MEINUNG & POSITION

Netzausbau: Nicht ohne Bürger…

Peter Ahmels, Leiter erneuerbare Energien: Die Bürger müssen bei großen Projekten abgeholt werden, Foto: Deutsche Umwelthilfe
Peter Ahmels, Leiter erneuerbare Energien: Die Bürger müssen beim Netzausbau abgeholt werden, Foto: Deutsche Umwelthilfe

Gastbeitrag von Peter Ahmels, Leiter erneuerbare Energien, Deutsche Umwelthilfe (DUH)

Ein karbonfreies, klimaverträgliches Energiesystem  wird es nur mit erneuerbaren Energien (EE) geben. Das stellt das Netz vor eine riesige Herausforderung: Bisher waren zentrale Kraftwerke in der Nähe der Verbraucher in West-und Süddeutschland die Regel, künftig werden Erneuerbare dezentral  und verbrauchsfern entstehen. So ist schon jetzt in einigen Gebieten Ostdeutschlands zeitweise ein erheblicher Überschuss an Erneuerbarer Energie vorhanden, der in die Lastzentren in Süd- und Westdeutschland transportiert werden muss: Das Netz wird zum Flaschenhals beim Ausbau der Erneuerbaren.

Dezentrale Speicher und intelligente Netze

Doch selbst wenn im Süden und Westen deutlich mehr Erneuerbare Kapazität  installiert wird, so heißt das nicht, dass diese auch immer zeitgleich zum Bedarf anfällt. Dezentrale Speicher und ein intelligentes Netz können  Erzeugung und Verbrauch kurzfristig abgleichen. Im Haushalt können Verbräuche zeitlich gesteuert und verschoben werden.  Doch was ist, wenn mehrere Tage kein Strom erzeugt wird?

Riesige Mengen Energie müssen gespeichert werden

Dafür müssen saisonale billige Speicher eingebunden werden. Das sind zurzeit Pumpspeicher in Norwegen und den Alpen sowie später Kavernen, die riesige Mengen Energie als Druckluft oder Methan oder Wasserstoff speichern können. Zum Vergleich: Wollte man das Energiesystem der Zukunft allein auf Sonne und Wind aufbauen, so müssten für den notwendigen zeitlichen Ausgleich  (bei Flaute oder im Winter) etwa 2-8% des Jahresstrombedarfs speicherbar sein. Das ist erheblich mehr als die jetzige Kapazität von vorhandenen Pumpspeichern. Denn für eine 100 % Versorgung aus erneuerbaren Energien reicht es nicht, das im Jahresdurchschnitt  genug Strom da ist, er muss auch immer zeitgleich zum Verbrauch da sein und eben auch dann, wenn Wind und Sonne gerade mal Pause machen. Es ist also nicht nur der Stromtransport aus den EE-Anlagen, sondern auch die Anbindung von Speichern, die einen Netzumbau erforderlich machen.

Neue Stromleitungen: Bürger abholen

Neue Leitungen sind bei den betroffenen Anwohnern nicht wirklich beliebt. Sie können oft die Notwendigkeit nicht nachvollziehen, fürchten persönliche finanzielle und gesundheitliche Nachteile oder Schäden für die Umwelt und fühlen sich oft von der Planung überfahren und zu spät informiert. Existierende technische Innovationen (u.a. Hochtemperaturseile oder Erdkabel)  werden kaum eingesetzt, die Einhaltung von Mindestabständen zur Siedlung steht allein im Ermessen des Netzbetreibers. Ein Verhandeln auf „Augenhöhe“  ist nicht möglich, sogenannte „Sachzwänge“ wie Kostengründe  verhindern angepasste Lösungen.

Die Deutsche Umwelthilfe hat deshalb einen Arbeitskreis moderiert, in dem über zwei Jahre mit allen Beteiligten und vom Netzausbau Betroffenen nach Lösungen für einen schnelleren Netzausbau gesucht worden ist. Die gefundenen  Lösungen sind im Dezember 2010 als „Handlungsempfehlungen“ an die Politik überreicht worden. Sie enthalten eine Fülle von Maßnahmen zur Schaffung von mehr Akzeptanz.

Und was kann konkret verbessert werden?

Zum Beispiel soll die Bundesnetzagentur bei Netzausbaukosten auch akzeptanzfördernde Maßnahmen wie zum Beispiel eine längere Trassenführung  anerkennen. Der Netzbetreiber wird  zur Einhaltung von Mindestabständen verpflichtet, die jedes Risiko durch elektromagnetische Felder sicher  ausschließen und auch dem Schutz des Wohnumfeldes dienen.

Bei der bisher üblichen Praxis der zweistufigen Planung  (Raumordungs- und Planfeststellungsverfahren) wird eine Bürgerbeteiligung zu Beginn ergänzt, zu einem Zeitpunkt, wo noch Alternativen möglich sind. Die Transparenz der Verfahren ist durch das Internet jederzeit gegeben. Die Politik erstellt einen Bundesnetzplan, dem eine breite gesellschaftliche Diskussion über das künftige Energiesystem und die dafür notwendige Infrastruktur vorausgeht und trägt auch die Verantwortung für die Planung.  Die Planungsdaten für einen Netzausbau sind  –  wie bei jeder anderen Infrastruktur  –  öffentlich und für Fachleute  nachvollziehbar. Vor einem Ausbau sind Maßnahmen zur Optimierung vorhandener Leitungen (z.B. durch Hochtemperaturseile) obligatorisch. Auch das intelligente Netz und neue Speicher werden  mit Hochdruck weiterentwickelt.

Um den Eingriff in die Natur zu minimieren, wird unter den Trassen ein naturnaher Zustand erhalten. Für die  Übertragung hoher Leistungen werden neue, verlustärmere Transportsysteme entwickelt, die abschnittsweise auch leichter in der Erde verlegt werden können. Noch sind dies alles gemeinsam entwickelte Vorschläge. Aber wenn der Netzausbau beschleunigt werden soll, müssen sie umgesetzt werden. Die ersten Schritte dazu sind auch erkennbar. Denn nur  wenn die Diskussion um den Netzausbau rechtzeitig und öffentlich geführt wird, schwappt Stuttgart 21 nicht auch das Netz über. Für den Klimaschutz wäre Netz21 die schlechteste Variante.


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6 Kommentare

  • Andi Kloop sagt:

    Besonders schlimm sind die zur Zeit angestrebten Kürzungen in der Solarbranche. Herr Röttgen bitte ziehen Sie sich zurück.

    [Den Link haben wir entfernt, weil er Werbung beinhaltet, die Red.]


  • Kai Hempel sagt:

    Hallo,

    da muss ich mich Christiane nahtlos anschließen. Alles andere sind nur Illusionen.

    [Den Link haben wir entfernt, weil er Werbung beihnaltet, die Red.]


  • Christiane Magri sagt:

    Hallo,

    ich kann nur sagen… umweltfreundlicher Strom und vorallem in dieser Hinsicht selbst aktiv werden, ist die Lösung bzw. die Zukunft !

    http://www.solaranlage.de


  • Michael Hartmann sagt:

    Bei den Hochspannungsleitungen hatte ich die Bedenken einiger Leute früher für übertrieben gehalten, wie die Bedenken über Handytürme. Seitdem ich 9 Monate direkt unter den 380er Leitungen gewohnt habe, sehe ich das anders. Abgesehen vom „ich fühle mich nicht gut, und konnte schlechter schlafen“, gab mir mein TV durch Bildstörungen den eindeutigen Beweis, dass die Strahlung bis runter ans Haus kommt.

    Von daher: Wenn zwangsläufig mehr Leitungen nötig sind, dann aber genau nachschauen, wo das möglich ist, OHNE Anwohner zu gefährden.


  • Schinderhannes sagt:

    Mein Gefühl sagt mir etwas anderes. Es hat sich eine neue Kultur in der westlichen Politikkultur entwickelt: der Selbstbetrug! Man nimmt sich etwas vor, macht sich etwas vor und tut genau das Gegenteil.

    Zum Beispiel vergangenes Jahr war des Jahr der Biodiversität. Während auf großen und kostenintensiven Konferenzen neue Scheinabsichten entwickelt wurden, konnte ich schon in meiner unmittelbaren Lebensumgebung in diesem Zeitraum beobachten, wie Kleinbewuchs an Straßenrändern und an S-Bahnhöfen unnötigerweise entfernt wurde, nicht zu vergessen die vielen gesunden alten Bäume, die im Gemeindebezirk umgeholzt wurden (wirtschaftliches Interesse). Der Schaden is groß (z.B. für die Imkerei) und wäre vermeidbar gewesen.
    Das Beispiel zeigt, daß die, die die praktischen Entscheidungen treffen, die edlen Absichten entweder nicht kennen oder sich einen Dreck darum scheren.

    Was die CO2 Entwicklung angeht, gebe ich Prof. Sinn völlig recht: das einzige Kriterium des Erfolgs einer Umweltpolitik ist die nachweisliche Reduktion der Förderung von fossilem Brennmaterial. Was der Mensch nicht schafft (siehe die Gesetzgebungsverfahren in Australien) nimmt jetzt die Natur selbst in die Hand, und hoffentlich werden möglichst viele Kohlegruben mit Schlammlawinen zugefüllt! Wir werden noch weltweit feststellen müssen, daß mangelndes Wirtschaftswachstum das allerkleinste unserer Probleme ist.

    Zum Thema Stromnetz: wenn sich Europa gut aufstellen will – und wir wären wirklich gut beraten das zu tun – dann sollten die großen Übertragungsnetze verstaatlicht werden, mit Modellen der teilweisen Refinanzierung durch die Benutzer. Nur durch staatliche und europaweit koordinierte Willensbildung kann hier in kurzer Zeit das Erforderliche bewerkstelligt werden.

    Lange Zeit zum Nachdenken bleibt jedenfalls nicht mehr. Ab nächstem Jahr kommen TESLA und Toyota mit schicken Elektroautos auf den Markt (sorry für die Werbung 😉 ). Die Fahrer werden sehr bald bemerken, welche praktischen Vorteile diese Geräte haben und der „Run“ auf E-Autos könnte den Markt soweit beschleunigen, daß damit auch der Bedarf an Verteilung elektrischer Energie einen Quantensprung nimmt.


  • Lacarian sagt:

    Interessanter Beitrag. Er gibt mir das Gefühl, dass sich wirklich etwas bewegt, und dass sich noch viel bewegen muss. Schön, dass manche aus den Fehlern anderer noch etwas lernen.


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