MEINUNG & POSITION

Wachstum & Ressourcen: „Technologische Lösungen allein reichen nicht“

Der grüne Politiker Hermann Ott im Gespräch mit klimaretter.info, Foto: klimaretter.info
Der grüne Politiker Hermann Ott im Gespräch mit klimaretter.info, Foto: klimaretter.info

Vor einigen Tagen hat eine Projektgruppe der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ ihren Zwischenbericht vorgestellt. Ihre Aufgabe: herauszufinden, ob sich Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch entkoppeln lassen. Der Abgeordnete Hermann Ott (Bündnis 90/Die Grünen) ist Vorsitzender der Projektgruppe.

Interview: Eva Mahnke, Redakteurin klimaretter.info. Das Magazin zur Klima- und Energiewende ist Medienpartner des LichtBlickBlogs.

klimaretter.info: Herr Ott, Aufgabe Ihrer Projektgruppe war es herauszufinden, ob sich Wachstum und Wohlstand vom Ressourcen- und Umweltverbrauch entkoppeln lassen. Ein Bruttoinlandsprodukt mit verheißungsvoll steigenden Wachstumsraten bei gleichzeitiger drastischer Senkung des Ressourcenverbrauch – geht das?

Hermann Ott: Ja, prinzipiell ist das möglich. Allerdings nicht auf die Art und Weise, wie wir das bisher gemacht haben. Eine der wesentlichen Erkenntnisse unserer Projektgruppe ist, dass wir das über rein technologische Lösungen nicht hinbekommen. Es gibt keinen einzigen Fall der erfolgreichen Reduktion des Ressourcen- oder Energieverbrauchs ausschließlich durch technologische Maßnahmen.

Der Spritverbrauch von Autos ist trotz ungeheurer technischer Fortschritte nicht gesunken

klimaretter.info: Geben Sie uns ein Beispiel.

Ott: Das griffigste Beispiel ist der durchschnittliche Verbrauch von Autos. Zwar ist die Technologie hier ungeheuer vorangeschritten und steht in keinem Vergleich mehr zu den Dinosauriern, die noch vor 40 Jahren auf den Straßen fuhren. Der Durchschnittsverbrauch aber ist trotz enormer Effizienzfortschritte kaum gesunken.

klimaretter.info: Wie lässt sich das erklären?

Ott: Die Autos sind eben nicht nur effizienter, sondern auch schneller, stärker, bequemer und schwerer geworden sind. Das frisst die Einsparungen wieder auf. Diesen Effekt hat der Ökonom und Philosoph William Stanley Jevons schon 1865 beschrieben. Das Jevons-Paradox besagt, dass eine erhöhte Effizienz bei gleichbleibenden Preisen nicht zu einem sinkenden Verbrauch führt. Das ist mir und vielen anderen Mitgliedern der Projektgruppe so in aller Deutlichkeit erst jetzt klar geworden. Da muss man von liebgewordenen Überzeugungen Abschied nehmen.

Höhere Effizienz führt bei gleichen Preisen nicht zu einem sinkenden Verbrauch

klimaretter.info: Das Jevons-Paradox wird heute unter dem Begriff Rebound-Effekt diskutiert. Wie kann die Politik gegen das Phänomen vorgehen?

Ott: Wie schon gesagt, technologische Maßnahmen allein reichen niemals aus. Sie müssen von politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Maßnahmen flankiert werden. Die effektivste dieser Maßnahme sind Obergrenzen. Das heißt, entweder darf nur eine bestimmte Menge an Ressourcen verbraucht werden oder die Produktion von Abfallstoffen darf eine vorgegebene Menge pro Einheit eines Produkts nicht überschreiten.

klimaretter.info: Welche Möglichkeiten gibt es noch?

Ott: Man kann auch über die Gestaltung der Preise gehen. Die Auflösung des Jevons-Paradox geht so: Wenn man die Preise in gleichem Maße erhöht, wie die Effizienz steigt, hat man dieselben Ausgaben wie zuvor und gerät nicht in Versuchung, das, was man gespart hat, wieder rauszufeuern. Etwa könnte man eine Ökosteuer parallel zu den Effizienzsteigerungen ansteigen lassen.
Und es gibt noch eine dritte sehr wirksame Maßnahme: die Streichung von Subventionen umwelt- und klimaschädlicher Aktivitäten. Laut Umweltbundesamt belaufen sich die direkten und indirekten Subventionen in Deutschland auf 48 Milliarden Euro pro Jahr.

Lösungen sind Verbrauchsobergrenzen, steigende Preise und Subventions-Abbau

klimaretter.info: Der Endbericht Ihrer Projektgruppe wird im September erscheinen. Stehen alle Mitglieder hinter diesen Vorschlägen?

Ott: Wir werden wahrscheinlich keine Einigkeit darüber erlangen, welche konkreten Maßnahmen die Politik zum Schutz einer bestimmten Ressource ergreifen soll. Unser Endbericht wird aber auf jeden Fall eine Art „Instrumentenkasten“ enthalten, der Auskunft darüber gibt, was sich in der Praxis gut bewährt hat und welche Maßnahme wie ausgestaltet werden kann.
Über diesen „Instrumentenkasten“ wollen wir mit allen Fraktionen einen Konsens hinkriegen. Wenn den alle unterschreiben, werden die Vorschläge in die Parteien und in die Gesellschaft hineinwirken. Ich bin optimistisch, dass wir das schaffen, weil alle hier in der Gruppe in hohem Maß von Kooperation und Erkenntnisinteresse geprägt sind.

klimaretter.info: Sie haben ein eigenes Gutachten zum Rebound-Effekt in Auftrag gegeben. Hier findet sich der Satz: Diese festen Obergrenzen für den Ressourcenverbrauch „würden sich möglicherweise negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirken.“ Sind sich alle Mitglieder der Projektgruppe einig, dass man zugunsten von mehr Ressourcen- und Umweltschutz auf Wachstum verzichten muss?

Die Debatte über Wachstum oder Schrumpfung ist ideologisch und fruchtlos

Ott: Ich persönlich und wohl die meisten aus der Opposition würden das so formulieren, und auch einige aus der Koaltion. Wir müssen natürlich alles dafür tun, zum Beispiel die Reduktion von Treibhausgasen so wohlstandsfreundlich wie möglich zu gestalten. Wenn diese Reduktion aber negative Auswirkungen auf unsere Wirtschaft hat, werden wir den Rückgang des Wachstums hinnehmen müssen.
Ich vermute allerdings, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zunächst sogar wachsen könnte, weil wir mit der sozial-ökologischen Transformation unserer Wirtschaft das größte Infrastrukturprojekt vor uns haben, das die Welt je gesehen hat. Es geht ja um die komplette Erneuerung unserer Energieversorgung, des Gebäudebestandes, der Industrie. Das wird zunächst sogar dazu führen, dass wir mehr Energie und andere Ressourcen verbrauchen. Das sollte uns aber auch nicht schrecken, weil die Belastung mittel- und langfristig stark zurückgehen wird.
Wichtig ist meiner Ansicht nach, dass wir uns davon lösen, immer nur auf die Dichotomie Wachstum – Schrumpfung zu starren, die ich als ungeheuer fruchtlos empfinde. Wenn man sich auf diese Ebene begibt, gerät man gleich in ein ungeheures ideologische Kampfgetümmel. Man kann einen Fetisch nicht mit einem Anti-Fetisch bekämpfen. Wir müssen unsere sozialen, ökologischen und sonstigen Ziele verfolgen – etwa die Verhinderung der Klimakatastrophe. Wie sich das auf das BIP auswirkt, interessiert erst im Nachgang.

klimaretter.info: Die Übernutzung von Ressourcen ist ein globales Problem. Macht ein nationaler Alleingang Deutschlands überhaupt Sinn?

Ott: Diese Frage ist ein wichtiger Streitpunkt in der Projektgruppe. Ein Gutachten des Ökonomen Joachim Weimann , das zu dieser Frage in Auftrag gegeben wurde, kommt vor dem Hintergrund einer sehr neoliberalen Weltsicht zu dem Schluss, dass Länder, die international eine Vorreiterrolle einnehmen, ökonomisch bestraft werden. Diese Überzeugung teile ich persönlich nicht.
Allerdings sagt selbst Weimann, dass es ethische Gründe für diese Vorreiterrolle geben kann. Wenn man also – trotz ökonomischer Nachteile – Vorreiter sein will, muss man sich mit möglichst vielen zusammen tun, die genauso denken. Das fällt mit meiner Analyse der Klimaverhandlungen zusammen. Hier bin ich zu dem Schluss gekommen, dass wir nicht darauf warten dürfen, bis alle mitmachen. Wir brauchen eine Klimapolitik der unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Und Deutschland sollte auf jeden Fall zu den Vorreitern gehören.

Deutschland muss eine Pionierrolle einnehmen

klimaretter.info: Und dann hofft man darauf, dass die anderen Staaten sich ebenfalls in ihrem Ressourcen- und Umweltverbrauch beschränken?

Ott: Ja, darauf muss man dann hoffen. Man kann aber bestimmte Maßnahmen treffen, wie die Erhebung von Einfuhrzöllen für Staaten, die sich nicht beteiligen, oder bevorzugte Handelsbedingungen für beteiligte Vorreiterstaaten.

klimaretter.info: Und wie steht der Rest Ihrer Projektgruppe zur Frage, ob die Pionierrolle Deutschlands dem Land ökonomisch schaden würde?

Ott: Wie wir uns positionieren werden, ist derzeit noch offen. Es kann sein, dass wir hier beide Ansichten gleichberechtigt nebeneinander stehen lassen.

Quelle: klimaretter.info


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2 Kommentare

  • Sigwart Zeidler sagt:

    Tanja W. hat völlig Recht, wir müssen weg vom Öl, weg von lebens- und umweltzerstörenden Wirtschaftsweisen und Techniken. Dabei halte ich den Versuch der Entkopplung von naturgesetzlich bedingten Zusammenhängen für Unsinn. Allererste Priorität muß sein, vom Wachstumszwang wegzukommen. Auf dessen Ursachen bin ich hier bereits eingegangen. Ein Lösungsvorschlag folgt noch. Da das zinsbedingte Wachstum eindeutig machterhaltend und machtsteigernd wirkt, werden nur Techniken gefördert, die Abhängigkeiten stärken oder neu schaffen. Erst, wenn wir mit den Naturgesetzen harmonierend wirtschaften, werden wir auch Techniken entwickeln und fördern, die die im Überfluss verfügbare Energie lebensfördernd zum Wohle der Gemeinheit nutzbar macht.

    Sigwart Zeidler


  • Tanja W. sagt:

    Das Beispiel ist an sich schonmal ziemlich schlecht gewählt, da es sich zwar um eine auslaufende Ressource handelt, die Ölmultis jedoch ihre Interessen wahren und wir von den Zusammenhängen des Ölmarktes abhängig sind. Vielmehr als durch den Preis „erzogen“ sollte der Verbraucher belohnt werden, wenn er sich ökoligisch verhält und es müssen Alternativquellen gefunden werden. So wie der Weg weg von Atomenergie begonnen wird, muss auch ein Weg vom Öl gefunden werden. Es muss generell Bewusstsein für das Thema geschaffen werden und nicht durch immer höher wedende Preise der Bürger in der Unbewusstheit festgehalten werden, da er diese nur als Bestrafung wahrnimmt.

    Beispiel: Die Kosten der öffentlichen Verkehrsmittel sind viel zu hoch- dies bietet für viele keinen Anreiz, auf das Auto zu verzichten, trotz verstopfter Strassen und hoher Kosten. Es könnte eine Steuerung angestrebt werden über KFZ Steuer mit Nachweis der regelmäßigen Nutzung der Öffentlichen- diese muss der Bürger aber auch im Geldbeutel spüren.

    Wirtschaftsfachwirtin Tanja W.


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