MEINUNG & POSITION

Wer gegen wen? Ein Bericht aus dem Wendland jenseits von „Fronten“

Viel ist bereits geschrieben worden während des Atommüllstransportes im Wendland und auch im Vorfeld. In einer derart verhärteten Debatte erscheint es nahezu unmöglich Erlebtes und Gesehenes wiederzugeben und dabei objektiv zu bleiben, denn keine Debatte polarisiert und polemisiert derzeit mehr, als die rund um den Atomausstieg. Die Republik Freies Wendland ist in dieser Debatte zu deren Austragungsort geworden, nirgends manifestiert sich der Irrsinn einer vom Lobbyismus geprägten Politik deutlicher als dort.

Einerseits weil auf höchst fragwürdige Art und Weise ein Endlagerungsort für Atommüll „gefunden“ wurde der zu keinem Zeitpunkt einer war noch jemals sein kann. Andererseits weil die dort lebenden Menschen seit Jahrzehnten nicht bereit sind, sich mit dem „Atomklo“ in der Nachbarschaft abzufinden, sondern äußerst solidarisch und kreativ dagegen kämpfen.

Zehntausende reisen aus ganz Deutschland ins Wendland

Dieser Kampf hat nunmehr eine neue Qualität erreicht: die Solidarität mit den Wendländern weitet sich auf das gesamte Bundesgebiet aus. 10.000 reisen von überall her an, nehmen heftige Strapazen (langes Stehen und Sitzen, nötigste Verpflegung und eisige Temperaturen vor allem nachts unter freiem Himmel) und eventuelle Angriffe der Polizei durch Pfefferspray und Schlagstöcke während der Blockaden auf sich, um sich gegen eine Politik zu wehren, die von Grund auf undemokratisch ist, weil sie von weiten Teilen der Bevölkerung nicht gewünscht wird.

„Free yourself from the Tyranny of big business!“

Der Himmel über Dannenberg klart auf und die Sonne kommt pünktlich zu Beginn der Kundgebung am Samstag heraus. Die üblichen Zahlenspiele bezüglich der Teilnehmerzahl hört man auch hier: während Organisatoren der Veranstaltung von über 50.000 Menschen sprechen, geht die Polizei von 20.000 aus. Fest steht: es sind viele Menschen hier und es sind mehr als je zuvor – es ist die größte Kundgebung gegen Atomenergie im Wendland aller Zeiten. Die Redner bringen auf den Punkt um was es geht: den Wunsch nach einer aufrechteren und beherzteren Politik verbunden mit der Forderung, dass Politiker das Szepter wieder in die Hand nehmen und sich aus den Fesseln der Wirtschaft befreien müssen. „Free yourself from the Tyranny of big business!“ ruft Kumi Naidoo, Chef von Greenpeace International, adressiert an Kanzlerin Merkel und erntet dafür vehementen Beifall.

Neben weiteren gelungenen  Redebeiträgen von Luise Neumann-Cosel (x-tausendmalquer), Annelie Buntenbach (Mitglied des geschäftsführenden DGB-Bundesvorstands), Jürgen Schulz (Landrat des Landkreises Lüchow-Dannenberg), Kerstin Rudek (Vorsitzende der BI Umweltschutz Lüchow Dannenberg), Claas und Keit Chokolowitz (Bäuerliche Notgemeinschaft Lüchow-Dannenberg), Lars-Ole Walburg (Intendant Schauspiel Hannover) gibt es ein buntes Musikprogramm von und mit Rocko Schamoni, Bela B, LeFly, Rainer von Vielen, Irie Revoltes und den Lüneburger Schrott-Trommlern.

Soviel zu den positiven und schönen Seiten der Kundgebungen rund um den diesjährigen Castortransport.

 Die Wendländer machen mobil und sensibilisieren

Die Formulierung von Karsten Polke-Majewski in der Zeit online, der Widerstand im Wendland produziere „schöne Bilder“ halte ich für zynisch und – wie übrigens auch den Rest des Artikels, der mit „Lasst die Folklore sein!“ überschrieben ist -unerträglich. Die Proteste darauf zu reduzieren, dass sie der medienwirksamen Bilder wegen gemacht würden ist falsch. Richtig ist, dass die eigentlichen Entscheidungen nicht im Wendland sondern in der Berliner Regierungszentrale getroffen werden (müssen). Doch was bleibt den Menschen im Wendland anderes übrig, als zu mobilisieren und zu versuchen, mehr Menschen für die Tragweite politischer Entscheidungen zu sensibilisieren die ihre Region folgenschwer tangieren? Aufgeben? Den Kopf in den Sand stecken? Schweigen?

Seit der Entscheidung für Gorleben als Endlagerungsort ist so viel gelogen und manipuliert worden, sind so viele wissenschaftliche Berichte auf mysteriöse Weise verschwunden und die Menschen rund um Gorleben haben somit gute Gründe, sich mit allen Mitteln dagegen zur Wehr zu setzen. Nein, Gewalt ist sicher keine Lösung. Deswegen laufen die Blockaden und Demonstrationen auf Seiten der Demonstranten auch weitestgehend friedlich ab. Nicht mal das „Schottern“ der Gleise erfüllt – anders als von Frau Merkel feststellte – einen juristischen Tatbestand.

 Konfrontation zwischen Protestlern und Polizei

Bei den Blockaden wird schnell deutlich, dass es sich bei der Konfrontation von Demonstranten und Polizei um ein ungleiches Duell handelt. Eine inhomogene, bunte Menschenmasse, frei, entschieden, unabhängig und in der Lage, Solidarität zu leben steht einer nicht minder großen Anzahl schwerstuniformierter und damit behäbiger, kantiger Polizisten gegenüber, die in ihrem Handeln alles andere als frei und unabhängig agieren kann, sondern Befehle einer an der Nabelschnur der Wirtschaft hängenden Regierung empfangen und ausführen muss. Das scheint auch in Polizistenkreisen anzukommen- nach Stuttgart 21 und diesen Protesten werden auch Unmutsbekundungen seitens der Polizeigewerkschaft lauter.

 Und weitere Atom-Konvoi werden folgen

Herr Röttgen versucht aktuell die Debatte um die Laufzeitverlängerungen von der um die Transporte zu trennen und in gewisser Weise hat er damit auch recht. Allerdings steht das eine mit dem anderen in unmittelbarem Zusammenhang: Laufzeitverlängerungen von Atomkraftwerken verlängern auch das Leid und die Sorge der Menschen, die im Wendland leben, denn damit wird es auch noch länger Castortransporte hierher geben. Andere Endlagerungsstätten werden kategorisch ausgeschlossen beziehungsweise gar nicht erst gesucht. Sowohl die erfolgreichen und euphorisierten Demonstranten als auch die völlig ausgelaugten Polizisten müssen sich also auf eine neue Begegnung im Wendland einstellen wenn der nächste Castor rollt.

 Gewichtige Marktmacht des Verbrauchers

Abschließend möchte ich erwähnen, dass nicht nur politische Instanzen Entscheidungen über die Zukunft der Atomkraftwerke in Deutschland treffen  können. Die Nachfrage bestimmt das Angebot und dieser Umstand verleiht den Verbraucherinnen und Verbrauchern eine gewichtige Marktmacht. Wir haben die Möglichkeit den Atomausstieg selber herbeizuführen indem wir uns für einen der vier unabhängigen Ökostromanbieter entscheiden. Deutlich unterstrichen sei hier, dass es mittlerweile en vogue zu sein scheint, Ökostromprodukte ins Portfolio aufzunehmen – nahezu jeder Stromanbieter tut das. Wem Nachhaltigkeit wichtig ist und wer den Atomausstieg mitgestalten will, entscheide sich für einen unabhängigen Ökostromanbieter – denn nur diese werden die Energiewende mit einer nachhaltigen, zukunftsorientierten Stromversorgung vorwärts bringen.

Ein Beitrag von Achim Vogt, Regionalleiter Nord im Vertrieb bei LichtBlick


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2 Kommentare

  • Achim Vogt sagt:

    Dankeschön, Frau Williams!


  • Rebekka Williams sagt:

    auf den Punkt gebracht!


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