MEINUNG & POSITION

„Tschernobyl – Prägend für meinen Lebensweg“

Lebensweg von Gero Lücking geprägt, Bild: LichtBlick
Tschernobyl hat den Lebensweg von Gero Lücking geprägt, Bild: LichtBlick

Die Schreckensmeldung kommt am 26. April 1986: Im Atomkraftwerk Tschernobyl ist Reaktorblock 4 explodiert. Der erste Super-GAU in der Kernenergienutzung sorgt weltweit für Entsetzen und Angst. Radioaktive Partikel verteilen sich danach in weiten Teilen Europas. Ein Ereignis, an das sich viele genau erinnern können und das für LichtBlick-Geschäftsführer Gero Lücking bis heute prägend ist.

Nach Tschernobyl: Verharmlosungsstrategien entlarvt

„Ich war schockiert, als ich damals als Student die ersten Meldungen der Tagesschau von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl gehört habe. Das, was immer als Restrisiko verharmlost wurde, war passiert.“ Gero Lücking studierte damals Maschinenbau an der RWTH Aachen. Kurzfristig einberufene Informationsveranstaltungen der Technischen Hochschule versuchten damals aufzuklären und dabei weiter zu verharmlosen, erinnert er sich: „Professor Schulten, ein Haudegen und Atomlobbyist der alten Schule, und seine Kollegen präsentierten uns eine gewöhnliche rote Baumarkt-Fliese. Ein davorgehaltener Geigerzähler piepste unüberhörbar. Die Message: Radioaktivität ist überall und harmlos.“ Doch das Misstrauen war groß.Zusammen mit Kommilitonen recherchierte Gero Lücking Grundlagen zu Radioaktivität und den Gefahren durch Strahlung für Mensch und Natur. Mit diesem selbst angeeigneten Wissen entlarvten sie die Verharmlosungsstrategien der Professoren. „Beim ersten Regen nach Tschernobyl haben wir Regenwasserproben direkt aus dem Rinnstein vor dem Lehrstuhl für Reaktortechnik von Professor Schulten genommen. Sie zeigten extrem hohe Strahlenwerte. Damit hatte der Professor seine Glaubwürdigkeit für immer verloren.“

Tschernobyl: Der Super GAU war der Anfang vom Ende der Atomenergie, Foto: Carl Montgomery - Flickr, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3746027
Tschernobyl: Der Super GAU war der Anfang vom Ende der Atomenergie, Foto: Carl Montgomery – Flickr, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3746027

Energiewirtschaft nicht mehr losgelassen

Die Gefahren der Atomenergienutzung und vor allem die Frage, wie ein Industriestandort wie Deutschland mit sicherer und alternativer Energie versorgt werden könnte, bestimmten fortan das Interesse des damals 22-jährigen Studenten. „Über Nacht waren die Vorlesungen zur Photovoltaik, die bis dahin nur ein Nischendasein gefristet hatten, völlig überfüllt, der Hörsaal platzte aus allen Nähten. Die Energiewirtschaft hat mich seitdem nicht mehr losgelassen.“ Doch erst 1998 mit der Liberalisierung des Strommarktes, für die Gero Lücking, inzwischen Kampagnenleiter bei Greenpeace, gekämpft hatte, gab für die Verbraucher endlich eine Alternative zu Atom- und Kohlestrom: reinen Ökostrom vom Ende 1998 neu gegründeten Unternehmen LichtBlick. „Aus den ersten acht Kunden sind inzwischen mehr als 600.000 geworden und wir damit der größte Ökostromanbieter Deutschlands. Ein Erfolg, von dem wir damals nur träumen konnten.“

Siegeszug für erneuerbare Energien

Ein endgültiger Bundestagsbeschluss jedoch, aus der Kernenergienutzung auszusteigen, kam erst im Jahr 2011, also 25 Jahre nach Tschernobyl und nach einer weiteren Reaktorkatastrophe, diesmal im japanischen Fukushima. Erst kurz zuvor hatte die schwarz-gelbe Bundesregierung die Atomlaufzeiten noch einmal verlängert. „Tschernobyl hat den berühmten Stein ins Rollen gebracht, der sich inzwischen zu einer Lawine entwickelt hat. Diese Lawine hat nicht nur die Mär von der sogenannten friedlichen und billigen Nutzung der Atomenergie beendet. Auch die mächtigen Energiekonzerne Deutschlands wurden von der Lawine erfasst, sie sind nur noch ein Schatten ihrer selbst. Inzwischen haben die erneuerbaren Energien einen ökonomischen Siegeszug angetreten, dem weltweit nicht nur die Atom- sondern schon in Kürze auch die Kohlekraftwerke zum Opfer fallen werden.“


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2 Kommentare

  • Michael sagt:

    Meinen Glückwunsch, Herr Lücking.
    Schön, dass Sie Ihr Wissen so erfolgreich und hilfreich für die Natur und somit der Lebensgrundlage der Menschen einsetzen. Dass auch die Kohlekraftwerke zügig ersetzt werden müssen, zeigt ja der „Nebel“ in China.
    Zum Thema Fukushima: Ich hab wo gehört, dass dort, weil das Kraftwerk am Meer liegt, zig tausend Liter radioaktives Wasser langsam übers Meer unterwegs sein soll. Ist Ihnen davon etwas bekannt?


    • Anke Blacha | LichtBlick Autorin antwortet:

      Hallo Michael,

      ich antworte einmal für Gero Lücking. Es ist tatsächlich so, dass direkt nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima enorme Mengen radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer geflossen sind. Greenpeace spricht von 1,4 Millionen Tonnen (https://www.greenpeace.de/themen/energiewende/stille-wasser-sind-radioaktiv). Hinzu kommt Grundwasser, das sich mit radioaktiv verseuchtem Wasser vermischt, auch hier kommt es immer wieder zu „Zwischenfällen“, in denen das verseuchte Wasser ins Meer fließt (http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2016-03/tepco-fukushima-reaktor-akw-gau-reaktoren). Fukushima hat erneut gezeigt, wie riskant Atomenergie ist und welche langjährigen, verheerenden Folgen eine solche Reaktorkatastrophe hat. Unverständlich, dass es immer noch Befürworter für AKW gibt.

      Viele Grüße
      Anke Blacha


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