SCHWARMENERGIE

EEG 2.0: Pflicht zur Direktvermarktung

Der Ökostrom, der in Deutschland durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gefördert wird, wird derzeit vor allem von den Netzbetreibern an der Strombörse vermarktet. Für diese vom Gesetzgeber festgelegte Rolle fehlt den Netzbetreibern jedoch die Kompetenz.  Um die Vermarktung des erzeugten Ökostroms sollten sich in Zukunft wieder die Betreiber von Öko-Kraftwerken oder von ihnen beauftragte Dienstleister kümmern. Diese Direktvermarktung würde höhere Erlöse bringen als die Strombörse. So könnte die Ökostrom-Umlage für die Stromverbraucher sinken.

Dezentrale Energie: Bereits 1,3 Millionen grüne Mini-Kraftwerke

Es gibt immer mehr dezentrale Energie in Deutschland - wie die LichtBlick-ZuhauseKraftwerke, Foto: LichtBlick
Es gibt immer mehr dezentrale Energie in Deutschland – wie die LichtBlick-ZuhauseKraftwerke, Foto: LichtBlick

Die Welt wird dezentral und elektrisch. Vielleicht sind das – neben der Umstellung auf eine vollständig regenerative Energieerzeugung – die zwei wesentlichen Schlussfolgerungen aus der in Deutschland beschlossenen Energiewende.

In der dezentralen Welt sind wir, auch wenn wir das auf den ersten Blick nicht wahrhaben wollen, schon heute angekommen. 1,3 Millionen dezentrale, erneuerbare Anlagen erzeugen und speisen bereits heute Strom ins Netz ein. Hinzu kommen rund 40.000 dezentrale Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK). Zunehmend elektrisch wird die Welt, wenn regenerative Erzeugungsüberschüsse die derzeit noch vorhandenen hohen fossilen Anteile verdrängt haben und anschließend im Wärme- und Verkehrssektor die Anteile anderer Energieträger kontinuierlich reduzieren.

Hinter der Dezentralität, die mit dem weiteren Ausbau der regenerativen Erzeugung zunehmen wird, stehen Endkunden und oftmals private Investoren, die gepaart mit einem Hang zur Autarkie, ihren Beitrag zur Lösung der Energie- und Klimaprobleme leisten wollen. Die Netzbetreiber haben eine gesetzliche Pflicht, diese Anlagen an ihr Netz anzuschließen und – sowohl im KWK-Gesetz als auch im Erneuerbare-Energien-Gesetz – den erzeugten Strom ins Netz aufzunehmen. Den EEG-Strom müssen die Netzbetreiber – sofern der Anlagenbetreiber sich nicht für einen Weg der Direktvermarktung entscheidet – vermarkten und den Anlagenbetreibern die gesetzlich festgelegten Vergütungen auszahlen.

Die „Marktintegration“ der erneuerbaren Energien darf deren Ausbau nicht abwürgen

Zentrale Frage des zukünftigen Marktdesigns ist es, wie dieses, derzeit durch das EEG vom Marktgeschehen abgeschirmte System sinnvoll, dauerhaft und vollständig in den Markt integriert werden kann. Diese Marktintegration muss sicherstellen, dass der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien nicht abgewürgt wird. Denn Marktintegration soll einen marktwirtschaftlichen Rahmen für die Energiewende bilden, sie also unterstützen und sie nicht durch die Hintertür verlangsamen oder gar beenden. Wichtigste Randbedingung für das neue Marktdesign ist also, für Investoren weiterhin Investitionssicherheit sicherzustellen.

Bei der Analyse des derzeitigen Ordnungsrahmens fällt auf, dass die Netzbetreiber bei der Vermarktung der erneuerbaren Energien in eine Rolle gedrängt werden, die ihnen per Marktdefinition nicht zusteht und die sie nicht ausfüllen können. Den Netzbetreibern kommt aufgrund ihrer Rollenzuordnung im Markt die Aufgabe zu, für den Netzanschluss, den Netzausbau und die Netzstabilität zu sorgen. Sie sind keine Vermarkter von Strom. Sie betreiben kein Trading, sie haben kein Prognose-Knowhow, sie handeln und optimieren keine Energieflüsse. Mit der Liberalisierung des Messwesens werden sie auch nur noch begrenzt mit der Datenerfassung und dem Datenaustausch zu tun haben. Mit Energie haben sie aus ihrer Marktrolle heraus nur zu tun, wenn sie Energie zum Ausgleich der in ihren Netzen auftretenden Verluste beschaffen müssen.

Der erste Schritt der EEG-Reform muss sein, den Netzbetreibern ihre ursprüngliche Rolle zurückzugeben

Insofern muss der erste Schritt einer Reform sein, den Netzbetreibern auch im Rahmen der Vermarktung von erneuerbaren Energien die Rolle zu geben, die sie übernehmen können. Das ist nicht die Rolle des Vermarkters, sondern die Rolle desjenigen, der den Netzanschluss und die Netzstabilität sicherstellen kann und muss. Diese Definition und Abgrenzung – so wie sie der Bundesverband Neuer Energieanbieter (bne) schon seit Jahren einfordert – ist auch in Hinblick auf den weiteren Liberalisierungsprozess wichtig, ohne den die Energiewende nicht erfolgreich bewerkstelligt werden kann.

Die klare Abgrenzung zwischen Monopolmarkt – also dem Netzbetrieb – einerseits und den Aufgaben und Leistungen, die im Wettbewerb stehen, andererseits ist eine zentrale Aufgabe eines langfristig tragfähigen und sauber strukturierten neuen Marktdesigns. Die Bundesnetzagentur ist in dieser Rollendefinition mit der Unterscheidung in die smart grids einerseits und die smart markets anderseits inhaltlich richtig und zielführend unterwegs. Der Begriff des dienenden Netzes beschreibt hier die zukünftige Rolle der Netzbetreiber richtig.

Freier Markt für Dienstleistungen im Stromnetz

Die Netzampel ist ein wichtiges Element in dieser Marktabgrenzung, weil hier der Netzbetreiber verpflichtet wird, alle Aufgaben der Versorgungssicherheit und Netzstabilität wettbewerblich zu organisieren. Nur im kritischen Fall eines drohenden Kollapses (rote Ampel) kann er hart eingreifen und Erzeuger und Verbraucher ab- und/oder einschalten. In allen anderen Netzzuständen (grüne und gelbe Ampel) muss er die Dienstleistungen und Kapazitäten, die er für einen sicheren Netzbetrieb benötigt, im Wettbewerb ausschreiben. Vertriebe, Erzeuger und Dienstleister können sich an diesen Ausschreibungen beteiligen und stellen mit ihren Angeboten die wettbewerbsfähigste, effizienteste und preisgünstigste Dienstleistung dem Markt zur Verfügung.

Eingespielt ist dieses Verfahren auf der Ebene der Übertragungsnetzbetreiber. Die dort gelernten Prozesse müssen jetzt auf die Verteilnetzebene erweitert werden. Anders ausgedrückt: Alles, was jetzt an Systemdienstleistungen auf der Verteilnetzebene eingerichtet wird, muss in Prozessen und Fristen kompatibel zu dem sein, was auf Übertragungsnetzbetreiber-Ebene bereits heute Standard ist. Zusammengefasst kann bis hierhin festgehalten werden, dass die systematische Trennung zwischen Netz und Monopol in einer Reform des EEG umgesetzt werden muss.

Der zweite Schritt: eine Pflicht für Ökostrom-Erzeuger, sich um die Vermarktung zu kümmern

Der wachsende Ökostrom-Anteil muss direkt vermarktet werden, Grafik: LichtBlick
Der wachsende Ökostrom-Anteil muss direkt vermarktet werden, Grafik: LichtBlick

Diese Erkenntnis führt direkt zum zweiten Schritt einer notwendigen Marktreform: Es muss ein Markt für die Vermarktung der erneuerbaren Energien geschaffen werden. Dies geschieht am einfachsten, wenn eine gesetzliche Verpflichtung für alle Betreiber erneuerbarer Anlagen eingeführt wird, die erzeugten Mengen direkt zu vermarkten. Das bedeutet, dass sich jeder Anlagenbetreiber einen Dienstleister suchen muss, der die von ihm erzeugten Mengen bestmöglich vermarktet und damit in den Markt integriert.

Diese Dienstleister können Vertriebsgesellschaften sein, die die erneuerbaren Mengen im Rahmen von Endkundenportfolien an ihre Kunden liefern, das können Großhandels- und Kraftwerksgesellschaften sein, die die Mengen an den Großhandelsplätzen zu Bestpreisen vermarkten, das können Unternehmen sein, die das Grünstromprivileg nutzen oder gegen Eigenbedarf optimieren. Gegen Eigenbedarf optimieren bedeutet dabei, aus Sicht der Kunden ein wirtschaftliches Optimum aus regenerativer Solarstromerzeugung, Strombezug aus dem Netz und Einspeisung zu erzielen.

Viele weitere Ideen und Vermarktungsmöglichkeiten werden sich ergeben. Dafür wird der Wettbewerb sorgen – sofern er denn gesetzlich verpflichtend für alle Anlagenbetreiber eingeführt wird. Die Netzbetreiber sind damit aus ihrer derzeitigen Rolle der Vermarktung befreit. Sie konnten sie auch nicht ausfüllen, weil sie weder Endkunden noch Zugänge zu den Handelsplätzen noch andere innovative Geschäftsansätze zur Verfügung hatten. Sie hatten noch nicht einmal angemessene und sichere Prognoseverfahren, um die erzeugten Mengen zeitgleich an die Übertragungsnetzbetreiber weiterzureichen.

Neue Berechnungsbasis für die EEG-Umlage: Erlös der Direktvermarktung statt allgemeiner Börsenstrompreis

Diese Vermarktungspflicht ist, kurz gesagt, die Verpflichtung zur Direktvermarktung ohne die Managementprämie des Marktprämienmodells. Damit Investitionssicherheit für die Investoren bestehen bleibt, muss die Differenz zwischen Vermarktungserlös und Einspeisevergütung – wie bisher – dynamisch ausgeglichen werden.

Ein Baustein dieser Marktreform wird außerdem sein müssen, den gesamten Bereich der Stromkennzeichnung zu reformieren. Denn dass die regenerative Qualität im Rahmen der Stromkennzeichnung im Grünstromprivileg genutzt werden darf, im Marktprämienmodell aber verboten ist, ist keinem zu vermitteln. Hinzu kommen Anwendungs“regeln“ des BDEW, die finanzielle Umlagen, die „normale“ Endkunden für privilegierte Kunden leisten, in nicht vorhandene, fiktive regenerative Anteile hochrechnen – das ist ebenso absurd. Regenerative Qualitäten müssen im Rahmen der notwendigen EEG- und Energiewirtschaftsgesetz-Reform also auch nutzbar gemacht und damit dem im oben genannten Sinne neu geschaffenen Markt zur Verfügung gestellt werden.

Wenn wir jetzt noch einen gut klingenden Namen für den Vorschlag der verpflichtenden Direktvermarktung für Anlagenbetreiber von Erneuerbaren-Anlagen finden, dann haben wir einen Vorschlag, der den Rechtsrahmen weiter konsequent strukturiert und der einen neuen Wettbewerbsmarkt für die erneuerbaren Energien schafft. Dieser Vorschlag wird nicht alle Probleme der Energiewende lösen können. Er kann aber einen wichtigen Beitrag zur Marktintegration der Erneuerbaren dadurch leisten, dass er verpflichtend für alle einen neuen Marktplatz für die Energiemengen schafft, die mittelfristig über 80 Prozent der Erzeugung bereitstellen sollen.


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