MEINUNG & POSITION

Wir glauben fest an dezentrale Energie

Wähler sollten genau auf Energiethemen der Partein schauen, wünscht sich Heiko von Tschischwitz, Foto: LichtBlick
Wähler sollten genau auf Energiethemen der Partein schauen, wünscht sich Heiko von Tschischwitz, Foto: LichtBlick

Noch 2 Tage bis zur Wahl: Viele kleine Kraftwerke, die an unzähligen Orten die Energieversorgung eines ganzen Landes sichern – sieht so die Energieerzeugung der Zukunft aus? Und welche Rolle spielen Großkraftwerke wie das in Hamburg-Moorburg dabei? Auch darüber, warum er sich für ein Ja zum Volksentscheid und einen hundertprozentigen Rückkauf der Energienetze in Hamburg einsetzt, spricht Heiko von Tschischwitz, Vorsitzender der Geschäftsführung von LichtBlick, in diesem Interview.

Zentralistische Großkraftwerke sind der falsche Weg

Herr von Tschischwitz, das Ökostrom-Potenzial für Hamburg wächst stetig. Wenn alle geplanten Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee ans Netz gehen, erst recht. Was heißt das für ein Unternehmen wie LichtBlick?

Wir glauben, dass der Ausbau der Offshore-Windparks der völlig falsche Weg ist. Genauso falsch wie der Kraftwerksbau in Moorburg.  Beides sind zentralistische Systeme, die an einer Stelle Hunderte von Megawatt Strom erzeugen und ins Netz einspeisen. Das kostet auch mehr als beispielsweise Windkraftanlagen auf dem Festland. Wir glauben an die Dezentralisierung der Energieerzeugung, durch Solar-Dachanlagen oder Blockheizkraftwerke in den Kellern der Wohnhäuser. Dadurch wird Strom und Wärme vor Ort erzeugt und dort verbraucht. Und der sehr kostenintensive Ausbau der Stromnetze erübrigt sich dadurch auch weitgehend.

Was halten Sie von den Ökostromangeboten der großen Energieunternehmen?

Alle Versorger bieten heute Ökostrom an. Die Kunden müssen aber genau hinschauen. Ökostrom von einem Anbieter, der zugleich Kohlekraftwerke baut, ist sicher keine Entscheidung für die Energiewende.

Die Preise von Hamburg Energie sind nicht seriös nachvollziehbar

Wie kommen die teilweise horrenden Preisspannen zustande?

Die Preisspanne kommt durch die Discountanbieter auf der einen und die sehr teuren Grundversorger auf der anderen Seite zustande. LichtBlick ist kein Billiganbieter, zugleich gibt es aber auch noch wesentlich teurere Angebote als unsere. Was die Billiganbieter angeht, die teilweise deutlich unter uns anbieten, so handelt es sich hier um Dumpingpreise.

Dazu gehört beispielsweise auch Hamburg Energie. Hier wird munter quersubventioniert von Hamburg Wasser und das prangern wir natürlich an. Diese Preise sind nicht seriös nachvollziehbar, weil hier für jeden akquirierten Kunden obendrauf gezahlt wird. Das ist natürlich zulässig – aber dass ein städtischer Anbieter eine solche Preispolitik verfolgt, ist unlauter.

Es führt zudem dazu – wie beispielsweise bei Yello Strom –, dass am Ende die Preise für die Bestandskunden hochgehievt werden, wenn der Kundenstamm groß genug ist. Dann sind die ehemaligen Billiganbieter plötzlich gar nicht mehr so günstig und liegen mit ihren Preisen oft über den unsrigen. Bei uns zahlen Neu- und Bestandskunden dagegen garantiert immer den gleichen Stromtarif.

Wir können das Geschäftsmodell für ZuhauseKraftwerke flexibel dem Markt anpassen

Wie viele LichtBlick ZuhauseKraftwerke soll es in Zukunft geben?

Wir wollen bundesweit 100.000 Zuhause-Kraftwerke ans Netz bringen, das ist nach wie vor unser Plan. Aber da legen wir uns nicht auf ein Jahr fest. Ganz einfach deshalb, weil die politischen Rahmenbedingungen und auch die Marktsituation sich nicht gleichmäßig entwickeln. Und wir entsprechend das Geschäftsmodell für das Zuhausekraftwerk immer wieder anpassen müssen. Was Vattenfall mit Moorburg übrigens nicht so einfach kann.

Wo liegt der Unterschied von ZuhauseKraftwerken bei der Energieproduktion gegenüber Großkraftwerken?

Das ZuhauseKraftwerk von LichtBlick bringt dezentrale Energie voran, Foto: LichtBlick
Das ZuhauseKraftwerk von LichtBlick bringt dezentrale Energie voran, Foto: LichtBlick

ZuhauseKraftwerke können Sie so schnell an- und ausschalten wie ein Auto. Wir reden da von einer Anlaufzeit von nicht mehr als 15 Sekunden, bis die Stromerzeugung läuft. Dagegen ist für Großkraftwerke wie Moorburg überhaupt nur eine gewisse Anzahl an Starts und Stopps im Jahr vorgesehen. Dazu kommen die viel stärkeren Temperaturschwankungen, die beim Hoch- und Runterfahren entstehen. Dadurch verschleißt das Material, mit dem Kessel und Leitungen gebaut wurden, auch viel schneller. Der Energieversorger der Zukunft wird daher keine Großkraftwerke mehr bauen, sondern dem Stromkunden dabei helfen, die von ihm selbst erzeugte Energie sinnvoll einzusetzen. Dabei kann es um die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach oder um das ZuhauseKraftwerk im Keller gehen.

Das Kohlekraftwerk Moorburg ist eine gigantische Fehlinvestition

Vor rund fünf Jahren wurde der Bau des Kohlekraftwerks in Moorburg bewilligt. Wie beurteilen Sie diese historische Entscheidung aus heutiger Perspektive?

Es hat schon eine gewisse Komik, dass ich heute von meinem Büro aus auf das Kraftwerk in Moorburg blicke, das wir als Unternehmen, aber auch ich als Person immer bekämpft haben. Wir waren von Anfang an gegen diesen Energie-Dinosaurier aus einer anderen Zeit. Diese gigantische Fehlinvestition, die Vattenfall mittlerweile ja sogar selbst einräumt. Laut den aktuellen Unternehmenszahlen wurden 2,3 Milliarden Euro investiert und bereits eine Milliarde abgeschrieben. Wir fragen uns hier intern, wann denn die zweite Milliarde kommt.

Das Ding rechnet sich hinten und vorne nicht, weil durch den Anschluss so viel Strom in das Netz drückt, der überhaupt nicht mehr benötigt wird. Wirtschaftlich richtig wäre die Entscheidung, das Kraftwerk zurückzubauen. Doch die Kollegen bei Vattenfall trauen sich das nicht, weil sie dann die Fehlentscheidung für den Kraftwerksbau einräumen müssten und die eigene Zukunft aufs Spiel setzen. Das ist menschlich sogar verständlich.

Unter welchen Umständen könnte der Vattenfall-Konzern Ihrer Meinung nach am Ende über Moorburg stolpern?

Ich bin skeptisch, was die Zukunft von Vattenfall angeht. Das hat nicht nur was mit Moorburg zu tun. Es gibt eine Reihe derartiger Fehlentscheidungen. Die Atomkraftwerke, aber auch die Geschäftspolitik insgesamt. Zwar rechnen sich Vattenfalls Braunkohlekraftwerke noch, doch auch hier handelt es sich um fossile Energie-Dinosaurier, so wie das Steinkohlekraftwerk in Moorburg.

Strom aus Wind und Sonne ist heute schon billiger

Weder Strom noch Wärme des Kraftwerks werden in die städtischen Netze in Hamburg fließen. Welchen Sinn macht das Kraftwerk vom heutigen Standpunkt aus gesehen überhaupt noch?

Keinen, denn Strom aus Wind- und Sonnenenergie ist doch jetzt schon billiger, wenn sich die Investitionskosten erst einmal amortisiert haben. Und das geht vergleichsweise schnell. Denn hohe Betriebskosten wie in Moorburg alleine für den Brennstoff und das Personal haben Sie beispielsweise bei Photovoltaikanlagen nicht. Und dadurch, dass mittlerweile so viel Strom aus Erneuerbaren vorhanden ist und dieser Ökostrom einen Einspeisevorrang hat, wird Moorburg viel öfter hoch- und runtergefahren werden müssen als ursprünglich geplant. Das drückt auch auf die Kosten. Das wird ein Riesenproblem für Vattenfall, weil das Kraftwerk technisch dafür gar nicht ausgelegt ist.

Welchen Stellenwert räumen Sie der 25,1 Prozent-Beteiligung der Stadt Hamburg an den Energienetzen bei der Frage ein, wie die zukünftige Energieversorgung einer Großstadt wie Hamburg gestaltet werden soll?

Unabhängig vom Ausgang des Volksentscheids haben die Netzbetreiber Vattenfall und Eon gemeinsam mit der Stadt Hamburg schon längst vertraglich festgelegt, dass es auch dezentrale Erzeugungskapazitäten für die Energieversorgung Hamburgs geben soll. Beispielsweise über Kraft-Wärme-Kopplungs-Projekte. Hier hat sich die Stadt nur fälschlicherweise an die beiden Großen binden lassen.

Es ist unglaublich, dass sich die Stadt damals derart über den Tisch hat ziehen lassen, was wettbewerbliche Aspekte anbetrifft. Deswegen muss das zerschlagen und auf neue Füße gestellt werden. Die Bürger und Bürgerinnen müssen sich am 22. September ganz einfach fragen, ob Vattenfall und Eon wirklich die richtigen Partner für ihre Heimatstadt sind, wenn es um eine wirtschaftlich ausgewogene Energieversorgung geht. Und da spricht Moorburg als Beispiel ganz klar dagegen.

Die Netze sind wie ein Festgeldkonto

Angenommen, die Bürger stimmen beim Volksentscheid mehrheitlich für einen Rückkauf der Energienetze durch die Stadt. Wie, glauben Sie, wird sich Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz verhalten?

Herr Scholz spricht ja die ganze Zeit von einem wirtschaftlichen Risiko für die Stadt bei einem Rückkauf der Energienetze. Das ist Nonsens, denn die Netzrendite bei Strom und Gas ist staatlich reguliert. Risikoloser geht es also gar nicht. Deswegen kaufen Finanzinvestoren ja auch nichts lieber als Strom- und Gasnetze. Dazu kommt, dass die Refinanzierungskosten für eine Kommune wie Hamburg deutlich unter den gesetzlich garantierten Renditen des Netzes liegen. Einfacher kann man kein Geld verdienen. Die Netze sind wie ein Festgeldkonto.

Trotzdem sprechen die Netzkaufgegner von nichts anderem als den horrenden Kosten, die bei einem Rückkauf der Energienetze auf die Stadt zukommen werden.

Aktion für ein Ja beim Hamburger Netz-Volksentscheid
Aktion für ein Ja beim Hamburger Netz-Volksentscheid

Herr Scholz spricht von möglichen Verlusten, die man mit einem Rückkauf machen kann. Das kann man aber faktisch nicht. Und das kann man erst recht nicht, wenn man einerseits sowohl die Strom- als auch die Gas- und Fernwärmenetze betreibt, wie es nach einem hundertprozentigen Rückkauf der Fall wäre. Und dann andererseits die Synergien zwischen den Netzen nutzt, allein was Reparaturmaßnahmen betrifft. Denn dann müssen nicht an einem Tag die Vattenfall- und am nächsten Tag die Eon-Leute kommen und die Straße vor den Häusern aufreißen, sondern das wird dann aus einer Hand gemacht. Es ist eine einmalige, historische Chance, in Hamburg alle drei Netze zusammenzuführen, daraus ein Stadtwerk zu formen und eine konsolidierte Energiepolitik zu betreiben. Sich dagegen auszusprechen ist unverantwortlich.

Was, glauben Sie also, wird passieren?

Ich hoffe, dass sich die Bürger und Bürgerinnen am 22. September für einen Rückkauf der Energienetze aussprechen. Dass Herr Scholz danach plötzlich zum wilden Verfechter dezentral angelegter Energieerzeugung wird und den Energiemarkt rockt, das glaube ich nicht. Ich weiß allerdings nicht, was dann passiert. Denn dann fängt die eigentliche Arbeit ja erst an.

Das Interview führte Daniel Seemann, Redakteur unseres Medienpartners klimaretter.info


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1 Kommentar

  • Sigwart Zeidler sagt:

    Es freut mich, hier zu lesen, daß die Offshore-Windkraft der falsche Weg ist, da sie ein zentralistisches System ist. Dies entsprich nämlich exakt der Aussage, die ich selbst im Blogbeitrag „Von der Energiewende zur Energierevolution“ http://url9.de/qAB getroffen habe.
    Interessant ist dieser nun offiziell von Lichtblick vertretene Standpunkt deshalb, weil in der Studie „2050 Die Zukunft der Energie“ http://url9.de/MXG, welche ja von LB in Auftrag gegeben worden ist, noch von etwa 45% Anteil Offshorewindkraft an der gesamten Stromversorgung für das Jahr 2050 ausgegangen wurde. Zu dieser Einsicht mein herzlicher Glückwunsch.
    Dennoch scheint mir der Hinweis notwendig, daß die konventionellen BHKW nicht die endgültige Lösung auf dem Weg zur dezentralen Energieversorgung sein können. Mittel- bis langfristig kann nur die Nutzung der Vakuumenergie die Energieprobleme der Menschheit umweltgerecht und im Einklang mit den Naturgesetzen lösen. Ansätze dafür gibt es bereits. Ich erwähne hier nur die Nutzung der kalten Fusion durch den Italiener Rossi in seinem ECat, der in einer 1 MW-Version bereits lizensiert ist http://url9.de/MXF.
    Die Grundlagen und physikalischen Fakten zur Vakuumenergie sind am vollständigsten von Prof. Claus Turtur zusammengefasst worden: http://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=0e-w56VaO9A

    Sigwart Zeidler


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