MEINUNG & POSITION

„Wenn jeder etwas tut, ist das Problem gelöst“

Dieses Interview wurde von Karin Deckenbach für das Onlinemagazin Klimaretter.info geführt. Das Onlinemagazin ist Medienpartner des LichtBlickBlogs.

Jorgen Randers, Leitautor des Berichts “2052 – Die Welt in 40 Jahren”, Foto: Jorgen Randers
Jorgen Randers, Leitautor des Berichts “2052 – Die Welt in 40 Jahren”, Foto: Jorgen Randers

Vor 40 Jahren rüttelte ihr Report die Welt auf: „Die Grenzen des Wachstums“. Nun schauen die Wissenschaftler des renommierten Club of Rome zurück und voraus. „2052 – Die Welt in 40 Jahren“ heißt ihr neuer Bericht. Darin werden die weltweiten Anstrengungen im Kampf gegen Umweltzerstörung und Klimawandel bilanziert und weitergerechnet, inklusive des Booms der erneuerbaren Energien. „Wir tun jetzt viel. Es ist genug, um das Bevölkerungsproblem in den Griff zu bekommen. Es ist genug, um das Ressourcenproblem zu lösen. Aber es ist nicht genug, um den Klimawandel zu begrenzen“, sagt der Leitautor des Berichts, der norwegische Professor Jørgen Randers, im Interview mit klimaretter.info.

„Wir müssen weinen“

klimaretter.info: Professor Randers, können wir nach der Lektüre Ihres Buches nur noch weinen über unsere schreckliche Dummheit und den baldigen Weltuntergang?

Wir müssen weinen. Aber es gibt auch etwas Hoffnung – noch. Mein Buch berechnet die Resultate dessen, was wir jetzt tun. Und unter dem Strich steht: Es ist nicht genug. Weil wir damit die Erderwärmung nicht auf zwei Grad Celsius begrenzen können. Und das wird dramatische Folgen für alles Leben auf der Erde haben.

Ist der weltweite Boom für erneuerbare Energien nicht eine fundamentale Veränderung, die doch noch nicht zu spät kommt?

Ja, wir tun jetzt viel. Aber ich habe diese Dynamik der Umstellung auf erneuerbare Energien ein- und hochgerechnet und es ist nicht genug. Wissen Sie, ich habe das Buch geschrieben, weil ich mich gefragt habe: Wie besorgt muss ich für die letzten 20 Jahre meines Lebens sein? Und als ich das alles berechnet hatte, war das traurige Ergebnis: Es ist genug, um das Bevölkerungsproblem in den Griff zu bekommen. Es ist genug, das Ressourcenproblem zu lösen. Aber es ist nicht genug, um den Klimawandel zu begrenzen.Weil die globalen Treibhausgasemissionen bis 2030 weiterwachsen werden, erst dann gehen sie allmählich zurück. Das heißt, im Jahr 2050 werden sie ziemlich genau so hoch sein wie heute.

„Der Ausbau der erneuerbaren Energien löst nur die Hälfte des Problems“

Und dieser Anstieg kann nicht kompensiert werden durch den starken Ausbau der Erneuerbaren?

Nein. Mit diesem Ausbau werden wir etwa die Hälfte des Problems lösen. Das heißt, wir müssten all diese Anstrengungen noch mal verdoppeln. Und das Traurige ist: Wir könnten es tun. Ich war Leiter einer norwegischen Kommission, die berechnet hat, wie wir unsere Treibhausgasemissionen bis 2050 um 60 Prozent reduzieren können. Das ist mit der heute vorhandenen Technik möglich.

Aber auch in Deutschland werden die Kosten der Energiewende jetzt schon heiß diskutiert. Wie könnten wir da noch mal doppelt so viel schultern in so kurzer Zeit?

Das ginge ganz leicht. Wenn wir wirklich wollten. Wir, die reichen Länder und Leute, müssten nur etwas mehr Steuern zahlen. Etwa zwei bis vier Prozentpunkte mehr für doppelt so viele Windräder und Solaranlagen, für gedämmte Häuser, sparsame Autos, neue Speicher und intelligente Netze. Weltweit würde das etwa ein Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts kosten. Und das Problem wäre kein Problem mehr. Aber es wird wohl nicht passieren. Denn demokratische Gesellschaften entscheiden sich nicht für höhere Steuern, sie entscheiden sich gegen teureres Benzin und steigende Strompreise.

„Niemand will Öko-Diktaturen“

Also brauchen wir nachhaltige Diktaturen?

Ja. Und Nein. Ja, wir könnten es besser machen. Aber demokratische Marktwirtschaften werden sich nicht dafür entscheiden. Nein, niemand will Öko-Diktaturen. Der einfachste Weg wäre, wenn wir uns alle auf ein Post-Kyoto-Abkommen verständigen mit einem Preis von 40 Euro pro Tonne Kohlendioxidausstoß. Dann braucht das kapitalistische System 20 Jahre, um das Problem zu lösen. Aber wir wissen alle, siehe oben, dass das nicht passieren wird.

Aber wir sind doch schon so viel energieeffizienter, und ein steigender Anteil des Wirtschaftswachstums speist sich aus Erneuerbaren.

Ja, unsere Energieeffizienz ist dramatisch gewachsen und in meinem Buch gehe ich davon aus, dass wir diese heroischen Anstrengungen in den nächsten 40 Jahren fortsetzen. Aber wir starten mit acht Prozent erneuerbaren Energien heute. 2052 werden sie vermutlich rund 40 Prozent ausmachen. Sind bis dahin 100 Prozent erneuerbare Energien möglich? Ja. Aber es würde doppelt so viel kosten. Und der Kapitalismus steckt freiwillig kein Geld in dieses Ziel, weil es viel teurer wäre. Und die demokratischen Gesellschaften werden aus demselben Grund keinen gesetzlichen Rahmen dafür schaffen.

Also sind der Kapitalismus und eine nachhaltige Wirtschaft ein Widerspruch in sich?

Nicht per se. Aber für den Übergang von einer Wachstumsgesellschaft in eine nachhaltige Gesellschaft muss man viel Geld in teure Lösungen investieren. Der Kapitalismus ist dafür gemacht, Geld in das profitabelste Projekt mit der billigsten Lösung für ein Problem zu stecken. Also warum sollte er in Windräder und Solaranlagen investieren, wenn Kohlekraftwerke günstiger sind?

Der einzige Weg sind Subventionen oder Verbote

Das ist der Punkt. Wir brauchen Investitionen in teure Projekte.

Und der einzige Weg dafür sind Subventionen – oder Verbote. Attraktive Bedingungen für Solarparks, Verbote für Atomkraft und Kohlekraftwerke. Dann fließt das Geld in Erneuerbare. In der Theorie sind diese Bedingungen sehr einfach herzustellen. Aber das Problem ist die Praxis. Deutschland erlebt ja gerade, wie die fossilen Konzerne dagegen ankämpfen und auch viele andere gesellschaftlichen Kräfte, wie die Gewerkschaften, in diesem Verteilungskampf mitmischen. Denn der Übergang bedeutet teureres Benzin, teureren Strom, höhere Kosten, bis man im nachhaltigen Himmel angelangt ist.

Weil in der Übergangsperiode alle subventioniert werden wollen – die Fossilen wie die Erneuerbaren?
Ja. Und das Tempo ist nicht hoch genug. Könnte es schneller sein? Ja. Wird sich die Welt darauf einigen? Hoffentlich. Aber ich glaube es nicht.

Eine neue Qualität könnte den Druck erhöhen: Der Enthusiasmus der Bürger. Ein wesentlicher Teil der deutschen Energiewende wird getragen von Bürgen, von den Kommunen, von Genossenschaften.

Absolut richtig. Und das muss unterstützt werden. Die Dänen beispielsweise haben entschieden, dass den Bürgern die Windparks gehören – damit haben sie auch den Gegnern eine Menge Wind aus den Segeln genommen. Denn man kämpft nicht gegen etwas, das einem gehört. Das ist ein wunderbares Modell von Kapitalismus. Aber ich fürchte, es ist nicht stark genug. Hoffen wir, dass ich damit falsch liege. Nichts würde mich mehr freuen.

Was würden Sie auf der Basis Ihrer Erkenntnisse etwa der indischen Regierung sagen oder dem chinesischen Bauern, um den Kollaps unseres Planeten zu verhindern?

Nichts. Ich spreche nur zu den Reichen. Weil die Armen das einzig Sinnvolle tun, sie versuchen reich zu werden. Und das sollen und müssen sie weiter tun. Grundsätzlich liegt die Lösung in unserem Teil der Welt. Wir produzieren die allermeisten Treibhausgase, verbrauchen die allermeiste Energie – jedenfalls pro Kopf. Fünf Mal mehr als jeder Chinese. Und Tatsache ist, dass die chinesische Regierung viel mehr gegen den Klimawandel tut als alle Industriestaaten. Wenn im Jahr 2050 die Weltgeschichte geschrieben wird, werden Historiker feststellen, dass die Chinesen das Problem gelöst haben. Sie werden die Elektro-Autos produzieren, sie werden die Windräder und Solaranlagen installieren, sie haben in ihrem jüngsten Fünf-Jahres-Plan festgeschrieben, dass ihre Energieeffizienz bis 2020 um 40 Prozent wachsen muss. Das ist ein großes Ding. Denn sie wissen, dass der Klimawandel China viel mehr schädigen wird als etwa Deutschland. Das ist der Grund, warum ich nur auf die Reichen mit dem Finger zeige. Ich bin für die Ein-Kind-Politik in den Industriestaaten. Denn meine Tochter ist das gefährlichste Wesen auf dem ganzen Planeten. Sie konsumiert zehn- bis 40-mal so viele Ressourcen wie ein indisches Kind.

Drei Dinge, mit denen du das Klima schädigst

Was also sagen Sie Ihrer Tochter, und ich meiner, für ihren Lebensstil?

Erster Punkt: Unterstütze eine starke Regierung. Das ist das Wichtigste. Auf nationaler wie internationaler Ebene. Weil alle individuellen, freiwilligen Anstrengungen das Problem nicht lösen werden. Zweiter Punkt: Jeder, der dazu auch individuell etwas beitragen will, soll das tun. Diesen Leuten sage ich: Es gibt drei Dinge, mit denen du das Klima schädigst. Dein Auto. Dein Haus. Deine Ferien, vor allem mit dem Flieger. Also: Kauf ein Auto, das 30 Prozent weniger Sprit braucht, und das alle zehn Jahre. Dämm das Haus und bau neue Fenster ein, auch wenn es sich im herkömmlichen Sinn nicht rechnet. Und statt zweimal eine Woche auf die Kanaren flieg nur einmal im Jahr für zwei Wochen – macht 50 Prozent weniger. Ja, wenn alle das alles machen, ist das Problem verschwunden. Aber das ist noch weniger realistisch, als dass 192 Länder sich auf eine Post-Kyoto-Vereinbarung einigen. Dabei wäre beides so einfach: Ein Vertrag, dass die reichen Länder ihr Mögliches tun und die armen Ländern nichts tun, bis ihre Pro-Kopf-Emissionen auf demselben Niveau sind wie die der Reichen.

Die armen Länder sollen einfach gar nichts tun?
Ja. Das ist mein Vorschlag seit fünf Jahren. Natürlich werde ich bei den internationalen Klimaverhandlungen dafür ausgelacht. Klar, es ist ein zutiefst moralischer, ethisch korrekter Blick. Dass wir am Ende in einer Welt leben, in der alle Emissionen von allen Menschen pro Kopf gleich sind. Jetzt starten wir in einer Welt, in der ein Amerikaner durchschnittlich 18 Tonnen CO2 produziert, ein Norweger 14, ein Deutscher elf Tonnen – und ein Chinese drei Tonnen und ein Inder weniger als eine Tonne. Der Punkt ist: Wir dürfen alle nur zwei Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr produzieren. Das ist das, was die Welt aushalten kann.

Hunger ist eine reine Verteilungsfrage

Aber wie soll die Erde das aushalten?

Die logische Struktur dafür beschreibe ich in dem Buch. Sie basiert auch darauf, dass es in Zukunft nach meinen Berechnungen viel weniger Wirtschaftswachstum geben wird, als die meisten Theorien annehmen. Anders als meine Alarmisten-Kollegen schon seit den 70er Jahren warnen, wird es nach meinen Kalkulationen keine Landknappheit geben und auch keinen Rohstoffkampf um Lithium oder anderes. Hunger ist eine reine Verteilungsfrage.

Also sind Sie doch kein Weltuntergangsprophet?

Ich finde es vor allem völlig unfair, wenn reiche Leute, wie ich und andere, darüber reden, was die fünf oder sechs Milliarden anderen Menschen gegen den Klimawandel tun sollen. Darüber sollte man überhaupt nicht reden, außer über einen einzigen Punkt: Die armen Länder verpflichten sich, niemals mehr Treibhausgase pro Kopf zu produzieren als die Reichen. Für diesen Vorschlag habe ich auch auf der sinnlosen Rio+20-Konferenz hart gekämpft: Lasst uns alle einen Vertrag mit einem Satz schließen. Der Satz lautet: Hiermit verpflichten wir uns, pro Person niemals mehr Treibhausgase auszustoßen als die Vereinigten Staaten von Amerika. Oder die EU oder die OECD-Staaten. Das ist alles, was es braucht. Ein großer Durchbruch – mit dem Finger in die richtige Richtung. Und alle hätten unterschreiben können, außer den USA. Die EU versucht ja wenigstens etwas und hat auch eine zumindest etwas bessere supranationale Regierung als die USA. Aber so ist es nicht genug. Und deshalb ist mein Buch vielleicht sogar noch pessimistischer als „Die Grenzen des Wachstums“ von 1972. Damals waren wir Wissenschaftler jung und dachten, okay, wenn wir ein paar vernünftige Ideen vorschlagen, wird die Menschheit sagen, ja, gut, wir machen es. Heute sage ich, wir werden keine kluge Politik umsetzen, weil unsere Regierungssysteme falsch entscheiden werden.


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