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Serie Atomgeschichte(n) 2: Atomförderung in Brasilien – sieht so der deutsche Ausstieg aus?

Regine Richter, Mitarbeiterin der Umwelt- und Menschrechtsorganisation Urgewald, Foto Urgewald
Regine Richter, Mitarbeiterin der Umwelt- und Menschrechtsorganisation Urgewald, Foto Urgewald

Von Regine Richter, Mitarbeiterin der Umwelt- und Menschrechtsorganisation Urgewald

Vor Jahresfrist hat die Bundesregierung mit großem Brimborium den „Atomausstieg“ und die Energiewende beschlossen. Seitdem liegt sie – wie immer – mit sich selbst im Clinch und kommt mit der Energiewende nicht recht voran. Neun AKW laufen weiter und beim Ausbau der Erneuerbaren und der Energieeffizienz bekriegen sich Umwelt- und Wirtschaftsministerium. Ungewohnte Einigkeit besteht in Regierungskreisen hingegen bei einem „Außenaspekt“ des Atomausstiegs: er soll nicht für die Exportförderung gelten. Denn die Bundesregierung hat schon im Februar 2010 eine grundsätzliche Bürgschaft über 1,3 Milliarden Euro für den Bau des Atomkraftwerks Angra 3 in Brasilien vergeben. Damit sollen Exporte des Atomkonzerns Areva gefördert werden. Teile für Angra werden am Areva-Standort Erlangen gefertigt, das geplante brasilianische AKW entspricht dem Reaktor Grafenrheinfeld.

Risikoexport

Kritik an dem Projekt gibt es wegen der Standortwahl, der unzulänglichen Evakuierungspläne, des Baus eines veralteten Reaktors, der laschen Atomaufsicht in Brasilien und der hohen Kosten, die besser für umweltfreundlichere Energielösungen eingesetzt werden könnten: Am Standort von Angra kommt es regelmäßig zu massiven Erdrutschen, die den einzigen Fluchtweg blockieren und im Fall eines Unfalls dazu führen, dass weder die betroffene Bevölkerung das Gebiet verlassen, noch Rettungskräfte es betreten könnten. Dies wird in den Evakuierungsplänen kaum reflektiert, die sowieso nur für die nächste Umgebung des AKW aufgestellt wurden.

Der Referenzreaktor Grafenrheinfeld wurde in den 70er Jahren entwickelt und soll 2014 abgeschaltet werden, ein Jahr bevor Angra 3 frühestens ans Netz gehen könnte. Und selbst ein Gutachten im Auftrag von Areva bestätigt, dass Angra 3 nicht hinreichend gegen Flugzeugabstürze geschützt ist. Die brasilianische Atomaufsicht CNEN ist Brennstoffversorger, Betreiber, Auftragnehmer, Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde in einem. Damit sind Interessenskonflikte vorprogrammiert. So wundert es nicht, dass der Zwillingsmeiler Angra 2 zehn Jahre ohne endgültige Betriebsgenehmigung gelaufen ist.

Bürgschaft zurücknehmen!

Die endgültige Bürgschaft ist jedoch noch nicht vergeben, da die vornehmlich französischen Banken, von denen das Geld kommen soll, die Verträge noch nicht fix gemacht haben. Nach der Atomkatastrophe von Fukushima und nach dem deutschen Atomausstieg haben deshalb Umweltorganisationen, BürgerInnen und Oppositionsparteien die Rücknahme der Bürgschaft gefordert. Sie fordern: Keine doppelten Standards (Atomausstieg hier versus Atomförderung im Ausland durch deutsche Bürgschaften). Über Hunderttausend  unterzeichneten im Netz einen Appell und zehntausende schicken „Ich bin doch kein Atombürger“-Postkarten an Angela Merkel und ihre lokalen Koalitionsabgeordneten, um die Rücknahme der Bürgschaft zu fordern.

Verschieben und aussitzen?

Die Bundesregierung hat reagiert, indem sie Auflagen für die endgültige Bürgschaft gemacht hat. Sie verlangte ein Gutachten, das prüft, ob Brasilien die richtigen Lehren aus Fukushima gezogen hat. Das Gutachten liegt seit April vor, klärt die Fragen nicht und verweist auf einen brasilianischen Stresstest, der im Sommer kommen soll. Die Entscheidung wird somit immer weiter nach hinten verschoben. Möglicherweise in der Hoffnung auf die Ruhe der Sommerpause. Dafür ist jedoch die öffentliche Aufmerksamkeit inzwischen zu groß. Und wir freuen uns, wenn sich weitere Leute dem Online-Protest anschließen.

Mit unserer 12teiligen Sommerserie „Atomgeschichte(n)“ beleuchten wir im LichtBlickBlog ein dunkles Kapitel der modernen Energieversorgung. Die Serie wirft einen Blick zurück in die Zeit der Atom-Euphorie der 50er und 60er Jahre über die Formierung der Anti-AKW-Bewegung in den 70er Jahren bis hin zur heutigen Atompolitik. Im dritten Teil der Serie geht es nächste Woche um eine wahnwitzigen Plan aus den 50er Jahren: Ein AKW mitten im dicht besiedelten West-Berlin!

Bisher wurde „Die ausbleibende Atom-Renaissance“ veröffentlicht.


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