MEINUNG & POSITION

Strommarktliberalisierung – mehr Macht für Verbraucher

Es ist am 24. April 2018 genau 20 Jahre her, dass der Strommarkt in Deutschland liberalisiert wurde. Was heißt eigentlich Liberalisierung in diesem Fall? Acht große Energieversorger (die sich nach der Liberalisierung zu den vier großen Eon, RWE, EnBW, Vattenfall zusammenschlossen) teilten sich zusammen mit rund 800 deutlich kleineren Stadt- und Gemeindewerken bis 1998 den deutschen Strommarkt. Die Kunden hatten nicht die Wahl, sich ihren Anbieter auszusuchen, sondern waren an ihren örtlichen Versorger gebunden. Mit der Liberalisierung kamen die Wahl- bzw. Wechselfreiheit und eine Masse kleinerer, bundesweit oder regional begrenzter Energielieferanten hinzu. Auch die ersten Ökostromanbieter wie LichtBlick begannen für Wettbewerb zu sorgen.

Die Strommarktliberalisierung hat den Kunden mehr Macht gegeben - sie müssen sie nur nutzen, Foto: PantherMedia
Die Strommarktliberalisierung hat den Kunden mehr Macht gegeben – sie müssen sie nur nutzen, Foto: PantherMedia

Kunden an die Macht

Die Liberalisierung ist nach einer sehr holprigen Startphase eine Erfolgsgeschichte. Anfangs musste die auf dem Papier beschlossene Wettbewerbsfreiheit mit viel Nachdruck und massiver juristischer Unterstützung umgesetzt werden. LichtBlick hat für alle neuen Stromanbieter und für die Verbraucher in verschiedenen Gerichtsprozessen echte Marktliberalisierung durchgesetzt. Heute können die Kunden aus einer großen Vielfalt an Angeboten auswählen. Der Wettbewerb sorgt ständig für attraktive Angebote und damit für angemessene Preise. Jeder Anbieter muss ständig damit rechnen, dass ihm die Kunden weglaufen, sofern sein Angebot nicht mehr marktgerecht ist. Die Kunden haben damit Macht. Und sie bestimmen über ihre Nachfrage nach ökologischem Strom in zunehmenden Maße auch das Angebot der Erzeugung. Die Nachfrage beginnt das Angebot zu bestimmen. Marktmechanismen, die in anderen Märkten üblich sind, fangen langsam auch im Strommarkt an zu greifen. Spielen die Kunden ihre Machtmacht konsequent aus, werden konventionelle Energie-Unternehmen bald auf ihrem dreckigen Braunkohlestrom sitzen bleiben.

Zurück zu alten Strukturen?

Bei vielen Energieunternehmen befinden sich nach wie vor Stromnetze und Energievertrieb in einer Hand - das führt zu Wettbewerbsverzerrung, Foto: PantherMedia
Bei vielen Energieunternehmen befinden sich nach wie vor Stromnetze und Energievertrieb in einer Hand – das führt zu Wettbewerbsverzerrung, Foto: PantherMedia

Das größte strukturelle Problem der liberalisierten Strom- und Gasmärkte ist nach wie vor die unzureichende Entflechtung. Im staatlich regulierten Netz werden die Gewinne erzielt. Schon heute verdienen die großen Energiekonzerne die Hälfte ihres Gewinns mit den Strom- und Gasnetzen. Nach Umsetzung der aktuellen Pläne von RWE und Eon zur Neuordnung der Geschäfte wird Eon sogar 80 Prozent seines Gewinns im Monopol des Netzbetriebes verdienen. Mit der Zusammenlegung von innogy und Eon droht eine Markt- und Machtkonzentration, die an die Zeiten vor der Strommarktliberalisierung erinnert. Daher wird sich LichtBlick im Sinne der Verbraucher und des Wettbewerbs in das Fusionskontrollverfahren einbringen.

Da sich sowohl bei den großen Energiekonzernen als auch bei vielen Stadtwerken Stromnetze und Energievertrieb – also der Verkauf von Strom und Gas – in einer Hand befinden, subventionieren die Gewinne aus den Netzen mit ihren staatlich garantierten Renditen diese Geschäfte quer. Das verzerrt den Wettbewerb. Denn Anbieter ohne Netze verfügen über diese Quelle zur Quersubventionierung nicht. Auch 20 Jahre nach Start der Liberalisierung besteht immer noch keine 100-prozentige Chancengleichheit zwischen allen Anbietern. Es bleibt also noch einiges zu tun.

Die nächsten Herausforderungen

Nach der Liberalisierung des Strommarktes und der verzögerten Umsetzung auch im Gasmarkt erfolgt jetzt mit der Liberalisierung des Messmarktes – also alles rund um die Stromzähler – die nächste große Etappe der Liberalisierung der Energiemärkte. Zukünftig kann jeder Verbraucher auch den Betreiber seiner Stromzähler frei wählen. Oder besser: jeder Stromanbieter bringt den zu seinem Angebot am besten passenden Zähler direkt mit. Das eröffnet wiederum neue Möglichkeiten für neue intelligente (neudeutsch: smarte) Produkte. Die Liberalisierung und all diese neuen Produkte sind für das Gelingen der Energiewende unerlässlich.

In 20 Jahren Strommarktliberalisierung haben wir bereits viel erreicht. Die Verbraucher gewinnen Wahlfreiheit und bestimmen jetzt selbst über den Strom und das Gas, das sie wünschen. Zugleich bestehen aber noch viele Strukturen, wie beispielsweise die Verknüpfung von Netzen und Vertrieb, die den Wettbewerb nach wie vor verzerren. Bei den neuen Geschäftsfeldern, die jetzt durch die Energiewende hinzu kommen, müssen wir von Anfang an darauf achten, dass sie im Sinne eines fairen Wettbewerbs und damit im Sinne einer konsequenten Fortsetzung der Strommarktliberalisierung umgesetzt werden.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Wahl- und Wechselfreiheit auf dem Energiemarkt – haben Sie Ihren Energieanbieter bereits gewechselt?


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2 Kommentare

  • Bastian Rademacher sagt:

    Aus meiner Sicht ist die Marge, die Versorger ihren Kunden anbieten können, nicht sehr hoch. Discount Anbieter bieten zwar sehr billigen Strom an holen diese aber aus drastische Strompreiserhöhungen wieder heraus, so mein Verdacht. Ein Discountanbieter ist auch besonders talentiert den Neukundenbonus vorbildlich zu umgehen. Die Kunden haben aber neben ihrer „Marktmacht“ auch sehr viel Rechte und Anlaufstellen gegenüber Ihrem Versorger. Private Verbraucher erhalten bei Probleme mit Ihrem Anbieter kostenlos „erste Hilfe“ bei dem Verbraucherservice der Bundesnetzagentur und können sich im Anschluss oder direkt an die Schlichtungsstelle-Energie wenden, auch kostenlos, sofern diese sich erfolglos beim Unternehmen mit einer Verbraucherbeschwerde gemäß § 111a EnWG gewandt haben. Aber substantiiert darzulegen, warum eine Preiserhöhung oder die Ablehnung des Neukundenbonus unzulässig ist, und diese Mängel schlicht aufzuzählen, fällt vielen Verbrauchern schwer. Zudem ist nicht jeder Verbraucher ist Beschwerde-freudig und ggf. am Anschluss Klage-freudig. Zudem besitzt auch nicht jeder die Kampfkraft und letztendlich den Mut dazu.

    Ich bezweifle, dass –jeder- Anbieter ständig damit rechnen muss, dass ihm die Kunden weglaufen, sofern sein Angebot nicht mehr marktgerecht ist. Einige Verbraucher haben den Strommarkt erst einmal überhaupt nicht begriffen haben und verunsichert sind über die vielen unterschiedlichen Tarife. Einige verbleiben aus Angst vor unseriösen Akteuren auf den Energiemarkt (vgl. Das verflixte zweite Jahr beim Strom-Vertrag 06.12.2017 Plus-Minus)oder Desinteresse beim teuren Grundversorger. Dem durchschnittlich informierten und situationsadäquat aufmerksamen Kunden, wie es so schön heißt, empfiehlt sich aber tatsächlich der bewusste Wechsel. Der Strompreis könnte sicherlich billiger sein, wenn Stromversorgungsunternehmen diese Neukundenboni sein lassen würden.

    Ich würde aber grundsätzlich einen Vertragswechsel über Telefon oder Haustür grundsätzlich nicht empfehlen. Da geht es meiner Ansicht meist lediglich die Provisionen für den Verkäufer und nicht darum, ob der Kunde wirklich was spart.
    Eine Person, welche nach eigenen Angaben zufolge bei einem Callcenter tätig ist, fasst einen Punkt noch ganz gut zusammen:
    Angerufenene verhalten sich eben viel zu oft wenig rational. Keine Ahnung warum, aber eine vernünftige Beratung ist nur sehr selten möglich (vgl. Reclabox-Beschwerde 48390).
    In der Zeit der Liberalisierung hatten wir auch drei bemerkenswerte Insolvenzen gehabt: TeldaFax, Care-Energy und FlexStrom.

    Ohne den Marktwächter-Energie bzw. den Verbraucherschutzzentralen wäre und den Bund der Energieverbraucher sehe es aber für den Verbraucher düster aus.
    Denn man könnte Energiepreissteigerungen auf Hinblick der fehlenden Billigkeit von Energiepreiserhöhungen nach § 315 BGB vermutlich entgegentreten. In einem versorgerfreundlichen Urteil des BGH von 2015 werden Verbraucher hat sich das aber erschwert.

    Aribert Peters legt im ARD Mittagsmagazin noch folgendes sinngemäß dar:
    Das er schockiert ist, wie grob einige Stromversorger Kunden über den Tisch ziehen, es immer noch Kunden gibt die auf bestimmten Maschen darauf reinfallen und dass man bei dem günstigsten Anbieter vorsichtig sein muss. Verbraucher sollten nachschauen, was andere Verbraucher schon für Erfahrungen gemacht haben.


    • Anke Blacha | LichtBlick Autorin antwortet:

      Hallo Herr Rademacher,

      vielen Dank für Ihren Kommentar und die gute Übersicht, über die aktuellen Verbraucherrechte.

      Es stimmt, dass auch nach 20 Jahren Strommarktliberalisierung viele Menschen noch beim Grundversorger sind. Laut Monitoring-Bericht der Bundesnetzagentur sind es etwa 71 Prozent aller Verbraucher, davon beziehen rund 31 Prozent sogar noch die teuren Grundversorgungs-Tarife. Die Freiheit wirklich zu wechseln, nutzen also nur die wenigsten. Strom ist ja in der Regel einfach da. Wenn man sich um nichts kümmert, bleibt das Licht trotzdem an. Es springt automatisch der Grundversorger ein. Die Beispiele von den unseriösen Stromanbietern, die Sie zurecht aufführen, hat bei dem einen oder anderen Verbraucher sicher nochmals dazu geführt, bei seinem Versorger zu bleiben.

      Es gibt jedoch auch die Stromkunden, die von einem Anbieter zum nächsten Wechseln, um möglichst viele, attraktive Neukunden-Boni mitzunehmen. LichtBlick gehört zum einen nicht zu den günstigsten Anbietern und bietet zum anderen keine besonderen Neukunden-Boni. Dafür können unsere Kunden sich darauf verlassen, dass sie keine unseriösen und nicht nachvollziehbaren Preiserhöhungen erhalten und dass sie bei LichtBlick einen guten Service bekommen.

      Viele Grüße
      Anke Blacha


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