MEINUNG & POSITION

Lückings Woche: Erfolg der Erneuerbaren

Regelmäßig kommentiert Gero Lücking, Geschäftsführung Energiewirtschaft bei LichtBlick, aktuelle Energiethemen. Diese Woche unter anderem den unaufhaltsamen Erfolg der Erneuerbaren. Die Fragen stellt unser Medienpartner klimaretter.info.

Der Siegeszug der Erneuerbaren ist nicht mehr aufzuhalten, Foto: PantherMedia
Der Siegeszug der Erneuerbaren ist nicht mehr aufzuhalten, Foto: PantherMedia

Erneuerbare am Wendepunkt

Herr Lücking, in mehr als 30 Ländern ist der Strom aus Wind- und Solaranlagen genauso günstig wie der aus neuen konventionellen Kraftwerken – oder sogar billiger. Zu dem Schluss kommt ein Bericht des Weltwirtschaftsforums. Erneuerbare hätten damit einen Wendepunkt erreicht. Wann ist damit in Deutschland zu rechnen?
Der ökonomische Erfolg und vor allem die höhere Wirtschaftlichkeit der Erneuerbaren im Vergleich zu den konventionellen Energien sind nicht mehr aufzuhalten. Dieses Phänomen ist nicht nur in 30 Ländern zu beobachten, sondern weltweit. Die grenzüberschreitende Photovoltaik-Ausschreibung innerhalb des EEG hat Ende letzten Jahres Angebotspreise von 5,4 Cent pro Kilowattstunde ergeben. Es handelt sich wohlgemerkt um einen Erzeugungspreis in Dänemark, also einem Land, das nicht gerade dem Sonnengürtel der Erde zugerechnet wird.

Günstiger Solarstrom

In geografischen Breiten, die deutlich näher am Äquator liegen als Dänemark, wird der Sonnenstrom inzwischen für weniger als die Hälfte des jetzt dort erreichten Preises erzeugt. Ausschreibungsergebnisse des letzten Jahres aus großen Freiflächenanlagen aus der Atacama-Wüste in Chile ergeben Erzeugungskosten von lediglich 2,6 Cent.
Auch bei der Windkraft geht die Kostendegression unaufhaltsam weiter. So hat Ende letzten Jahres ein niederländisches Konsortium den Zuschlag für den Bau eines Offshore-Windparks mit 700 Megawatt Leistung im Ärmelkanal zu einem Erzeugungspreis von 5,5 Cent pro Kilowattstunde erhalten. Und auch dieser Preis wurde mit 4,9 Cent pro Kilowattstunde bereits von einem Offshore-Windprojekt in Dänemark unterboten. In Marokko wird Windstrom an Land bereits für 2,68 Cent pro Kilowattstunde erzeugt, also zum fast gleichen Preis wie der Solarstrom in Chile.

Investitionen in neue AKW sollten der Vergangenheit angehören, Foto: PantherMedia
Investitionen in neue AKW sollten der Vergangenheit angehören, Foto: PantherMedia

Fehlinvestition in Atomenergie

Vergleicht man diese Ergebnisse mit den 21 Milliarden Euro, die – ohne wahrscheinliche Kostensteigerungen – für das britische Atomkraftwerk Hinkley Point C veranschlagt werden, versteht jeder sofort, was das Weltwirtschaftsforum unter ökonomischen Siegeszug meint. Die AKW-Investoren in Großbritannien verlangt zugesicherte Einspeisevergütungen von 13 Cent pro Kilowattstunde über mehr als 20 Jahre. Die Erneuerbaren sind in Europa schon heute um den Faktor 2,6 günstiger! Und dabei sind Projekt- und atomare Restrisiken noch gar nicht berücksichtigt.

Gesamtkosten betrachten…

Muss man nicht ehrlicherweise in solchen Vergleichen noch die Kosten addieren, die für die Eingliederung der Erneuerbaren ins System und den Aufbau von Speichern anfallen?
Die genannte Analyse zeigt den wirtschaftlichen Vorsprung der erneuerbaren Energien. Sie umfasst den „nackten“ Vergleich der Erzeugungskosten. Selbst wenn man die Netzanbindung in jeder Variante einberechnet, würde das nicht zu einem anderen Ergebnis führen. Denn nicht nur ein Windpark, sondern auch jedes konventionelle Großkraftwerk muss an ein Stromnetz angeschlossen werden. Selbst wenn der Netzausbaubedarf und die Netzanbindungskosten in der regenerativen, dezentralen Erzeugungsvariante insgesamt höher liegen sollten als in der konventionellen Variante, ist der ökonomische Vorsprung der erneuerbaren Erzeugung inzwischen so gewachsen, dass sie auch in der Summe mit den Netzausbaukosten vorn liegen würden.

Energiewende die beste Option

Erweitert man die Analyse vom rein betriebswirtschaftlichen Vergleich der Erzeugungskosten auf einen volkswirtschaftlichen Ansatz, bezieht also nicht nur Netzanbindung ein, sondern auch Punkte ein wie die Kosten und Risiken der Finanzierung, der Projektrealisierung, der technischen Umsetzung, der Akzeptanz, des Betriebs bis hin zu nuklearen Restrisiken, des Rückbaus einschließlich der Endlagerung von Atommüll und so weiter –, dann vergrößert sich der Vorsprung der Erneuerbaren nochmals deutlich. Die Energiewende ist volkswirtschaftlich die beste Option.
Richtig ist sicherlich, dass derzeit jeder Akteur seine Interessen verfolgt, ohne die Höhe von Folgekosten anderer Akteure zu berücksichtigen. Ein gesamtwirtschaftliches Optimum wird so bestimmt verfehlt. Bei der Vielzahl an Akteuren und Interessen wäre es aber ein aussichtsloses Unterfangen, danach zu streben.

Chinas Rekordinvestitionen in die Zukunft

Und was war Ihre Überraschung der Woche?
Im Lichte des eben Gesagten verwundert es nicht, dass weltweit seit 2012 jedes Jahr mehr erneuerbare Kraftwerkskapazität neu geschaffen wird als konventionelle. Zwar werden in den vorhandenen Anlagen noch deutlich mehr Kilowattstunden konventionell – vor allem aus fossilen Energieträgern – als regenerativ erzeugt. Aber der Ausbauboom und die Investitionen heute legen den Grundstein dafür, auch das Verhältnis bei den erzeugten Kilowattstunden schon bald zugunsten der Erneuerbaren auf den Kopf zu stellen.
China ist das Land, das dabei weltweit führend ist. Es hat sein finanzielles Engagement allein im letzten Jahr um 60 Prozent gesteigert. Im Jahr 2016 hat China über 30 Milliarden Euro in den Ausbau der erneuerbaren Energien außerhalb des eigenen Landes investiert. Im Inland sind bereits rund 100 Milliarden Euro in den Ausbau der Erneuerbaren geflossen. Rekordinvestitionen in die Zukunft.


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