MEINUNG & POSITION

Vier fürs Klima – eine Familie erprobt den Klimaschutz

Dass Jakob heute kürzer duscht, wir unsere Fenster abgedichtet haben und unser Auto verkaufen werden, verdanken wir unserer heute 14-jährigen Tochter Franziska. „Wir hatten im Ethik-Unterricht viel übers Klima gesprochen und sollten als Hausaufgabe unseren persönlichen CO2-Fußabdruck ausrechnen. Und der war ziemlich groß.“

Wie lässt sich der persönliche CO2-Fußabdruck reduzieren. Eine Familie hat es ausprobiert und in einem Buch festgehalten, Bild: Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG
Wie lässt sich der persönliche CO2-Fußabdruck reduzieren. Eine Familie hat es ausprobiert und in einem Buch festgehalten, Bild: Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG

Doch nicht so umweltbewusst wie gedacht

Gemeinsam mit ihrem Vater füllte Franziska einen Fragebogen aus, trug die Reisen, die Einkäufe und die Größe unseres Hauses ein. Und war vom Ergebnis schockiert: Unsere vierköpfige Familie war für 42 Tonnen Treibhausgas im Jahr verantwortlich. Das ist zwar knapp besser als der deutsche Durchschnitt (11 Tonnen pro Person), aber immer noch viel zu viel. Denn es bedeutet, dass wir ganz persönlich, zur Klimakatastrophe beitragen. Dabei hatten wir uns doch für ziemlich umweltbewusst gehalten.

Beim Abendessen dachten wir laut nach: Kann eine vierköpfige Familie in Deutschland so leben, dass es dem Klima nicht schadet? Was müssten wir, Petra, Günther, Jakob und Franziska dafür ändern? Jakob ist strikter Vegetarier. Isst er besser, rein klimatechnisch? Wie sieht es mit dem Urlaub aus: Sind die Alpen und Griechenland noch erlaubt?

Mission Klimaretter

Das Gespräch schwankte zwischen Ratlosigkeit, Relativieren, guten Vorsätzen, schlechtem Gewissen und Seufzen. Als die Teller in die Spülmaschine wanderten, waren wir bereit für die letzte Stufe: das Verdrängen. Plötzlich aber sagte Jakob: „Ich will es wissen. Was könnten wir tun, ohne dass es albern wird?“ Und damit stand die Idee im Raum: Wir versuchen uns als Klimaretter. Wir werden unser Leben ungeschminkt angucken, zwölf Monate lang prüfen: Wo wir nur scheinbar grün leben, aber in Wirklichkeit lächerliche Dinge tun. Was wir ändern können. Und welche Fallen es gibt.

Erste Schritte zum besseren Klimaschutz

Die ersten Wochen waren einfach: Wir bestellten den Energieberater. Das kostete 20 Euro und bewirkt gleich Einiges. Er erklärte uns, dass der zweite Kühlschrank im Keller unnötige Energieverschwendung sei (was wir wussten, aber bis dahin tapfer ignoriert hatten) und lobte uns dafür, dass der in der Küche auf sieben Grad eingestellt ist. Dass wir nur noch mit 30 Grad waschen, kürzer duschen und kaputte Glühbirnen durch LEDs ersetzen sollten. Außerdem müssten wir die Fenster abdichten. Günther kaufte einen Fahrradanhänger für den wöchentlichen Großeinkauf, und wir lernten von Agrarwissenschaftlern, wie welches Obst gelagert und transportiert wird. Kauften keine eingeflogenen Mangos mehr und stellten den chilenischen Rotwein zur Disposition. Ernährten uns eher fleischlos, und wenn es denn ein Braten sein soll – das Brandenburger Wildschwein ist eine gute Wahl: Es ist bio und regional, es gibt zu viele, und wenn es denn geschossen wird, kann man es auch gut aufessen.

Urlaub und Klimaschutz?

Dann wurde es komplizierter – und zwar für jeden anders: Jakob und Franziska fanden den Gedanken schwer, in Zukunft eigentlich nicht mehr fliegen zu dürfen – selbst wenn sie das akut gar nicht vorhatten. Petra haderte mit dem Wissen, dass noch mehr Klamotten nicht nur dem Geldbeutel, sondern auch dem Klima schaden.

Bald spürten wir auch: Der innere Schweinehund lauert überall. Von November bis März kann es in Berlin oft fies kalt und nass sein, und da ist der Griff zum Autoschlüssel verführerisch. Wir haben uns in solchen Momenten abgelenkt: Günther kaufte sich eine Regenhose zum Radeln, und die war so teuer, dass sie benutzt werden muss – mit jedem Einsatz sinkt ihr Kilometerpreis.

Erfolgreicher Klimaschutz spornt an

Petra Pinzler und Günther Wessel haben sich von ihren Kindern zum Klimaschutz Experiment überzeugen lassen, Foto: Dirk Hasskarl
Petra Pinzler und Günther Wessel haben sich von ihren Kindern zum Klimaschutz-Experiment überzeugen lassen, Foto: Dirk Hasskarl

Alternativen finden, über kleine Fehlschläge lachen können und das Gefühl gemeinsam etwas zu schaffen: Das war am Ende unser Erfolgsrezept. Und das regelmäßige Nachrechnen. Denn das machte uns stolz: Wir haben abgespeckt. Günther und Petra durch das dauernde Radfahren, die ganze Familie bei der CO2 Bilanz: fast 31 Prozent. Auf 29 Tonnen CO2, 13 Tonnen weniger als im Vorjahr. Das ist immer noch zu viel. Aber manches können wir nicht ändern: Wieviel CO2 pro Kilowattstunde genutzter Fernwärme entsteht, bestimmt der Kraftwerksbetreiber. Wir können nur kürzer duschen und die Fenster abdichten.

Manchmal einfacher als gedacht

Gelernt haben wir in dem Jahr: Es regnet seltener als man denkt – das merkt man beim Radfahren. Und: Gewohnheiten ändern sich erst nach einer Weile. Erst nach ein paar Wochen geht man automatisch zum Fahrradschuppen statt zum Auto. Schneller und leichter ist es, wenn man darüber redet. Außerdem müssen wir uns auch politisch stärker einmischen, wenn wir wollen, dass auch Schulen gedämmt und Energie anders erzeugt werden. Doch die oft so lahme Politik darf uns aber auch nicht mehr davon abhalten, das Klimaretten ganz privat weiter zu versuchen.

Dabei zu scheitern. Zu fluchen. Zu lachen. Zu streiten. Und es erneut versuchen. Denn es macht Spaß. Und schlauer.

Die Familie hat ein sehr lesenswertes Buch über ihr Jahr als CO2-Sparer geschrieben, das Sie im Buchhandel erhalten oder hier bestellen können.

 


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4 Kommentare

  • Günther Wessel sagt:

    Lieber Herr Schmuhl,
    ich will zwar hier keinen ausführlichen Dialog führen, aber nur ganz kurz: Der Buchpreis ist für eine Neuerscheinung nicht außergewöhnlich hoch. Preiswerter sind nur Remittenden oder Taschenbuchausgaben, die vorher als Hardcover erschienen sind. Zudem – warum sollen „die Guten“ drauf verzichten, Geld zu verdienen? Ich bin freiberuflicher Journalist, von einem Architekt oder Klempner würde man auch nicht erwarten, ohne adäquate Bezahlung zu arbeiten.
    Und zuletzt: Natürlich wird ein faires Leben ohne Natur- und Menschenausbeutung irgendwo teurer; ein T-Shirt für fünf Euro ist nur dann zu haben, wenn irgendwo auf Kosten der Menschen oder auch der Natur gewirtschaftet wird. Und so ist es natürlich in vielen Bereichen.
    Aber wenn man Teil der Lösung und nicht des Problems sein will…
    Herzliche Grüße
    Günther Wessel


  • Tom Schmuhl sagt:

    Liebe Frau Blacha und lieber Herr Wessel, ich danke für Ihre Antwort auf meinen Kommentar. Meinen Fußabdruck werde ich unbedingt mal berechnen! Ich halte mich für sehr umwelt- und klimabewusst und fürchte doch eine Überraschung. :-))

    Was den Buchpreis betrifft, so nehme ich Ihnen die gegenteilige Ansicht selbstverständlich nicht übel noch fühle ich mich angegriffen. Und zweifellos können unsere Bemühungen – neben dem eigentlich positiven Effekt auf das Klima – auch zu Kostenersparnis führen, wenn die Investitionen sich auszahlen. Und dennoch, ich muss als Klimafreund zunächst Geld ausgeben, sei es für Strom, der oft teurer als die klimaschädlichen Tarife ist, für Elektroautos, die teurer als die Verbrenner sind, für klimafreundliches Wohnen, das mehr Investition benötigt oder eben für Bücher, in denen ich nachlesen kann, wie ich für das Klima sonst noch Geld ausgeben kann – überspitzt ausgedrückt. 300 Seiten für 18 Euro findet man – und da bitte ich Sie nun, mir das nicht übel zu nehmen – ansonsten im Bereich topgelesener Bestseller und für mein Empfinden steht hier der Profit dem entgegen, was so ein Buch tun sollte: so viele Menschen wie möglich erreichen, damit der Effekt so groß wie möglich ist.

    Aber ich will mich gar nicht auf Sie persönlich einschießen, lieber Herr Wessel, im Gegenteil, ich freue mich, dass sie das Buch herausgebracht haben und Ihre guten Erfahrungen teilen möchten. Ich glaube einfach, wir würden beim Kimaschutz viel, viel mehr Menschen mitnehmen, wenn nicht überall, wo „Klima“ draufsteht, automatisch auch ein höherer Preis draufsteht.
    Nochmals besten Dank und herzliche Grüße
    Tom Schmuhl


  • Tom Schmuhl sagt:

    Eine gute Idee, seinen ökologischen Fußabdruck mal zu messen – das macht bestimmt bewusster, wie viel oder doch nicht nicht so viel man zum Schutz unseres Klimas beiträgt.

    Dieser Fragebogen, von dem da erzählt wird, hätte gut in diesen Beitrag gepasst.

    Das Buch werde ich mir aber leider nicht kaufen. Und das bringt mich wieder zu der Frage, warum alle Produkte, die gut für unser Klima sein können, teurer sind als andere. Der Klimaschutz endet – davon bin ich überzeugt – immer noch am Geldbeutel der Bürger, solange klimagrüne Produkte nicht günstiger als oder zumindest genauso günstig wie klimaschädliche sind.


    • Anke Blacha | LichtBlick Autorin antwortet:

      Hallo Herr Schmuhl,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich habe schon die Rückmeldung von Herrn Wessel, dem Vater der Familie und Autor des Buches. Er empfiehlt für die Berechnung des Fußabdrucks folgenden Link: http://www.uba.co2-rechner.de/de_DE/. Zudem hat er mir noch folgende Antwort weitergeleitet:

      Lieber Herr Schmuhl,
      ich finde – ohne Ihnen etwas unterstellen zu wollen, sondern ganz allgemein gesagt – der Kostenverweis dient häufig dazu, nicht weiter nachdenken zu müssen. Er stimmt auch nicht: Wir haben durch Klimaschutz Geld gespart. Unser Leben ist nicht teurer geworden. Nur anders. So sind unsere Stromkosten um gut 20 Prozent gesunken. Der Energieberater, den
      wir über die Verbraucherzentrale gebucht hatten kostete uns im Verhältnis lächerliche 20 Euro. Gut, das Abdichten der Fenster war teurer, aber auch da sind wir uns sicher, dass wir am Ende sparen werden. Und andere Beispiele finden Sie im Buch noch einige. Natürlich: Wenn man schon alles ausgereizt hat, was geht, dann ist ein klimafreundliche Leben vielleicht teurer als ein anderes. Aber hat man das?
      Und zuletzt ist unser Buch auch ein billiges Vergnügen. Es ist CO2-kompensiert gedruckt, es ist 100 Prozent Altpapier, es sind saubere Farben (und trägt deshalb auch einen Blauen Umweltengel), Und 18 Euro sind für 300 Seiten und hoffentlich ein paar Stunden lehrreiches und nützliches und vielleicht sogar hinterher Geld sparendes Lesevergnügen nicht viel. Zumal man es verleihen kann. Vielleicht sollte man das auch mal ins Verhältnis zu anderen Freizeitvergnügungen wie Kino oder Theater setzen.
      Nicht für ungut und herzliche Grüße
      Günther Wessel

      Viele Grüße
      Anke Blacha


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