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Atomgeschichte(n) 1: Die ausbleibende Atom-Renaissance

"Jetzt den Atomausstieg nicht verschlafen": Auch global sinkt die Zahl der Meiler, Foto: LichtBlick
„Jetzt den Atomausstieg nicht verschlafen“: Auch global sinkt die Zahl der Meiler, Foto: LichtBlick

Mit unserer 12teiligen Sommerserie „Atomgeschichte(n)“ beleuchten wir im LichtBlickBlog ein dunkles Kapitel der modernen Energieversorgung. Die Serie wirft einen Blick zurück in die Zeit der Atom-Euphorie der 50er und 60er Jahre über die Formierung der Anti-AKW-Bewegung in den 70er Jahren bis hin zur heutigen Atompolitik. Wir beginnen im ersten Teil mit einem Ausblick auf die die Zukunft der Atomkraft weltweit.

„Deutschland hat durch seine politische Entscheidung eine Entwicklung beschleunigt, die international ohnehin stattfindet. Nach Fukushima ist der langsame Niedergang der zivilen Atomkraftnutzung zum Absturz geworden.“ Diese Einschätzung von Mycle Schneider, einem der Autoren des World Nuclear Industry State Reports war kürzlich in der ZEIT zu lesen.

Immer weniger, immer ältere AKWs

Im Klartext: Der weltweite Atomkraftwerkspark veraltet, es werden mehr Meiler ab- als angeschaltet und immer weniger Atomstrom produziert. Dieser Prozess läuft seit zehn Jahren konstant. Ende 2010 produzierten rund um den Globus 441 AKWs mit einem Durchschnittsalter von 26 Jahren rund ein Achtel des weltweiten Strombedarfs. Besonders drastisch zeigt sich der Trend in Europa, wo derzeit noch 134 Reaktoren laufen. Das sind 43 weniger als zur Blütezeit der europäischen Atomenergie 1989.

Es sind offenbar nicht einmal die unwägbaren Sicherheitsrisiken, die das Atomgeschäft madig machen. Die Atomenergie war und ist schlicht unwirtschaftlich. Noch nie wurde eine AKW ohne massive direkte oder indirekte staatliche Subventionen gebaut, und die Risiken trägt ohnehin die Gemeinschaft, nicht der Betreiber.

Auch im lange atomgläubigen Frankreich wächst die Skepsis

„Marktführer“ beim Neubau von AKWs ist derzeit China, 26 Meiler sind im Bau. Doch selbst die Chinesen investieren weit mehr Geld in erneuerbare Energien als in Nukleartechnik. Experten gehen davon aus, dass nur rund ein Drittel der derzeit in vielen Ländern geplanten Neubauten auch tatsächlich realisiert werden. Im bislang atomgläubigen Frankreich will die Regierung des neuen Präsidenten Hollande erstmals alte Meiler abschalten – und bricht damit mit dem Atomkonsens, der Linke und Rechte jahrzehntelang einte. Auch in der Bevölkerung haben die Atomskeptiker seit Fukushima die Oberhand gewonnen.

Die aktuellen Enthüllungen rund um das Engagement deutscher Atomkonzerne in Russland zeigen einmal mehr, wie weit der Mythos von der angeblich sauberen und beherrschbaren Atomkraft und die atomare Realität auseinanderklaffen. Laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung  informierte 2004 ein Vertrauter des russischen Präsidenten Wladimir Putin deutsche Atommanager über die katastrophalen Zustände in russischen Meilern und Atomlagern. Die Autoren folgern: „Die russische Atombranche, mit der die Deutschen eng kooperierte, war offenbar außer Kontrolle geraten und brauchte dringend Hilfe.“ Gegenüber der Öffentlichkeit verloren die deutschen Manager jedoch kein Wort über das russische Desaster und warben stattdessen weiter kräftig für die „sichere und saubere“ Atomkraft.

Alle 10 bis 20 Jahre droht ein Super-GAU

Auch wenn der von Mycle Schneider aufgezeigte Trend zum langsamen Atomausstieg erfreulich ist, reicht das doch nicht aus. Jeder Meiler ist einer zu viel. Nicht nur Deutschland, sondern alle Atomstaaten brauchen einen raschen Ausstieg aus dieser hochriskanten Technologie. Alarmierend ist dabei ein Befund von Forschern des Max Planck Instituts: Angesichts der Überalterung der des globalen Atomkraftwerksparks könne es – statistisch gesehen – alle 10 bis 20 Jahre zu einem Super-GAU wie in Tschernobyl oder Fukushima kommen.

Im Teil der zwei der Serie „Atomgeschichte(n)“ geht in der kommenden Woche um die fragwürdige Exportförderung der Bundesregierung für den Bau eines AKWs in Brasilien.


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