längeren Laufzeiten geht es um 21 bis 80 Milliarden Euro Verluste, die den Kernkraftwerksbetreibern durch die Konkurrenz von Wind- und Sonnenstrom drohen.

„Wir können in Zukunft von 80 Prozent Wind ausgehen“

Blicken wir in das Jahr 2050. Woher kommt der Strom der Zukunft?

Hohmeyer: In unseren Breiten ist die Sonne ein seltener Gast. In Deutschland könnte man im Prinzip den gesamten Strombedarf mit Wind decken. Dazu wird es nicht kommen. Aber wir können von 80 Prozent Wind, etwa 10 Prozent Sonne und jeweils fünf Prozent aus Biomasse und Wasserkraft ausgehen.

Das Interview führte Ralph Kampwirth


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7 Kommentare

  • Kasimir sagt:

    Brennstoffzellen hören sich wahnsinnig toll an, was sie auch werden mögen. Nur zur Zeit dümpeln die Pilotanlagen bei einem mechanischen Wirkungsgrad rum der unter denen von stationären Verbrennungsmotoren liegt. Auch verbrauchen sie entweder Erdgas oder H2 (das dann auch erstmal erzeugt werden muss – mit entsprechendem Verlust wenn kein Abfallprodukt).
    Als zusätzlicher Energie-Mix-Treibstoff, besonders für stationäre Anwendungen, wären Holzpellet-BHKWs wünschenswert. Wenn auch bei Kleinanlagen der Wirkungsgrad geringer ausfällt, ist dem gegenüber auch der Brennstoffpreis konstant geringer. Leider kämpfen da kleine Firmen wie OTAG an einsamer Front. Da es offensichtlich nicht die Lobby wie bei Wind, Wasser &co. gibt.
    Aber wir hätten gerne auch ein BHKW dort wo wir nicht an das Erdgasnetz angeschlossen sind.
    Ziel muss es langfristig auch sein nicht nur aus Atom und Kohle aus zu steigen, sondern aus allen fossilen Energieträgern und das auch für die Beheizung der Gebäude!


  • Ralph Kampwirth sagt:

    Die Brennstoffzelle ist derzeit weder wirtschaftlich noch technisch eine Alternative – ob sich diese Technologie in Zukunft jemals durchsetzen wird, ist fragwürdig. Darum setzen wir auf Erdgas –
    das ist ein erprobter Energieträger für die Übergangsphase zur regenerativen Vollversorgung.


  • H2 ist außerdem auch noch mobil sagt:

    Der Ansatzpunkt Schwarmenergie in Verbindung mit Elektrolyseuren und Brennstoff-Zellen macht Sinn. Energie in Form von H2 kann dezentral überall, oberirdisch oder unterirdisch, in Tanks gelagert werden. Erzeugt wird diese durch Elektrolyse, Photovoltaik und Brennstoff-Zelle. Diese liefern Wärme und Strom zu jeder Zeit, auch wenn keine Sonne scheint. Überschüsse in Form von H2 dienen der mobilen Versorgung von Fahrzeugen. Anfänglich und zum Ausgleich von Spitzen kann Erdgas als zusätzlicher Energieträger eingesetzt werden.

    Wäre das nicht ein sinnvolles Konzept, um aus der heutigen Situation schnell auf 100% regenerative Energien umzustellen?


  • Raginhari sagt:

    Brennstoffzellen werden auch mit Gas betrieben, H2.

    Der Ansatzpunkt des Schwarmstroms ist mir in den Talkshows noch nicht vorgekommen, da geht es immer um Grundlast und Atomstromimport und selten um dezentrale Energieversorgung.


  • Sartorius sagt:

    das mit dem Schwarmprinzip, als alternative zu den Atomkraftwerken, fanden wir als geniale Lösung, noch schöner ist es natürlich, wenn es mit Brennstoffzellen statt mit Gas betrieben wird. Kennt leider kaum jemand….


  • Anika sagt:

    Ein wirklich sehr interessantes Interview!
    Ich wusste gar nicht, dass Atomkraftwerke bei weniger als 50 Prozent Leistung abgeschaltet werden müssen.
    Und ich befürchte, dass Herr Hohmeyer recht behält, wenn er sagt, dass die Atomkonzerne den Ausbau Erneuerbarer Energien behindern werden.


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