MEINUNG & POSITION

Panter Preis Nominierte 2012 (3): Geborgenheit braucht keine Bandscheiben

Sandra Klatt-Olbrich (Foto Anja Weber)
Sandra Klatt-Olbrich (Foto Anja Weber)

Zum achten Mal wird am 15. September 2012 der taz Panter Preis an die Heldinnen und Helden des Alltags verliehen – Engagement und Mut sollen gewürdigt und in den Blick einer größeren Öffentlichkeit gerückt werden. LichtBlick kooperiert mit dem taz Panter Preis und wird die Vorstellung der sechs Nominierten sowie die Preisverleihung am 15. September im Blog begleiten./  Von Enrico Ippolito

Sandra Klatt-Olbrich will mehr Akzeptanz für Mütter mit Behinderungen

In der offenen, klaren Küche von Sandra Klatt-Olbrich liegen auf dem Tresen zehn Bücher, ganz oben „Die Korrekturen“ von Jonathan Franzen. Links des massiven Holztischs steht ein Kamin. Schön hat sie es in ihrem Haus in Hamburg, fast schon an der Grenze zu Schleswig-Holstein. Ihr Dackel bellt und hört nicht auf. Ihre Wohnung könnte auch in dem Magazin Schöner Wohnen auftauchen. Klatt-Olbrich ist Mutter zweier Kinder, Ehefrau und seit Geburt körperlich behindert.
„Für mich war es ganz schwer, zu sagen: Ich bin behindert, ich habe einen Schwerbehindertenausweis. Dieses Wort, ,behindert‘, hat so einen Geschmack“, sagt sie und bereitet unterdessen Espresso vor. Jetzt kann sie es einfach so sagen, „behindert“, es klingt wertfrei. Die Unterarmgehstütze benutzt sie mal, mal nicht. Sie hält kaum still, setzt sich an den Holztisch, schnappt sich wieder die Stütze: Sie hat die aufgeschäumte Milch vergessen. Der Hund bellt wieder.

Das Arbeitsleben vor M Courage

Klatt-Olbrich arbeitete jahrelang beim Öffentlich-Rechtlichen als Journalistin, nun leitet sie „M Courage“, eine Gruppe in Hamburg für Mütter mit Behinderung oder chronischer Krankheit. Als Reporterin musste Klatt-Olbrich einmal über einen Kühlturm berichten. Als sie auf der eisigen Treppe stand, ihr Kameramann vor ihr, der Tonmann dahinter, war das der Wendepunkt: „Da spürte ich meinen Rücken und meine Knochen. Das war der Moment, wo ich dachte, du kannst nicht für immer den rasenden Reporter machen.“ Sie hörte auf, ging zur „Tagesschau“, vermisste aber das Reportersein. Weiter, weiter, immer weiter.
Sie wurde schwanger, bekam ihr Kind, stillte und ging danach zurück zur Arbeit. Beim zweiten Sohn war alles anders. Sie spürte ihren Körper mehr. Weiter, weiter, immer weiter – das ging nicht mehr. Sie musste in eine Klinik und operiert werden. Die Ärzte schlugen ihr die Bandscheiben raus, alles musste neu sein. Das ganze Metall im Rücken raus. Die Reha dauerte ein Jahr. Sandra Klatt-Olbrich hörte auf, sie wollte für ihre Kinder da sein. Der Dackel bellt wieder.

Hürden im Alltag

Jetzt sitzt sie in ihrem Haus, lacht viel. Gerade fordert sie in der Schule ihres Sohnes einen Aufzug. „Die sagen, wenn jemand mit Behinderung da ist, dann können wir doch helfen.“ „Helfen“ – dieses Wort stört Klatt-Olbrich. „Es ist kein selbstbestimmtes autonomes Leben, wenn Sie sechzehnmal am Tag fragen müssen: ,Können Sie mich vorbeilassen? Wo ist eine Behindertentoilette?` Das ist absolut würdelos und ist bei aller politischen Korrektheit, die in der Gesellschaft propagiert wird, in den Köpfen der Leute noch gar nicht angekommen“, sagt sie.
Man muss sich vernetzten, davon ist Klatt-Olbrich überzeugt. „Ich habe diese entwürdigende Erfahrung gemacht, da kann man doch sofort Frauen sagen: ,Das könnt ihr abkürzen. Das braucht ihr nicht zu machen, sondern gleich so und so.‘ Dann habe ich bei der Beratungsstelle ,Autonom Leben‘ angerufen.“ So entstand die Gruppe „M Courage“.

M Courage will mehr Frauen erreichen

Die Beratungsstelle stellt die Räumlichkeiten zur Verfügung. Ein- bis zweimal im Monat treffen sich rund zwölf Frauen dort zum Austausch. Klatt-Olbrich will aber mehr Frauen erreichen. Vor allem die Frauen, die nicht kommen können. „Alleinerziehende Mütter, die sich keinen Babysitter leisten können, kommen natürlich nicht zur Gruppe und leben dann in ihrer Isolation“, sagt sie. Diese Frauen müsse man erreichen. Es gehe in der Gruppe darum, zu sagen: Ich sehe dich, ich erkenne dich, und ich höre dir zu. Ich verstehe, was du durchmachst. Ich verstehe den Schmerz, die Scham.
Schon wieder klingelt ihr Telefon. Und schon wieder das Hundebellen. Eine Mutter aus dem Kindergarten ist dran, sie fragt, ob sie ihren Sohn mitnehmen soll. Klatt-Olbrich organisiert ihren ganzen Tag durch, alles ist strukturiert. Sie weiß, wofür sie wie viel Kraft braucht.
Eins der Probleme sei das Mutterbild in der Gesellschaft. „Eine Mutter hat zu funktionieren, vital und kräftig zu sein, gebärfähig, gesund. Auf jeden Fall hilft sie anderen und hat nicht selbst hilfsbedürftig zu sein. Ansonsten hat sie nicht das Recht, Kinder in die Welt zu setzen – so denken immer noch einige Leute“, sagt sie. Muss eine Mutter das? Sind Geborgenheit, Liebe und eine Beziehung zum eigenen Kind nicht wichtiger? Das sind die Fragen, die die 40-Jährige stellt – und damit eigentlich auch schon beantwortet.

Ein ganz normales Leben führen

Klatt-Olbrich weiß, es wird schlimmer werden mit ihrem Körper. Der Degenerationsprozess. Deswegen will sie mit einer anderen Mutter aus der Gruppe auch probeweise in einem Rollstuhl einen Einkaufsbummel machen. „Wir wollen Sekt trinken an der Bar und uns über alles beschweren, was nicht barrierefrei ist“, sagt sie. Doch so ganz einfach ist es mit dem Rollstuhl auch für sie nicht. Es sei schon ein neuer Identifikationsprozess.
Doch Sandra Klatt-Olbrich will unbedingt mit den Kindern und ihrem Mann nach Rom. Das ist ihr großes Ziel. „Meine Füße werden mich aber nicht tragen“, sagt sie. Jetzt fährt sie erst mal für zwei Wochen mit der Familie nach Griechenland, die Bücher auf dem Tresen kommen alle mit. Und Klatt-Olbrich freut sich auf Jonathan Franzens neuen Roman namens „Freiheit“.
Klatt-Olbrichs Gruppe im Internet: www.mcourage.de

Insgesamt werden 6 Heldinnen und Helden des Alltags von der taz-internen Jury für den taz Panter Preis nominiert. Bis zum 31.08.2012 können die Leser über ihre Helden abstimmen.
 
Bisher wurden von der Jury folgende Helden nominiert:

Panter Preis Nominierte 2012 (2): Menschen mobilisieren. Johannes Wolf will mit gebrauchten Fahrrädern aus Deutschland Menschen in Sambia und Namibia helfen. Und auch selbst etwas von der Welt sehen.

Panter Preis Nominierte 2012 (1): Gehaltene Versprechen. Antje Krajci hat einem afghanischen Mädchen, das in Erfurt medizinisch behandelt wurde, eine Zeit lang ein Zuhause gegeben. Ihre Motivation: Solidarität.


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