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So kommt Ökostrom aus Deutschland in Deine Wohnung

Die Nachfrage nach Ökostrom steigt - jetzt muss sich der Ökostrommarkt entsprechend anpassen, Grafik: LichtBlick
Die Nachfrage nach Ökostrom steigt – jetzt muss sich der Ökostrommarkt entsprechend anpassen, Grafik: LichtBlick

Fließt bei Dir auch schon Ökostrom? Dann gehörst Du zu den fast 11 Millionen Verbrauchern, die auf grüne Energie setzen und damit die Energiewende in vielfältiger Art vorantreiben. Doch seit vor 20 Jahren die Energiewende und die Förderung der erneuerbaren Energien beschlossen wurde, hat sich einiges getan. Wind- und Sonnenenergie sind günstiger geworden, der Atomausstieg ist beschlossen und der Kohleausstieg so gut wie, die Klimaschutzziele machen 100% Erneuerbare auch im Verkehr und bei der Wärme notwendig. Kurz gesagt: Es hat sich viel geändert und jetzt muss sich einiges bei der Förderung der erneuerbaren Energien und der Energiewende tun. Wir zeigen, was verbessert werden könnte und wo es aktuell hakt.

Warum Du derzeit keinen Ökostrom aus deutschen Wind- und PV-Anlagen kaufen kannst

Momentan erzeugen Sonne, Wind & Co. in Deutschland rund 219 Milliarden Kilowattstunden Strom. Das sind rund 38 Prozent der gesamten Stromerzeugung in Deutschland. Doch diese Energie kann nicht als grüner Strom von Dir gekauft werden – auch wenn er natürlich Teil des Strommixes ist. Der Grund dafür sind die EEG-Förderung und Herkunftsnachweise (HKN). Grüner Strom kann nur dann als Ökostrom gekauft werden, wenn er mit HKN belegt wird. Da Wind- und Sonnenenergie in Deutschland bereits über das EEG gefördert werden, können sie keine Herkunftsnachweise bekommen. Das wäre eine doppelte Förderung – hat zumindest die Regierung festgelegt. So fließt die grüne Energie derzeit in den allgemeinen Strommix und wird an der Leipziger Strombörse als Graustrom verkauft.

Warum sich am deutschen Ökostrommarkt etwas ändern muss

Im Bereich Strom sind die Erneuerbaren schon "relativ" weit vorne dabei, doch insgesamt muss sich noch einiges tun, Grafik: LichtBlick
Im Bereich Strom sind die Erneuerbaren schon „relativ“ weit vorne dabei, doch insgesamt muss sich noch einiges tun, Grafik: LichtBlick

Doch das könnte sich bald ändern. Zwei Faktoren spielen hier eine Rolle: Zum einen steigt die Nachfrage nach grüner Energie stetig. So gab es vor 10 Jahren rund 1,9 Millionen Ökostrom-Kunden. Heute sind es fast 11 Millionen. Gleichzeitig sind die Kosten für erneuerbare Energien erheblich gesunken – bei Wind beispielsweise von mehr als 9 Cent/kWh auf 4-8 Cent/kWh. Die Nachfrage nach Ökostrom ist also hoch und der Bedarf könnte durch zügigen Zubau bei gleichzeitig sinkenden Förderkosten gedeckt werden.

Doch damit Du auch wirklich Strom aus deutschen Windkraft- und Solaranlagen direkt beziehen kannst, müsste sich politisch einiges tun. In einer Studie zum „Ökostrommarkt 2025“ haben wir daher sechs Forderungen aufgestellt, wie es zukünftig aussehen könnte.

EEG-Strom für die Verbraucher

Die erste und zeitnah umzusetzende Maßnahme ist der Verkauf von EEG-gefördertem Strom an die Verbraucher. Und das könnte so aussehen: Für neue Anlagen müsste es frei handelbare Herkunftsnachweise geben. Damit es nicht zu der doppelten Förderung kommt – EEG und Herkunftsnachweise – erhalten diese Anlagen entsprechend weniger Fördergelder.

EEG-Förderung für Anlagen-Bau

Grundsätzlich müsste jedoch das Fördersystem überdacht werden, um den Ökostrommarkt zukunftsfähig zu machen. Anlagenbetreiber sollten statt für eine bestimmte Laufzeit nur für den Bau der Anlagen Förderungen erhalten. So müssten sie den Betrieb der Anlagen deutlich stärker an der Nachfrage ausrichten als es aktuell der Fall ist.

Direktverkauf von Ökostrom

Diese Forderung betrifft weniger Dich als „kleinen“ Verbraucher, sondern Unternehmen. Schon heute ermöglichen Firmen wie Google, Facebook, Microsoft oder Ikea den Bau von Windpark- oder PV-Anlagen, indem sie mit dem Betreiber langfristige Stromlieferverträge vereinbaren. Das sind die sogenannten „Power Purchase Agreements“, kurz PPA. Da die Betreiber die Sicherheit haben, dass sie ihren Strom zu einer vereinbarten Summe verkauft bekommen, könnten diese Anlagen ohne oder mit nur wenig Förderung gebaut werden. Im Ausland ist dieses Modell übrigens bereits gängige Praxis.

CO2-Abgabe auf alle Energieträger

Ist es nicht absurd, dass klimaschädliche Energien wesentlich weniger mit Abgaben belastet werden als umweltfreundliche? Hier ein Beispiel: Du zahlst für eine saubere Kilowattstunde Ökostrom im Schnitt 18,7 Cent an Abgaben und Umlagen, bei Erdgas nur 2,2 Cent und beim Öl sogar nur 0,6 Cent. Nach fairem Wettbewerb sieht das nicht aus. Um Öko-Energie also attraktiver zu machen und die Energiewende voranzutreiben, würde es schon helfen, die Abgaben und Umlagen neu zu verteilen. Das heißt: Fossile Energien stärker belasten und CO2-freie weniger. Am Ende solltest Du als Verbraucher natürlich nicht mehr zahlen – für Dich wäre es einfach nur günstiger, die klimafreundliche Energie zu wählen.

Klimafreundlicher Staat

Momentan wird hauptsächlich von den Verbrauchern verlangt, dass sie etwas für den Klimaschutz machen. Das ist auch gut so. Doch warum geht der Staat nicht mit gutem Beispiel voran? Derzeit nutzt die öffentliche Hand für Gebäude, Busse oder Schienenverkehr häufig dreckige Energien. Bund, Länder und Kommunen sollten als Vorreiter für Klimaschutz dazu verpflichtet werden, nur noch Ökostrom zu beziehen.

Die komplette Studie zum Ökostrom-Markt der Zukunft kannst Du auf unserer Webseite einsehen.

 


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4 Kommentare

  • Michael sagt:

    Hallo Frau Blacha,

    das mit Akkus für Autos ist aber auch umstritten, weil hierfür ja viel Rohstoffe benötigt werden erst recht wenn die zum Massenprodukt würden womit die Öko-Bilanz nun auch nicht gerade 100%ig gut aus sieht. Dazu kommt dann ja das schon bekannte Thema Verfügbarkeit von Ladesäulen und Ladedauer.

    Wie sehen Sie die Chancen, eher das O-Bus-Modell auf andere Fahrzeuge, sowohl Autos wie auch LKWs anzuwenden? Motorräder dürfte wohl zu klein und wackelig sein. Aber die sind ja eh in unserem Land in der Unterzahl und könnten dann mit Akkus fahren die dann entsprechend kleiner sind.
    Entweder wie bei den Bussen mit Oberleitungen, oder unterirdisch mit Induktionstechnik die im Straßenbelag eingearbeitet ist. Klar ist das einiges an Aufwand, aber damit bräuchte man gar keine Tankstellen und Ladesäulen mehr und hätte eine unbegrenzte Fahrtdauer. Zumindest so lange wie die ausgebaute Strecke reicht.

    Vor vielen Jahren gab’s mal den Mario-Film. Da fuhren die schon mit Elektroautos, die wie Auto-Scooter mit Strom versorgt wurden. Welche Verbindungsmethode denn die beste ist, lässt sich zwar drüber streiten, aber die Stromversorgung während der Fahrt wäre schon ganz praktisch.
    Und wenn es um irgendwelche „unwichtigen“ Straßen geht wo sich der Ausbau nicht rechnet, könnten als Alternative zu Akkus vielleicht auch Hochleistungskondensatoren zum Einsatz kommen. Da kenne ich mich aber nicht so genau aus, habe da nur bei USVs von gehört.

    Viele Grüße
    Michael Hartmann


    • Anke Blacha sagt:

      Hallo Herr Hartmann,

      ja, im Fokus steht aktuell der E-Antrieb – Wasserstoff ist zumindest größtenteils aus der (öffentlichen) Diskussion verschwunden. Aus meiner Sicht wäre das noch eine gute Alternative – wenn Wasserstoff mit Hilfe der Erneuerbaren hergestellt wird. Bei Oberleitungen bin ich etwas skeptisch. Vielleicht liegt das an den vielen Bahn-Erfahrungen bei Sturm oder Schnee/Eis. Zumal es wohl wirklich schwer werden würde, alle (oder fast alle) Straßen mit Oberleitungen auszustatten. Für Busse oder auf Autobahnen mag das funktionieren.

      Da finde ich die Versuche mit induktivem Laden beim Fahren spannender (https://edison.handelsblatt.com/erleben/induktives-laden-autobranche-kaempft-gegen-kabelsalat/21268682.html). Aber auch hier ist die Frage, ob und wann das flächendeckend umgesetzt werden kann.

      Neben der Diskussion um Antriebsform etc. sollte aus meiner Sicht der Fokus bei der Verkehrswende eher auf einer grundsätzlich Neuordnung des Verkehrskonzepts stehen – besserer ÖPNV, sichere, bessere Radwege, günstige Bahntickets etc..

      Viele Grüße
      Anke Blacha


  • Michael sagt:

    Zum Thema Busse: In Solingen fahren die O-Busse schon jetzt mit Ökostrom. In Randgebieten wo die einige Haltestellen bisher mit dem Diesel-Hilfsmotor fahren, sollen die nach und nach durch Busse ersetzt werden, die statt dem Diesel-Hilfsmotor einen Akku haben. Die ersten Tests wurden mit Bussen von Solaris schon erfolgreich gemacht und die Planungen laufen dahin, in einigen Jahren auch die Dieselbus-Strecken durch solche O-Busse mit zusätzlich Akku-Antrieb zu ersetzen, die in den Streckenabschnitten mit Oberleitung hierüber fahren und gleichzeitig den Akku während der Fahrt aufladen um dann in Streckenabschnitten ohne Oberleitung mit dem Akku angetrieben zu werden.
    Siehe dazu:
    http://www.sobus.net/32-neue-bob-fuer-weniger-emission-in-solingen/


    • Anke Blacha sagt:

      Hallo Michael,

      Danke für Ihr Beispiel. Das zeigt, dass sich etwas bewegt – davon gerne mehr 😊 In Hamburg sollen beispielsweise nur noch E-Busse für den öffentlichen Nahverkehr bestellt werden, die sollten dann natülich auch nur mit Ökostrom geladen werden… Die Wasserstoff-Busse wurden hier leider wieder eingestellt.

      Viele Grüße
      Anke Blacha


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