MEINUNG & POSITION

Atomgeschichte(n) 7: Der Atomminister Franz Josef Strauß

Franz Josef Strauß, Quelle: Bundesarchiv
Franz Josef Strauß, Quelle: Bundesarchiv

Von Frank Petrasch

Nachdem Deutschland Anfang der 1950er-Jahre in Sachen Atomtechnik für mehr als zehn Jahre von der Bildfläche verschwunden war, bedeutete das Jahr 1955 eine Kehrtwende. Nicht nur präsentierten die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges im August 1955 auf der internationalen Atomkonferenz in Genf ihre atomtechnischen Errungenschaften – eine Veranstaltung, die eine weltweite Atomeuphorie entfachte. Zusätzlich endete zwei Monate später mit dem Inkrafttreten der Pariser Verträge das Besatzungsstatut in der Bundesrepublik. Mit der weitgehend zurückerlangten nationalen Souveränität durfte die Bundesrepublik somit das vermeintliche Atommärchen nicht nur träumen, sondern auch tatkräftig mitmischen. Prompt gründete die Regierung Adenauer am 6. Oktober 1955 das erste Atomministerium. Den Posten des Atomministers erhielt der damals 40jährige Franz Joseph Strauß.

Strauß: Atomkraft für die Menschheit ebenso wichtig wie Erfindung des Feuers

Mit dem Wiedereinstieg in die Atomforschung prophezeiten Wissenschaftler wie auch Politiker den Aufbruch in eine neue Ära. Franz Josef Strauß spielte bei dieser bundesdeutschen Atomeuphorie eine wesentliche Rolle. Dem NDR sagte er in einem Interview, dass „die Ausnutzung der Atom-Energie für wirtschaftliche und kulturelle Zwecke, wissenschaftliche Zwecke, denselben Einschnitt in der Menschheitsgeschichte bedeutet wie die Erfindung des Feuers für die primitiven Menschen“.

Scheinbar wollte sich das Atomministerium mit der bloßen Energieerzeugung durch Atomkraft nicht abgeben. Die Pläne gingen weit darüber hinaus. Auch in den Bereichen der Medizin, Biologie, Chemie und Landwirtschaft sollte die Kerntechnik mittelfristig zum Einsatz kommen. Dabei waren die Atomutopien keinesfalls nur auf das konservative Parteienspektrum beschränkt. Auch SPD und sogar überzeugte Marxisten sehnten das Atomzeitalter herbei. Sie träumten davon, mithilfe der Kerntechnik ganze Landschaftskorrekturen zu bewerkstelligen: Die landwirtschaftliche Erschließung der Pole war nur noch eine Frage der Zeit, die Meeresentsalzung mit Hilfe von Atomkraft praktisch schon beschlossene Sache. Sogar Wüsten sollten durch atomkraftbetriebene Bewässerungsanlagen bald der Vergangenheit angehören.

Auch SPD und Marxistensehnten das Atomzeitalter herbei

Franz Josef Strauß war jedoch nicht nur Atomoptimist. Er war auch ein gewiefter Taktiker. Seine öffentlichen Lobesreden auf die Atomkraft waren bei allem Enthusiasmus auch politisch motiviert. So musste Strauß zum einen bei einer verunsicherten Bevölkerung Überzeugungsarbeit leisten. Diese verband die Atomkraft bisher nur mit Hiroshima und Nagasaki. Gleichzeitig wollte anfangs auch die Energiewirtschaft dem neuen Atompfad nicht recht folgen. Die großen Konzerne wie RWE und Co. sahen wenig Grund, sich von den fossilen Energieträgern zu trennen. Mit Subventionen in Millionenhöhe fand der Atomminister allerdings schon bald ein offenes Ohr.

Während Strauß die Atomkraft in der Öffentlichkeit euphorisch feierte, trat er in Fachkreisen auf die rhetorische Bremse. Die Aufgabe des Atomministeriums verstand der Minister zunächst darin, den technologischen Rückstand zu den USA, Großbritannien und Frankreich wettzumachen. Dieser betrug schließlich schon mehr als zehn Jahre. Gegenüber der Deutschen Atomkommission, die im Januar 1956 zu genau diesem Zweck gegründet worden war, erwähnte er, dass es „angesichts der begleitenden Umstände töricht [wäre], von dem Beginn eines goldenen Zeitalters zu sprechen.“ Ihm war bewusst, dass die zivile Nutzung der Atomkraft nicht von heute auf morgen zu bewerkstelligen war. Dass das erste wirtschaftlich betriebene Atomkraftwerk der Bundesrepublik jedoch erst 1966 – elf Jahre nach der Gründung des Atomministeriums – ans Netz ging, war für viele dann doch eine herbe Enttäuschung … und an den Polen lag noch immer Eis.

Auch als Verteidigunsminister blieb Strauß der Atomkraft treu

Franz Josef Strauß hatte zu diesem Zeitpunkt schon längst einen anderen Job. Bereits ein Jahr nach der Ernennung zum Atomminister übernahm er das Amt des Verteidigungsministers. Der Atomtechnik blieb er jedoch treu. So plädierte er in seinem neuen Amt für die Aufrüstung der Bundeswehr mit „modernen Waffen“ – und das hieß: Atomwaffen.

Mit unserer 12teiligen Sommerserie „Atomgeschichte(n)“ beleuchten wir im LichtBlickBlog ein dunkles Kapitel der modernen Energieversorgung. Die Serie wirft einen Blick zurück in die Zeit der Atom-Euphorie der 50er und 60er Jahre über die Formierung der Anti-AKW-Bewegung in den 70er Jahren bis hin zur heutigen Atompolitik. Im achten Teil der Serie mit dem Titel „Das bißchen Strahlen“ geht es nächste Woche um die vermeintliche Sicherheit der AKWs, die der Bevölkerung vorgegaukelt wurde.

Bisher wurden die Teile „Atomkraft für den Frieden“ (Teil 6), „1951 – das Jahr, in dem zum ersten Mal Atomstrom gewonnen wurde“ (Teil 5),  „Wie die Nazis die ersten Reaktoren bauen wollten und nach der Wunderwaffe suchten“ (Teil 4), „Als man mitten in West-Berlin Atomkraftwerke bauen wollte…“ (Teil 3), „Atomförderung in Brasilien – sieht so der deutsche Ausstieg aus?“ (Teil 2) und „Die ausbleibende Atom-Renaissance“ (Teil 1) veröffentlicht.


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3 Kommentare

  • Gunter Dorsch sagt:

    Ich finde die Artikel außerordentlich gut und informativ, vieles habe ich noch nicht gewusst.
    Herr Strauß wird hier mitnichten in den Dreck gezogen.

    Meiner Meinung nach hat er sich selber in den Dreck gelegt.

    Bei der Nutzung(!??) der Atomenergie sind wir doch von A bis Z belogen und betrogen worden.


  • Ralph Kampwirth sagt:

    @ Kristen: Wir haben nicht den Eindruck, dass Herr Strauß (oder andere) hier zu stark kritisiert werden. Die 50er waren die Zeit großer Atom-Euphorie (allerdings gab es auch damals schon viele Kritiker!) – und diese Euphorie gab es in allen politischen Richtungen. Uns geht es darum, diese Zeit mit unserer Serie zu dokumentieren.


  • kirsten sagt:

    Mal ganz erlich , das ist eine Entwicklung und in den 19 50 ern hat sich bei Ihnen auch noch keiner gedanken gemacht .
    ich finde es schäbig die Politk zu benutzen. Herr Strauß hat viel für Deutschland getan und dies wird mit heutigen Augen in den Dreck gezogen . Das ist Schäbig.


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