MEINUNG & POSITION

Lückings Woche: Kohleausstieg und falsche Industriepolitik

Regelmäßig kommentiert Gero Lücking aus der LichtBlick-Geschäftsführung aktuelle Energiethemen. Diese Woche geht es um die Kompromissangebote der Grünen bei den Jamaika-Sondierungen, den EU-Vorschlag zu CO2-Grenzwerten für Neuwagen und zu 100 Prozent Erneuerbare weltweit im Jahr 2050. Die Fragen stellt unser Medienpartner klimaretter.

Kompromissbereitschaft bei den Grünen

Vor einigen Wochen äußerten Sie die Befürchtung, die Grünen könnten in einer Jamaika-Koalition weichgespült werden. Jetzt haben sie schon in den Sondierungsverhandlungen Kompromisse beim Kohleausstieg und beim Ende des Verbrennungsmotors angekündigt. Ist das der Anfang vom Ende?

Nein, ganz und gar nicht. Die Grünen verhalten sich sehr professionell und zielorientiert. Wer glaubt, in einer Koalition seine Standpunkte vollständig durchsetzen zu können, disqualifiziert sich für die Teilnahme an jedweder Koalition. Ohne Kompromisse wird es nicht gehen.

Der Einstieg in den Kohleausstieg bleibt ein entscheidender Knackpunkt bei den Sondierungen
Der Einstieg in den Kohleausstieg bleibt ein entscheidender Knackpunkt bei den Sondierungen; Foto: PantherMedia

Die Grünen rücken ja nicht von den Klimaschutzzielen ab, sondern sie wollen den Einstieg in den Kohleausstieg und zeigen Kompromissbereitschaft bei zwei Jahreszahlen auf. Diese waren bewusst sehr pointiert und plakativ formuliert, um die Dringlichkeit, Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit grüner Politik zu unterstreichen.

Durch den Schachzug steht jetzt insbesondere die CSU als betonköpfig und unflexibel dar. Auch die CSU wird sich bewegen müssen, wenn sie in einem solchen Bündnis mitregieren will. Ob sie das wirklich will, scheint unklar.

Falsch verstandene Industriepolitik

Die EU-Kommission hat heute ihren Vorschlag für die CO2-Grenzwerte für Neuwagen veröffentlicht. Eine EU-weite Elektroautoquote fehlt. Ein Rückschlag für die Elektromobilität?

Das Aufweichen ehrgeiziger Ziele und das damit einhergehende einseitige Lobbying zu Gunsten der Autoindustrie ist falsch verstandene Industriepolitik. Kurzfristig sollen Arbeitsplätze gesichert und „unlösbare Aufgaben“ vermieden werden. Das suggeriert eine Sicherheit für die Welt der Verbrennungsmotoren, die es nicht gibt. Die Politik vermittelt der Autoindustrie das trügerische Gefühl, dass man gemeinsam wirtschaftliche Umbrüche, Unheil und Krisen abwehren könnte. Doch dies ist ein Irrtum.

Beispiel Energiewirtschaft

Die deutsche Energiewirtschaft kann ein Lied davon singen. Sie hat sich auch aufgrund ihrer guten Kontakte nach Berlin, Brüssel, zu den Medien etc. in Sicherheit gewähnt. Sie glaubte, die Laufzeiten für AKWs verlängern und die Energiewende abwenden zu können. Doch die Energiemanager haben sich getäuscht. Börsenwerte in Milliardenhöhe wurden verbrannt, die Konzerne sind nur noch ein Schatten ihrer selbst und die einst so sicheren Arbeitsplätze werden massiv reduziert. Und die Politik kann jetzt auch nur noch zuschauen.

Autoindustrie wähnt sich in Sicherheit

Das Gleiche droht der Autoindustrie. Durch die jetzt erwirkten vermeintlichen Erfolge wähnen sich die Konzernchefs in Sicherheit und glauben, dass sie munter weiter SUVs und andere Dreckschleudern produzieren können. Es werden sogar Lockerungen im Emissionsverhalten in Aussicht gestellt, wenn bestimmte Ziele im Bereich der E-Mobilität erreicht werden. Fatale Signale. Denn die internationalen Märkte nehmen längst eine andere Richtung.

E-Autos: Die deutsche Autoindustrie droht den Anschluss zu verlieren
E-Autos: Die deutsche Autoindustrie droht den Anschluss zu verlieren; Foto: LichtBlick

E-Auto-Markt in China entscheidend

Prominentestes Beispiel ist die Quote für E-Autos in China. Alle deutschen Hersteller sind in erheblichem Maße von ihren Erfolgen in China abhängig. Sie setzen jeweils über 30 Prozent ihrer Fahrzeuge dort ab. Wenn das zukünftig nicht mehr funktioniert, weil Entwicklungen verschlafen werden, werden sich die Probleme verschärfen. Und im Gegenzug besetzen ausländische Konzerne freiwerdende Nischen und innovative Ansätze. Sie werden sie mit aller wirtschaftlichen Macht auch in die europäischen Märkte drücken.

Verantwortungsvolle Industriepolitik

Aber man muss gar nicht auf die Elektroquote in China verweisen. In praktisch allen europäischen Metropolen ist die Diskussion um Fahrverbote und die Sperrung der Innenstadtbereiche für den Individualverkehr in vollem Gange. Übrigens Diskussionen, die diejenigen provozieren, die mit ihren alten Konzepten Grenzwerte massiv und systematisch überschreiten.

Verantwortungsvolle Industriepolitik wäre es, die Konzerne an die Hand zu nehmen und ihnen den Weg der Innovation aufzuzeigen. Um disruptive Veränderungen zu vermeiden, im Interesse zukünftiger Arbeitsplätze in Deutschland.

Laut einer aktuellen Studie sind 100 Prozent Erneuerbare Energien weltweit bis 2050 möglich; Foto: PantherMedia
Laut einer aktuellen Studie sind 100 Prozent Erneuerbare Energien weltweit bis 2050 möglich; Foto: PantherMedia

Ökonomische Vorteile der Erneuerbaren

Eine neue Studie sagt, dass es möglich ist, die ganze Welt im Jahr 2050 mit Erneuerbaren Energien zu versorgen. Laut der Studie sollen Speicher – sowohl Batteriespeicher als auch Power-to-Gas – in dem Jahr etwa 30 Prozent des Strombedarfs decken. Halten Sie das für realistisch?

Wenn es nicht möglich wäre, wäre der Klimawandel nicht aufzuhalten. Es ist realistisch, weil die neuen Technologien immer billiger werden und inzwischen massive ökonomische Vorteile gegenüber Atom, Kohle, Öl und Gas aufweisen.

Offener Lobbyismus

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (bdew), Stefan Kapferer, nimmt für die FDP jetzt offiziell an den Sondierungsgesprächen der potentiellen Jamaika-Koalitionäre teil. Offener kann man den Lobbyismus nicht machen.

Warum lässt man nicht direkt den BDI, VDA und bdew den Koalitionsvertrag formulieren? Das geht wahrscheinlich schneller, geräuschloser und effizienter. Die Politiker fahren derweil beispielsweise nach Bayern (Seehofer) oder Jamaika.

 


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2 Kommentare

  • Axel Schwerdtner sagt:

    Der Klimawandel ist natürlich und nicht aufzuhalten! Lediglich die Beschleunigung durch den Menschen kann man aufhalten. Aber dazu sind die Erneuerbaren nicht in der Lage! Schon gar nicht in Verbindung mit der E-Mobilität, solange E-Fahrzeuge nur weitere Verbraucher darstellen und die Kraftwerke zusätzlich belasten. Wir müssen im Gegenteil in erster Linie eigentlich Strom sparen, wo es es nur geht.
    Die E-Mobilität benötigt eine andere Energiequelle als Windkraft und Solar, wenn sie umweltfreundlich funktionieren soll. Wie z.Bsp. eben Wasserkraft.
    Ich war mal überzeugt zu Lichtblick gewechselt! Aber wie alle anderen springt ihr hier auf einen Trend mit Windkraft und Solar auf, nur um wirtschaftliche Interessen zu verfolgen.
    Ich finde den Artikel erschreckend. Wir haben keine Stromwende – es ist eine Engergiewende! Die CO2-Senkung wäre in Sektoren wie z.Bsp Verkehr noch viel effektiver, wenn man es denn wollte. Stromerzeugung in der jetzigen sich entwickelnden Form mit Windkraft, um dreckige Stromkraftwerke zu eliminieren, ist eine moderne Art der sofortigen Umweltzerstörung und gefährdet unsere Stromversorgung. Das fängt bei der Gewinnung von seltenen Erden mit radioaktiver Verseuchung von Grundwasser und Dorfbrunnen in Fernost an (von wegen nicht vor meiner Haustür – nimbi!) und hört nicht bei den durch WKA getöteten Greifvögeln und gerodeten Waldflächen – die grüne Lunge, die das CO2 eigentlich abbaut! – für WKAs auf. Diese Erneuerbaren sind noch indiskutabel, da es eben KEINE großtechnische und wirtschaftlich sinnvolle Speichertechniken für Zufallstrom gibt. Die hier erwähnten Power-to-Gas oder Batteriespeicher-Modelle sind entweder nur eine Stromvernichtung oder nicht effektiv genug. Ökonomische Vorteile? Die, dass die Subventionen für 20 Jahre gesichert vom kleinen Mann direkt in die Taschen der Windmüller geht? Oder die „Nutzen“maximierung durch Zerstörung des Lebensraums Deutschland? Auch wenn Sie auf der Homepage nur Strom aus Wasserkraft erwähnen, finde ich das Lichtblickkonzept mit Kooperationen in Sachen Wind- und Solarstrom unglaublich enttäuschend. Die Aussagen Ihres Vorstandsmitgliedes in dem Artikel zeigen klar wohin die Reise gehen soll. Ich stehe deswegen kurz vor einem Anbieterwechsel, den ich bin klar gegen Windkraft!


    • Anke Blacha | LichtBlick Autorin antwortet:

      Hallo Herr Schwerdtner,

      vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. Für uns ist die Energiewende über alle Sektoren, das heißt im Bereich Strom, Wärme und Verkehr, der einzig wirksame Weg den menschengemachten Klimawandel zu bremsen. Dazu gehören die Erneuerbaren und alternative Antriebe. Bei der Stromversorgung können wir nicht allein auf Wasserkraft setzen.

      Wir geben Ihnen Recht, dass die Speichertechnologien noch nicht wirklich effizient sind, doch die Entwicklung macht große Fortschritte. Die Erneuerbaren sind alternativlos für den Klimaschutz. Und eine Kopplung der verschiedenen Sektoren, so dass beispielsweise E-Autos oder Wärmepumpen als Speicher eingesetzt werden, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu 100% Erneuerbare.

      Es läuft noch nicht alles rund, das stimmt, doch wir können nicht abwarten und weiter machen wie bisher, denn das würde noch mehr CO2 und giftigen Atommüll bedeuten. Und das kann nicht wirklich eine gute Alternative sein.

      Viele Grüße
      Anke Blacha


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