MEINUNG & POSITION

Lückings Woche: CO2-Preis und Erneuerbare im Ölstaat

Regelmäßig kommentiert Gero Lücking aktuelle Energiethemen. Diese Woche kommen unter anderem die Themen CO2-Preis und erneuerbare Energien in Ölstaaten zur Sprache. Die Fragen stellte unser Medienpartner klimaretter.

Gas- und Stromnetz koordiniert ausbauen

Im Rahmen der Sektorkopplung sollte Ausbau der Strom- und Gasnetze zusammen gedacht werden, Foto: PantherMedia
Im Rahmen der Sektorkopplung sollte Ausbau der Strom- und Gasnetze zusammen gedacht werden, Foto: PantherMedia

Herr Lücking, die Lobbyinitiative „Zukunft Erdgas“ hat gerade den „CO2-Tag“ veranstaltet, an dem Deutschland nach ihrer Berechnung sein CO2-Budget aufgebraucht hat. Die Initiative plädiert dafür, jetzt schnell Emissionen einzusparen – durch Nutzung von Erdgas. Wie stark ist die Gefahr, dass jetzt zu viel in fossile Infrastrukturen investiert wird?
Der Netzausbau im Strombereich wird öffentlich breit diskutiert. Den brauchen wir, weil die Welt im Zuge der Energiewende immer elektrischer werden wird. Wenn also der Verkehr künftig elektrisch rollen und die Raumwärme in den Gebäuden zunehmend elektrisch bereitgestellt werden soll, werden wir weitere erneuerbare Erzeugung und auch leistungsstärkere Stromnetze brauchen.
Fossile Infrastruktur im Bereich Gas wird derzeit besonders im Bereich der transnationalen Fernleitungen ausgebaut. Die Ostseepipeline ist ein solches Projekt.
Eine übergeordnete Koordination und Abstimmung zum Ausbau von Gas- und Stromnetzen gibt es bisher nicht. Dazu müssten die Ziele der sogenannten Sektorenkopplung abgestimmt und definiert sein, das ist nicht der Fall. Da steht die Politik vollständig am Anfang. Und da eine Infrastruktur wie die Ostseepipeline nicht für Deutschland, sondern für Europa gebaut wird, ist die Frage des Bedarfs unter Berücksichtigung der Klimaziele und der Sektorenkopplung eine europäische Frage.

Gefahr der politischen Erpressbarkeit

Die gasexportierenden Länder und deren staatliche oder halbstaatliche Gasindustrien bauen einerseits auf eigenes Risiko. Sie versuchen durch die Macht des Faktischen die Politik zu beeinflussen. Nach dem Motto: Wenn das Gas schon mal da ist, dann kann es auch verbrannt werden.
Andererseits gibt es hinter der positiv zu beurteilenden wirtschaftlichen Zusammenarbeit auch klare geopolitische Ziele. Eine einseitige wirtschaftliche Zusammenarbeit auf diesem Gebiet soll zu einer Abhängigkeit ausgebaut und möglichst zementiert werden. Die politische Erpressbarkeit spielt in den Langfriststrategien einiger Beteiligter sicher auch eine Rolle.
Die Klimaschützer müssen sich in dieser Gemengelage durchsetzen.

Preisanstieg beim CO2

Der Preis für die Tonne CO2 im europäischen Emissionshandel ist im Laufe des vergangenen Jahres gestiegen und liegt jetzt bei etwa 13 Euro. Berechtigt das – zusammen mit der beschlossenen Reform – zur Hoffnung, dass der Emissionshandel bald wirkt?
Der momentane Preisanstieg zeigt in der Tat erste Anzeichen dafür, dass der CO2-Markt Wirkung entfaltet. Zurzeit sehen wir eine starke Nachfrage nach CO2-Zertifikaten für 2017, weil die Frist für das Einlösen dieser Zertifikate Ende April abläuft. Das treibt die Preise. Die europaweite Kappung der Zertifikatsmenge durch den Emissionshandel wirkt ergänzend dazu ebenfalls preistreibend.

Preisniveau ist immer noch zu gering

CO2-Preis ist noch zu niedrig, Anstieg ist aber Schritt in die richtige Richtung, Foto: PantherMedia
CO2-Preis ist noch zu niedrig, Anstieg ist aber Schritt in die richtige Richtung, Foto: PantherMedia

Den ersten deutlichen Preissprung sahen wir Ende Januar, Anfang Februar, nachdem die große Koalition von einem konkreten Kohleausstieg abgerückt war. Langsam beginnen auch im CO2-Markt Marktmechanismen zu greifen.
Noch ist das Preisniveau aber zu gering, um zu einer wirtschaftlichen Verdrängung der Kohlekraftwerke im Strommarkt zugunsten umweltschonenderer Kraftwerke zu führen. Erst wenn sich die aktuelle Preisbewegung fortsetzt, ist zu erwarten, dass der Emissionshandel wirklich einmal Wirkung entfaltet. Aber die Richtung stimmt.

Superlativen auch bei Erneuerbaren

Saudi-Arabien plant eine Rekord-Solaranlage mit einer Kapazität von 200.000 Megawatt. Können solche Versuche von Ölstaaten, vom Öl unabhängiger zu werden, die globale Energiewende ankurbeln?
Da es bei den handelnden Personen ohne Superlative und Größenwahn offenbar nicht gehen wird, ist das doch genau das Richtige. Klotzen statt Kleckern. So können sie zudem ein internes Wettrennen zwischen der Solarenergie und den irrationalerweise ebenfalls geplanten 16 neuen Atomkraftwerken arrangieren. Wer ist schneller, zuverlässiger und risikoärmer in der Projektsteuerung? Wer ist am Ende wirtschaftlicher? Die Atomkraft oder die weltgrößte Solaranlage mit einer Leistung von rund 200 Kernreaktoren?
Wetten dürfen abgegeben werden: Wird die Photovoltaik liefern? Wie viele der 16 geplanten Atomreaktoren werden in Betrieb gehen? Wir hoch wird die atomare Kostenkettenreaktion beziehungsweise -explosion ausfallen? Welche zeitliche Verzögerung wird es geben?

Schafft Belgien diesmal den Atomausstieg?

Und was war Ihre Überraschung der Woche?
Belgien hat beschlossen, in den Jahren 2022 bis 2025 aus der Atomkraft auszusteigen. Die sieben Reaktoren, verteilt auf zwei Standorte, sollen bis dahin schrittweise abgeschaltet werden. 2022 ist bekanntlich auch in Deutschland Schluss.
Es ist bereits der zweite Beschluss dieser Art in Belgien. Auch dort gab es mal einen Ausstieg vom Ausstieg. Hoffen wir, dass der neuerliche Beschluss nun Bestand hat, dass bis dahin nichts passiert und dass jetzt Geld in die Hand genommen wird, um den 40-prozentigen Atomstromanteil in Belgien schrittweise zu reduzieren und den Weg in die Zukunft zu bestreiten.

 


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