CEO Heiko von Tschischwitz im Serverraum von LichtBlick

SCHWARMENERGIE

Schlaue Energie – IT ist der Schlüssel

Die IT spielt eine entscheidende Rolle für die Energiewende und die künftigen Geschäftsmodelle der Energieunternehmen. LichtBlick ist mit der einzigartigen IT-Plattform SchwarmDirigent Vorreiter für intelligente Geschäftsprozesse und die Vernetzung dezentraler Energien. LichtBlick-CEO Heiko von Tschischwitz (im Bild oben) im Gespräch mit Timm Krägenow, Chefredakteur der Fachzeitung „Energie & Management“.

IT ist unser Kerngeschäft

E&M: Herr von Tschischwitz, was halten Sie von dem dringenden Rat an viele Energieversorger, ihre Informationstechnik per Outsourcing möglichst schnell loszuwerden?

von Tschischwitz: Wir sehen diese Frage komplett anders. Der zweite Mitarbeiter, den wir 1999 eingestellt haben, ist unser heutiger IT-Leiter. Wir haben schon damals gesagt, dass eine immer dezentraler werdende Energiewirtschaft ohne IT nicht vorstellbar ist. Energieversorger, die heute glauben, dass IT nicht ihr Kerngeschäft ist und die IT mit dieser Intention outsourcen, kommen mir vor wie ein Telekom-Manager, der vor 30 Jahren gesagt hätte, IT ist kein Kerngeschäft für die Telekommunikation. Heute ist diese nur noch IT – und den gleichen Weg wird die Energiewirtschaft gehen.

E&M: Wie war es bei LichtBlick?

Über die IT-Plattform SchwarmDirigent steuert LichtBlick alle Geschäftsprozesse vom virtuellen Kraftwerk bis zur Abrechnung mit dem Endkunden
Über die IT-Plattform SchwarmDirigent steuert LichtBlick alle Geschäftsprozesse vom virtuellen Kraftwerk bis zur Abrechnung mit dem Endkunden

von Tschischwitz: Wir haben bei unserem Start 1999 nach einem IT-Dienstleister gesucht, der die von uns verlangte Flexibilität bietet. Ich glaube, dass wir großes Glück gehabt haben, dass wir ihn nicht gefunden haben. Damals hat unser heutiger IT-Leiter, ein Studienfreund von mir, gesagt: Das können wir auch selbst machen. Ich habe ihn am Anfang nicht ernst genommen und gesagt, wir nehmen IT zwar wichtig, aber sind immer noch ein Energieunternehmen.

Eine Woche später kam er wieder und hat mir im Detail erklärt, wie er sich das vorstellt. Wir haben uns dann hingesetzt, Chancen und Risiken abgewogen und festgestellt, dass wir eigentlich gar keine Alternative haben, wenn wir das erreichen wollen, was wir uns vorgenommen hatten. Die vorhandenen Systeme kannten zum Beispiel nur Zähler, wir wollten aber Kunden mit zum Teil mehreren Abnahmestellen und auch Interessenten abbilden.

Softwareentwickler denken bei neuen Geschäftsmodellen von vornherein mit

E&M: Haben Sie nicht gedacht, das wird eine Nummer zu groß?

von Tschischwitz: Wir haben gesagt, IT ist kein Hexenwerk, wenn man das Gesamtvorhaben ernst nimmt und ihm von vornherein die entsprechende Priorität einräumt. Unser großer Vorteil gegenüber einem Software-Unternehmen ist, dass wir die Energiewirtschaft, also das Branchengeschäft, genauso ernst genommen haben wie die IT.

Wir haben als Energieversorger ein ureigenes Interesse daran, unseren Kunden so viel Flexibilität wie möglich zu bieten und die Geschäftsprozesse dabei gleichzeitig so effizient wie möglich zu gestalten. Bei uns sind die Softwareentwickler schon beim ersten Nachdenken über neue Geschäftsmodelle maßgeblich und verantwortlich eingebunden. Und dabei sind die IT-Verantwortlichen natürlich auch verantwortlich für die Geschäftsprozesse. Wir entwickeln die Software für unser eigenes Kerngeschäft und haben insofern ein enormes Interesse, sie zu optimieren.

E&M: Wie gehen Sie mit dem Thema Outsourcing um?

von Tschischwitz: Wir sourcen überhaupt nichts aus, bis auf ein paar Standarddinge wie zum Beispiel Wetterprognosen. Wir bilden sämtliche Systeme zur Verwaltung unserer Privat- und Firmenkunden selber ab und programmieren mit dem SchwarmDirigenten unser eigenes virtuelles Kraftwerk. Dabei setzen wir natürlich alle regulatorischen Vorgaben, die zum Beispiel von der Bundesnetzagentur kommen, direkt um. Seit unserem Start setzen wir auf leistungsfähige, flexibel anpassbare und zum Großteil eigenentwickelte Plattformlösungen. Wir sind der tiefen Überzeugung, dass der über die so genannten Standard-Lieferantenprozesse gemanagte Endkundenmarkt – also die klassische Lieferung von Strom und Gas an Haushalte und Geschäftskunden – und der Markt, der heute noch als virtuelles Kraftwerk bezeichnet wird, zusammenwachsen werden.

Verbraucher werden Erzeuger: der alte und der neue Energiemarkt wachsen zusammen

E&M: Wie genau stellen Sie sich das vor?

von Tschischwitz: Jeder Stromkunde wird in Zukunft Teil des Gesamtsystems sein, als Betreiber einer Solaranlage, eines BHKWs, eines Elektroautos oder einer stationären Batterie. Es werden immer mehr Kunden aus der alten Welt, in der sie nur Verbraucher waren, in die neue Welt, in der sie zu Erzeugern werden, wechseln. Wenn ein Energieversorger über so eine Entwicklung erschrickt und sagt, jetzt bist du aber kein Standardkunde mehr, dann wird das Ganze nicht mehr funktionieren, dann hat er bald ein existenzielles Problem. Als Versorger ist man nur zukunftsfähig, wenn man sein Geschäft auf Prozessen aufgebaut hat – und das betrifft insbesondere die IT-Systeme und die Organisationsstrukturen, die ein problemloses Wechseln in den dezentralen Prosumer-Markt ermöglichen.

E&M: Welches Vorgehen würden Sie einem Unternehmen vorschlagen, das noch keine IT hat oder über eine Ersatzinvestition nachdenkt?

Vernetzte Energie. Verbraucher werden zu Erzeugern. LichtBlick entwickelt für diesen Zukunftsmarkt neue Produkte und Dienstleistungen. Foto: panthermedia
Vernetzte Energie. Verbraucher werden zu Erzeugern. LichtBlick entwickelt für diesen Zukunftsmarkt neue Produkte und Dienstleistungen. Foto: panthermedia

von Tschischwitz: Wesentlich ist, sich Gedanken über Kundenbedürfnisse und die dafür erforderlichen Geschäftsprozesse zu machen, bevor man sich für ein IT-System entscheidet. Es geht darum, Geschäftsprozesse zu definieren, die Sie in die Lage versetzen, komplizierte dezentrale Produkte umzusetzen und dem Kunden gegenüber abzubilden.

Nehmen wir das Beispiel Mieterstrom: Die Hälfte des Stroms wird auf dem Dach oder im Keller selbst produziert, der Rest wird eingekauft. Und dieser Strommix wird dann dem Mieter angeboten. Die beiden Lieferquellen Dach beziehungsweise Keller und öffentliches Netz/Großhandel müssen bei der Abrechnung gegenüber dem Mieter auseinandergehalten werden, weil sie für den zugekauften Strom Netzentgelte, Konzessionsabgaben und alles mögliche bezahlen und für den vor Ort selbst produzierten Strom nicht. Mit so einer realen Herausforderung, wie es sie heute nun mal gibt, sind die meisten derzeitigen Geschäftsprozesse und IT-Lösungen völlig überfordert, weil klassische Energieunternehmen und die von ihnen verwendeten IT-Systeme immer von einer klaren Spartengliederung ausgehen.

Wir haben schon immer aus Kundensicht gedacht

E&M: Welche Herausforderungen muss ein IT-System in der Zukunft beherrschen?

von Tschischwitz: Das übliche Herangehen ist: Wir machen ein System für Kraftwerke, eins für Netze und dann machen wir noch ein Customer-Relations-Management-System für den Vertrieb. Tatsächlich aber geht es in Zukunft darum, diese Systeme spartenübergreifend zu verschmelzen. Unsere Geschäftsprozesse und Informationstechnik können das, weil wir schon immer nicht in Sparten, sondern alles aus Kundensicht gedacht haben.

Wir haben die Mitarbeiter, die das energiewirtschaftliche Fachwissen besitzen, die übergreifende Geschäftsprozesse verstehen und die direkten Zugriff auf unsere IT-Systeme und Schnittstellen haben und diese sehr schnell und flexibel entsprechend anpassen können. Etablierte Standardsoftware ist da bei weitem nicht so flexibel und schnell anpassbar. Zudem muss man sich dann häufig mit mehreren Softwareherstellern und Beratern abstimmen. Das ist ein aufwendiger und langwieriger Prozess, der bei den heutigen, sich schnell verändernden Märkten eine große Bremse sein kann.

E&M: Und Ihr System kann mehr?

von Tschischwitz: Noch ein ganz einfaches Beispiel, sogar aus der „alten“ Welt: Wir haben gesagt, wir wollen unseren Kunden Prämien in von ihnen wählbarer Form von Frei-Kilowattstunden, Euro-Gutschriften oder Spenden an gemeinnützige Organisationen mit Spendenquittung geben können. Unsere Prozesse und unsere IT beherrschen das, und zwar seit 15 Jahren. Ich kenne kein anderes System, das das kann.

Bei LichtBlick arbeiten mehr IT’ler als Energiehändler

E&M: Ist LichtBlicks Zukunft also die, ein IT-Unternehmen zu sein?

von Tschischwitz: Keine Frage. So ist es. Wir sind bei LichtBlick 400 Leute. Davon sind 100 ITler und nur 50 Energiewirtschaftler. Wir sind so gesehen also viel mehr ein IT-Unternehmen als ein Energieunternehmen. Seit wir verstanden haben, welche massiven Probleme unsere Marktpartner mit ihren IT-Systemen haben, spielen wir ernsthaft mit dem Gedanken, neben der Energieversorgung – die IT ohnehin als Kernkompetenz braucht – zusätzlich auch IT-Dienstleistungen anzubieten. Wir können uns vorstellen, unsere Fähigkeiten anderen Energieunternehmen als Dienstleistung zur Verfügung zu stellen und führen konkrete Gespräche dazu.

E&M: Würden Sie kleinen Versorgern raten, selbst die komplette IT-Kompetenz im Haus aufzubauen?

von Tschischwitz: Nein, das geht überhaupt nicht. Doch wenn ich meine Informationstechnik outsource, muss ich mir trotzdem bewusst bleiben, dass IT die Grundlage für mein Kerngeschäft wird. Zuallererst sollte man sich über seine internen Geschäftsprozesse Gedanken machen. Um in Zukunft überhaupt noch Energiewirtschaft machen zu können, braucht man eine spartenübergreifende IT mit weit höherer Komplexität als heute.

Als kleines Stadtwerk wäre es sicher falsch zu sagen, ich baue jetzt die Kompetenz auf, um das komplett alleine zu machen. Da ist Outsourcen sicher die richtige Lösung – aber eben nicht im Sinne von ‚Ist ja nicht mein Kerngeschäft‘, sondern in dem Bewusstsein, dass das ein absoluter Schlüsselfaktor für die Zukunft ist. Ich muss einen Partner finden, der so etwas kann. Und ich muss intern Kompetenz vorhalten, um weiter Herr der Prozesse zu sein.

Abdruck des Interviews mit freundlicher Genehmigung von Energie & Managment.


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3 Kommentare

  • Michael sagt:

    Wie wäre es eigentlich, als Internet-Provider über Powerline anzufangen? RWE hatte es doch mal vor. Wäre wohl besonders in kleinen Orten, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen ein Knaller wenn es dort auf einmal über die Schuko-Steckdose schneller ginge als über die TAE-Dose oder Mobilfunk, und das ohne neue Kabel legen zu müssen. Selbst wenn hier und da eine Art „Verstärkerhäuschen“ hin müsste.


  • Michael sagt:

    Mein Chef meinte mal „Sie sind ja nicht produktiv“ was wohl heißen sollte, dass die hausinterne IT-Abteilung nicht direkt zum Erlös der Firma beiträgt, wie z. B. die Verkaufsabteilung. Da scheint man in Hamburg zum Glück schon weiter zu sein.


  • Kim Werner sagt:

    legere und kurz:
    Finde ich einfach nur klasse, welche Ziele gesteckt werden. Nur eine Frage habe ich noch:
    Warum gibt es kein like Button.

    liebe Grüße
    Kim Werner


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