MEINUNG & POSITION

Zum IPCC-Sachstandsbericht: Erwärmung plus Rauschen

Ein Gastbeitrag vom Medienpartner klimaretter.info

Der Weltklimarat tagt in Stockholm. Am Freitag will er den neuen IPCC-Sachstandsbericht vorstellen. Vor allem eine Frage ist brisant: Warum steigt die CO2-Konzentration in der Atmosphäre, die Temperaturen aber in letzter Zeit nicht? Ein kalifornisches Forscherteam machte jüngst als eine der Ursachen das Wetterphänomen La Niña aus. Es fördert im Pazifik zurzeit besonders viel kaltes Tiefenwasser an die Oberfläche. So kann der Ozean mehr Wärme aufnehmen als im langjährigen Mittel. Stefan Rahmstorf, Leiter des Forschungsbereichs Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, im klimaretter.info-Interview.

Einfluss von El Niño und La Niña

Herr Rahmstorf, ist die Arbeit der kalifornischen Forscher ein Durchbruch für die Erklärung der Erwärmungspause oder nur ein Mosaikstein?

Es gibt für die Entwicklung der globalen Durchschnittstemperatur verschiedene Einflüsse auf unterschiedlichen Zeitskalen. Langfristig haben wir eine Erwärmung durch die steigenden Treibhausgaskonzentrationen. Dem sind kurzfristige Schwankungen überlagert und dazu gehört auf jeden Fall – das ist inzwischen sehr gut belegt und nicht mehr umstritten – die Schwankung im tropischen Pazifik zwischen El Niño und La Niña. Da wir in den letzten Jahren mehr kühle La-Niña-Jahre hatten und weniger warme El-Niño-Ereignisse, kann man in letzten zehn oder 15 Jahren einen deutlich verlangsamten Erwärmungstrend feststellen.

Das ist aber nicht der einzige Grund. Es werden noch weitere Dinge diskutiert wie die Aerosolkonzentration in der Atmosphäre, die einen abkühlenden Effekt hat. Der ist allerdings recht unsicher, weil man ihn nicht so genau messen kann.

Außerdem gibt es die Schwankung der Sonnenaktivität. Die letzten 15 Jahre waren in der ersten Hälfte durch ein Sonnenmaximum, in der zweiten aber durch ein besonders langes, tiefes Sonnenminimum geprägt. Auch das trägt zu einer Verlangsamung der Erwärmung bei, wenn man sich auf einen so kurzen Zeitraum fokussiert.

Schwankungen berücksichtigen

Wie kann es sein, dass wir Rekordjahre haben, wenn sich der Trend der globalen Erwärmung abflacht? Sind das Ausreißer auf ohnehin schon hohem Niveau?

Immer noch warm: Der Juni 2013 war laut der US-Wetterbehörde NOAA der fünftwärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1880. (Grafik: NOAA)
Immer noch warm: Der Juni 2013 war laut der US-Wetterbehörde NOAA der fünftwärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1880. (Grafik: NOAA)

Es liegt eben daran, dass die Temperatur von Jahr zu Jahr schwankt. Das Rekordjahr 2010 war flankiert von kühleren Jahren. 2008 war ein starkes La-Niña-Jahr und 2011, 2012 waren auch wieder relativ kühl. Wenn Sie einen linearen Trend berechnen, wird das rekordwarme Jahr 2010 auf diese Weise ausgeglichen. Aber das alles bewegt sich im Rahmen der natürlichen Schwankungen, die hauptsächlich, aber nicht ausschließlich, durch den Wechsel von El Niño und La Niña hervorgerufen werden. Das zeigt nochmals die neue Studie.

Wir haben 2011 in einem Artikel genauso argumentiert, in dem wir eine einfache Korrelationsanalyse zwischen El Niño und der globalen Temperatur beschrieben haben. Das bestätigt sich jetzt durch die neue Studie mit Hilfe von Modellsimulationen. Und es bestätigt sich noch auf eine dritte Weise, nämlich durch die Messungen der Temperaturen in den Weltmeeren.

Erwärmung plus Rauschen

Die Erwärmungspause wird von den sogenannten Klimaskeptikern benutzt, um zu behaupten, dass die Klimamodelle nicht funktionieren. Hat es die wissenschaftliche Community beunruhigt, dass man für die Erwärmungspause bisher keine Erklärung hatte?

Nein. Das ist aus meiner Sicht nichts Überraschendes, sondern wir haben erwartet, dass der Erwärmungstrend überlagert ist von kurzfristigen Schwankungen. Das ist ja schon immer der Fall gewesen. Zum Beispiel habe ich 2007 mit einigen Kollegen in Science einen Artikel über die Temperaturentwicklung veröffentlicht. Damals zeigten die 15 Jahre vorher gerade einen besonders steilen Erwärmungstrend, fast doppelt so steil wie der Langzeitrend. Da haben wir damals auch nicht gesagt: „Ganz schrecklich, die globale Erwärmung läuft doppelt so schnell ab wie erwartet.“ Sondern wir haben gesagt, dass es ein natürliches Rauschen um den Trend herum gibt. Das, was damals galt, gilt heute genauso. Es ist, zumindest bislang, keine signifikante Veränderung in der Erwärmung, sondern es ist Erwärmung plus Rauschen.

Wie kann die globale Durchschnittstemperatur von 1991 bis 2006 steil gestiegen sein, wenn sie von 1998 bis heute flacher verlief?

Das Täuschende sind die Kurzzeittrends. Die 15 Jahre bis 2006 fangen mit ein paar besonders kühlen Jahren an und enden kurz nach dem besonders warmen Jahr 2005 – das war das Rekordjahr vor 2010. Das besonders heiße Jahr 1998 liegt dann irgendwo in der Mitte und beeinflusst deswegen den Trend nicht. Es beeinflusst ihn, wenn es am Beginn oder am Ende steht. Deswegen betrachten wir in der Klimaforschung seriöserweise immer längerfristige Trends.


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