MEINUNG & POSITION

Lückings Woche: Hamburger Schandfleck

Zwei Hamburger Themen beschäftigen in dieser Woche Gero Lücking, Geschäftsführung bei LichtBlick: Zum einen die Koalitionsverhandlungen von SPD und Grünen nach der Wahl in der Hansestadt – die mit der Hoffnung verbunden sind, dass nun auch wieder die Klima- und Energiepolitik eine Rolle spielen werden. Zum anderen das Kohlekraftwerk in Hamburg-Moorburg, das am kommenden Wochenende ans Netz gehen soll – die CO2-Emissionen schaden Klima und Umwelt, zudem erhöht die Stromerzeugung die bereits vorhandene Überkapazität im Strommarkt weiter.

Gelbes Viertel Berlin Solaranlage, Foto: STADT UND LAND
Gelbes Viertel Berlin Solaranlage, Foto: STADT UND LAND

Herr Lücking, Hamburg hat gewählt und bekommt, wie es aussieht, eine rot-grüne Stadtregierung. Zufrieden? Und: Was erwarten Sie vom neuen Bündnis?
Ob ich zufrieden bin, kann ich erst in fünf Jahren sagen, wenn Bilanz gezogen wurde.
Ich erwarte von der neuen Regierung, dass sie wieder mit Klima- und Energiepolitik beginnt. Unter der SPD-Alleinregierung in der letzten Legislaturperiode gab es die nicht. Jetzt müssen Projekte und Lösungsansätze, die die Energiewende voranbringen, endlich umgesetzt werden.

Großes Potenzial für Mieterstrom in Hamburg

Zum Beispiel Mieterstromprojekte: Mit der Saga-GWG ist die Freie und Hansestadt Hamburg im Besitz einer der größten Wohnungsbaugesellschaften in Deutschland. Photovoltaikanlagen findet man auf den Dächern dieser Mehrfamilienhäuser bisher vergebens. Dieses Potenzial zu erschließen und den umweltfreundlich erzeugten Strom direkt an die Mieter zu liefern, ist ein richtungsweisender Ansatz, der nicht nur die umweltfreundliche Stromerzeugung voranbringt, sondern auch den Mietern in Form von attraktiven Strompreisen die Nebenkosten senkt. Unser Projekt im Gelben Viertel in Berlin, in dem wir 1.000 Mieter mit Mieterstrom versorgen, kann da als Blaupause dienen.

Ladeinfrastruktur für E-Autos ausbauen

Ebenfalls erwarten wir als Energieunternehmen, dass Stromnetz Hamburg – auch hier ist die Stadt Eigentümer – die Ladeinfrastruktur für Elektromobilität ausbaut und jedem Anbieter von Fahrstrom unmittelbar einen diskriminierungsfreien Netzzugang gewährt. Das jetzige, sehr komplizierte Roaming-Modell ist absurd und rechtlich unhaltbar. Es muss nicht nur in Hamburg abgeschafft werden. Jeder Besitzer eines E-Autos muss an jeder Strom-Tankstelle ganz einfach den Strom seines Anbieters tanken können. Nur so führen wir die die E-Mobilität in Deutschland zum Erfolg.

Moorburg ist ein Schandfleck

Kohlekraftwerke, wie das neue in Hamburg-Moorburg, passen nicht in das smarte Zeitalter der Energiewende, Foto: PantherMedia
Kohlekraftwerke, wie das neue in Hamburg-Moorburg, passen nicht in das smarte Zeitalter der Energiewende, Foto: PantherMedia

Wenn Sie aus Ihrem Bürofenster gucken, sehen Sie das neue Vattenfall-Kohlekraftwerk in Moorburg. Nach mehrjähriger Verspätung soll das in den nächsten Wochen vollständig ans Netz gehen. Was heißt das für Hamburg?
Das Kraftwerk ist ein Schandfleck für die Stadt. Es passt nicht in das smarte Zeitalter der Energiewende. Mal abgesehen von den steigenden CO2-Emissionen, wird es die vorhandenen Überkapazitäten im deutschen Strommarkt weiter erhöhen. Das wird dämpfend auf die Großhandelspreise wirken und den Betrieb des Kraftwerks noch weiter in die Unwirtschaftlichkeit treiben. Das alles sind die Probleme des Betreibers Vattenfall. Aus Anlass der Inbetriebnahme müssten eigentlich die Verbraucher ein Zeichen setzen, Vattenfall den Rücken kehren und zu den echten Ökostromanbietern wechseln. Das wäre die richtige Antwort auf eine verfehlte Investitionspolitik eines Konzerns, der die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat.
Übrigens: Für das Geld, dass Vattenfall in das 1.600-Megawatt-Kraftwerk Moorburg investiert hat, hätte man auf Hamburgs Dächern Photovoltaik-Anlagen mit einer Leistung von fast 2.000 Megawatt installieren können. Das wäre die richtige Investition gewesen.

Mobilität und Energie wächst zusammen

Und was war Ihre Überraschung der Woche?
Dass Apple Autos bauen will. Natürlich werden es Elektroautos und natürlich werden sie selbstfahrend. Google hat mit den ersten selbstfahrenden Fahrzeugen die Fahrzeugindustrie bereits überrascht. Apple wirbt jetzt mit aller Macht des Konzerns die Batterieexperten der Branchenführer der Batteriehersteller sowie von Tesla ab.
Man sieht daran, wie die Mobilitätsmärkte und der Energiemarkt zusammenwachsen. Der Ausbau der regenerativen Energien, die damit einhergehende Dezentralisierung, Kommunikation, Datenaustausch und Informationstechnologie sowie die Investitionen der Kunden werden die maßgeblichen Parameter sein, die die Infrastruktur der Zukunft bestimmen werden. Man kann den Plan von Apple, Elektroautos zu bauen, auch als den Einstieg von Apple in den Energiemarkt werten.

Gero Lücking antwortet regelmäßig auf Fragen unseres Medienpartners klimaretter.info.


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