SCHWARMENERGIE

„Umparken im Kopf – aber richtig!“

Deutschlands Ingenieure sind Weltspitze. Dank ihres Know-how sind wir Exportweltmeister. Doch diese Position ist in Gefahr. Denn Deutschland droht bei der digitalen und erneuerbaren Energierevolution den Anschluss zu verpassen. Und das, obwohl unser Land als Erfinder der Energiewende gilt.

Chancen verpasst

Verpasst Deutschland die Chance der Digitalisierung? Umparken, Foto: Fotolia
Verpasst Deutschland die Chance der Digitalisierung?, Foto: Fotolia

Wiederholt sich hier ein bekanntes Muster? Der erste Rechner wurde von dem Deutschen Konrad Zuse gebaut, bei Halbleitern und Schaltkreisen waren deutsche Unternehmen lange vorne mit dabei. Doch ein iPhone made in Germany? Fehlanzeige. Geht es um die Verknüpfung von Hardware und Software zu spannenden Innovationen, dann dominieren Google, Apple oder Microsoft.

Vom Fahrersitz auf die Rückbank

Derzeit sind wir wieder im Begriff, uns vom Fahrersitz auf die Rückbank verdrängen zu lassen. Wir stecken mitten im größten technologischen Umbruch seit der Einführung des Computers und des Internets. Deutschlands Ingenieure haben diese Entwicklung entscheidend mit angeschoben, sie haben Fotovoltaik, Windkraft und Speichertechnologien entwickelt und tauglich für den Massenmarkt gemacht. Unsere Energie und Mobilität werden erneuerbar und digital. Es entstehen gänzlich neue Geschäftsfelder und Produkte.
Wenn Energie künftig mehr in Netzwerken aus Haushalten, Unternehmen oder Kommunen produziert wird, dann braucht es dafür zum Beispiel smarte Unternehmen, die IT und Energie gleichermaßen verstehen. Sie stellen Apps, IT-Plattformen und intelligente Zähler bereit, mit denen lokale Energie optimal verteilt wird. Woher werden die neuen Player kommen? Sind wir bereit in Deutschland? Oder fahren die Ernte womöglich wieder andere ein?

„Umparken im Kopf“

Wenn es so kommt, dann liegt das nicht an fehlenden Ideen. Die sind wie eh und je zur Genüge vorhanden. Nur fallen sie leider in den Vorstandsetagen und Aufsichtsräten vieler Unternehmen, insbesondere der Automobil- und Energiebranche, nicht auf fruchtbaren Boden. Das Gros der Spitzenmanager denkt noch immer fossil. Sie versuchen, aus ihren Technodinos wirtschaftlich herauszupressen, was möglich ist – wie das Beispiel des Braunkohletagebaus Garzweiler ebenso traurig belegt wie „Dieselgate“ bei VW. Energieunternehmer lobbyieren in Berlin für staatliche Kohlesubventionen. Und die Chefs der Automobilbranche kämpfen in Brüssel gegen strengere Abgasnormen. Noch immer fließt der Löwenanteil der Forschungs- und Marketingetats in Verbrennungsmotoren, statt die E-Mobilität konsequent zu fördern. „Umparken im Kopf“ geht anders.

Es braucht eine neue Unternehmenskultur

Unternehmen wie Tesla zeigen, wie man aus der globalen Energiewende mit neuem Denken Chancen macht. Die Kalifornier entwickeln nicht nur schicke E-Flitzer, sondern schicken sich an, den Speichermarkt zu revolutionieren. Wir haben in Deutschland Kapital und kluge Köpfe. Aber das allein reicht nicht. Wenn wir den Anschluss nicht verlieren wollen, brauchen wir eine neue Unternehmenskultur. Mit dem derzeit bei vielen Managern beliebten Kurztrip ins Silicon Valley ist es nicht getan. Für einen grundsätzlichen Wandel sind flachere Hierarchien erforderlich, in denen Mitarbeiter mit ihren Ideen mehr Gehör finden. Investitionen in Innovation bringen mehr Ertrag, wenn Mut zum Risiko besteht. Es geht nicht darum, Fehler zu vermeiden – sondern sie schneller als andere zu machen und daraus zu lernen. Nicht die Angstkultur von VW, sondern die Fehlerkultur von Google muss das Vorbild sein.
Deutschland ist das Land der Erfinder. Immer noch. Wir glauben: Wenn wir uns auch in den Chefetagen der Realität einer digitalen und erneuerbaren Energie- und Mobilitätswelt öffnen, die Energiewende beherzt vorantreiben und eine innovationsfreudige Unternehmenskultur schaffen, dann können wir auch in 20 Jahren noch Exportweltmeister sein.

Heiko v. Tschischwitz ist CEO bei LichtBlick, Eberhard Brandes CEO des WWF.

LichtBlick und der WWF sind überzeugt, dass der rasche Umstieg von fossil-nuklearen auf erneuerbare Energien in den Sektoren Strom, Wärme und Verkehr die zentrale Voraussetzung für Klimaschutz, eine risikoarme Energieversorgung und die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands in den kommenden Dekaden ist. Wir wollen unsere Kräfte bündeln und gemeinsam die Energiewende beschleunigen. Weitere Informationen und mehr Energiewende-Zeugen finden Sie auf unserer gemeinsamen Webseite.

Dieser Kommentar ist zuerst erschien am 22.10.2015 in „Die Welt


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5 Kommentare

  • Markus sagt:

    … bin dabei, habe den Vertrag unterzeichnet und bin ab nächsten Jahr Mai mit meiner Sonnenbatterie eco 4,5 ein Schwarmmitglied. Weiterso!


    • Anke Blacha sagt:

      Hallo Markus,
      herzlichen Glückwunsch. Wir freuen uns, dass Du dabei bist!

      Viele Grüße
      Anke Blacha


  • Michael sagt:

    Danke für den Tipp. Hab zwar schon von Crowdfunding gehört, aber noch nicht von dieser Seite.


  • Michael sagt:

    Dass Deutschland bei der Energiewende weiter voranschreitet, glaube ich aus Seiten der Konsumenten schon. Sonst hätten RWE & Co ja keine Existenzsorgen. Die einzige Plage sind die Lobbyisten, die den, mal wieder, ahnungslosen Politikern ein nettes Abendessen spendieren und dann von denen die nächste Subvention durchgewunken bekommen. Auch wenn es an alternativen Techniken keineswegs mangelt. In anderen Ländern ist noch von Bestechung, alias Bakschisch die Rede, hier sind es dann Treffen mit Sachleistungen. Ähnlich wie im Sport.

    Aber Ideen für neue Technologien kann man in DE heutzutage nicht mehr nutzen. Die Krawattenträger willen alle nur sofort die Millionen sehen, die bei neuen Erfindungen aber nunmal nicht in 2 Monaten da sind und so müssen die Erfinder ins Ausland gehen oder warten, bis die Ausländer (in ihrem Land, häufig Amis) selbst auf diese oder eine ähnliche Idee kommen. Auch wenn heutzutage noch Deutschland als das Land der Erfinder hingestellt wird, ist es eine reine Lüge. Wo kann man sich denn melden, wenn man eine Idee hat, die man ausprobieren möchte, oder zumindest von Sachverständigen auf praktische Machbarkeit beurteilen lassen möchte???
    Einzige Möglichkeit, man arbeitet in einer Firma in diesem Bereich Produkte herstellt, wofür man eine Idee hat und die Firma ist für die Ideen der Mitarbeiter offen.

    Wenn aber Tante Ilse aus dem Kuchenladen eine Idee hat, kann sie höchstens ein paar Kunden mit neuen Kreationen anlocken und den Umsatz steigern. Hat sie aber eine Idee, wie der Herd mit der Hälfte des Stroms die gleiche Leistung erzielt, wird diese Idee nie umgesetzt.

    Oder bietet immerhin Lichtblick ein offenes Ohr für Erfinder, zumindest wenn dies mit Stromerzeugung zu tun hat?


    • Anke Blacha sagt:

      Hallo Michael,
      wir bei Lichtblick bieten keine Hilfen für Start-ups. Und Sie haben Recht, dass es für neue Ideen nicht immer einfach ist, diese auch zu verwirklichen. Doch inzwischen gibt es verschiedene Plattformen für Crowdfunding (http://www.crowdfunding.de/plattformen/), auf denen Sie Ihre Ideen vorstellen und um finanzielle Unterstützung bitten können. Das wäre vielleicht eine gute Starthilfe – zumindest für den Anfang.

      Viele Grüße
      Anke Blacha


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