MEINUNG & POSITION

Nachhaltigkeit: Spiel mit einem Begriff?

Ursprünglich kommt der Begriff Nachhaltigkeit aus der Forstwirtschaft, Foto: Bertvthul, pixabay
Ursprünglich kommt der Begriff Nachhaltigkeit aus der Forstwirtschaft, Foto: Bertvthul, pixabay

Blogbeitrag von Sigwart Zeidler, IT

Der Begriff „Nachhaltigkeit“ scheint mir in letzter Zeit allgegenwärtig zu sein. So  heißt es auf der Webseite der Bundesregierung zum Beispiel:
„Solide Staatsfinanzen sind ein wichtiger Beitrag zu einer nachhaltigen Finanzpolitik“ oder an anderer Stelle  „Durch diese Begrenzung der Neuverschuldung des Bundes wird auch der Schuldenstand insgesamt mittelfristig spürbar und nachhaltig zurückgeführt.“
Und auch auf der Internetseite der Bayer AG stolpere ich gleich mehrmals über den Begriff. Hier findet man den Begriff in folgenden Zusammenhängen: „Bei Bayer hat die Ausrichtung auf nachhaltigen Erfolg seit Langem oberste Priorität.“ bzw. „Wir wollen Nachhaltigkeit erreichen – in allem, was wir tun.“

Begriffsinflation

Geht es Ihnen bei solchen Sätzen wie mir, dass Sie sich fragen, was denn Nachhaltigkeit eigentlich ist und ob der Begriff überhaupt immer richtig und sinnvoll gebraucht wird? Fragen Sie sich vielleicht auch, was Frau Merkel mit der „großen Bedeutung nachhaltigen Wachstums der Weltwirtschaft“ bei ihrem Chinabesuch denn eigentlich meinte? Nachdem auch Pharma- und Gentechfirmen alles unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit tun, verstärkt sich bei mir der Eindruck, dass dieser Begriff vielfach eher irreführend als klärend ist und die wirklichen Absichten und Ziele gar nicht genannt werden.

Was sagt Wikipedia?

Auf Wikipedia ist zu lesen: „Im ursprünglichen Wortsinn („längere Zeit anhaltende Wirkung“) und im übertragenen, ursprünglich forstwirtschaftlichen Sinn („forstwirtschaftliches Prinzip, nach dem nicht mehr Holz gefällt werden darf, als jeweils nachwachsen kann“), entstammt das Wort von „nachhalten“, mit der Bedeutung „längere Zeit andauern oder bleiben“. Im modernen Sinn kommt der Gedanke hinzu, dass auch in anderen Bereichen etwas andauern, bleiben, nachwirken oder haltbar sein kann oder soll, noch lange nachdem es gebaut oder in Bewegung gesetzt wurde.“

Nachhaltigkeit ist keine Eigenschaft

Ich möchte Ihnen diese Definition verbildlichen:  ein Kachelofen, der gut beheizt wurde, liefert noch über einen langen Zeitraum nach dem Erlöschen des Feuers Wärme, weil diese in den Kacheln gespeichert wurde. Der Wald liefert noch lange oder sogar beliebig lang Holz, weil stehen gebliebene Bäume stärker werden können und neue Bäume nachgepflanzt werden.
Nachhaltigkeit bezeichnet also die Art und Weise des Handelns, die notwendig ist, um einen Prozess oder ein Geschehen dauerhaft oder zumindest langlebig zu gestalten. Keinesfalls aber handelt es sich um die Eigenschaft einer Sache oder eines Gegenstandes. Nicht der  Wald ist nachhaltig, sondern die Bewirtschaftungsmethode und auch das Feuer ist nicht nachhaltig, sondern die Art des Heizens. Um aber Dauerhaftigkeit oder Langlebigkeit zu erreichen – wie im Fall des  Waldes -sind auch Sorgfalt, Behutsamkeit, Schonung und Verständnis der Zusammenhänge notwendig.

Mit dem Begriff verbundene Werte

Wenn wir also davon ausgehen, dass Nachhaltigkeit ein Handeln und Verhalten meint, mit dem Dauerhaftigkeit eines Geschehens oder eines Prozesses gewährleistet werden kann, dann verbinden wir gedanklich sofort auch Werte wie Sorgfalt, Schutz und Verantwortungsbewusstsein mit dem Begriff. Und dieser Mechanismus der Wertung funktioniert, auch wenn z. B. von nachhaltigem Wachstum, nachhaltiger Mobilität, gar fiskalischer Nachhaltigkeit oder nachhaltiger gesundheitlicher Versorgung und sonstigem Nachhaltigen gesprochen wird. Damit wird aber automatisch auch von möglichen Risiken abgelenkt, ebenso von der Frage der Sinnhaftigkeit und oft auch von Alternativen. Denn wenn z. B. gentechnisch erzeugte Medikamente oder Nahrungsmittel nachhaltig Gesundheit und Hunger verhindern und Wohlstand sichern, muss es dann nicht gut und richtig sein? Und wenn Frau Merkel von nachhaltigem Wachstum spricht, meint sie dann nicht automatisch etwas Positives?

Ist nachhaltiges Wachstum wünschenswert?

Was soll nachhaltiges Wachstum eigentlich sein – ein Wachstum, das nachhält (anhält), wenn es schon aufgehört hat oder ein Wachstum, das durch irgendwelche (nachhaltige) Maßnahmen ständig oder zumindest möglichst lang aufrechterhalten wird –  In jedem Falle scheint wohl anhaltendes Wachstum gemeint zu sein. Unabhängig davon ist doch die Frage zu stellen, ob das wirklich wünschenswert oder notwendig ist. Dass nachhaltig gewirtschaftet werden muss, um die Menschen auch zukünftig mit Nahrung, Kleidung, Wohnraum, Energie und Dienstleistungen jeder Art – durchaus auch verschiedenen Luxusgütern –  dauerhaft versorgen zu können, darüber wird wohl kein Zweifel bestehen. Ob dazu Wachstum notwendig ist oder ob es auch ohne geht, das werde ich in einem folgenden Beitrag untersuchen.

Schlussbemerkung

Ich frage mich, ob die mit dem Begriff verbundene Ausrichtung der Gedanken auf bestimmte Werte in vielen Fällen missbräuchlich genutzt wird, um das eigene Anliegen, die eigenen Produkte, bestimmte politische Maßnahmen als gut und unumgänglich darzustellen, gerade wenn es unter anderen Begriffen sofort abgelehnt würde. Deshalb plädiere Ich für einen sorgfältigeren und bewussteren, ja nachhaltigen Umgang mit Sprache. Nichts schadet mehr, als Begriffe durch Unachtsamkeit abzudreschen, es sei denn, ich will erreichen, dass man mir kein Gehör mehr schenkt. Dann aber ist Schweigen besser.


Zurück zur Übersicht »

Artikel kommentieren