MEINUNG & POSITION

Lückings Woche: Energie-Ausblick 2016

Welche Themen hält das Jahr 2016 energiepolitisch für uns bereit? Gero Lücking stellt die wichtigsten Themen vor. Zugleich kritisiert er die schleppende Entwicklung bei der E-Mobilität – bis 2020 sind es nur noch vier Jahre und von knapp 19.000 reinen E-Autos und 108.000 Hybrid-Fahrzeugen ist es noch ein weiter Weg bis zu einer Million Elektroautos.

Energiepolitisch stehen dieses Jahr einige Gesetzesvorhaben an, Foto: Fotolia
Energiepolitisch stehen dieses Jahr einige Gesetzesvorhaben an, Foto: Fotolia

Energiepolitische Themen 2016

Herr Lücking, was wird 2016 energiepolitisch die größte Herausforderung?
Gero Lücking: Die Politik muss noch viele Weichen stellen, damit Deutschland bei der Energiewende nicht den Anschluss verliert. Energiespeicher müssen beispielsweise besser in die Strommärkte integriert werden. Auch die Kosten für Elektrofahrzeuge könnten schneller sinken, wenn man ihre Batterien auch zur Entlastung der Stromnetze nutzt.
Schließlich muss die Politik endlich der Kostentreiberei bei den Gebühren für den Strom- und Gastransport ein Ende bereiten – hier verdienen sich Konzerne und Stadtwerke eine goldene Nase auf Kosten der Verbraucher. Ein normaler Haushalt zahlt pro Jahr rund 300 Euro brutto allein für den Stromtransport – das ist absurd und hat mit der Energiewende nichts zu tun.

Große Gesetzesvorhaben

Auf der politischen Agenda in Berlin stehen große Gesetzesvorhaben: das Strommarktgesetz, das Digitalisierungsgesetz – in Wahrheit ein Gesetz zur Neuregelung des Messwesens –, das neue EEG und die Anreizregulierungsverordnung, die über die Höhe der Strom- und Gasnetzentgelte entscheiden wird. Mit diesen Gesetzen besteht die Chance, die genannten Missstände zu beheben.

Abgasskandal Schwung für E-Auto?

2015 wurden nur 12.500 neue E-Autos in Deutschland neu zugelassen. Dabei sollten doch 2020 wenigstens eine Million Elektroautos auf den Straßen sein. Wieso kommt die E-Mobilität nicht in Schwung?
Spätestens nach dem Abgasskandal muss jetzt bei der E-Mobilität aufs Tempo gedrückt werden. Dass ausschließlich die Ingenieure von Tesla attraktive Elektrofahrzeuge mit 500 Kilometer Reichweite bauen können, deutsche aber nicht, ist weder plausibel noch richtig. Allein es fehlt der Wille. Die Autokonzerne verdienen Milliarden mit ihren konventionellen Fahrzeugen. Dieses lukrative Geschäft zu kannibalisieren, kommt keinem Konzernstrategen in den Sinn. Die Herausforderung ist, ein lukratives Bestandsgeschäft durch das noch lukrativere Geschäft der Elektromobilität zu ersetzen.

Autokonzerne wie Energiekonzerne

Wann kommt endlich Schwung in den Markt für E-Autos?, Foto: istock
Wann kommt endlich Schwung in den Markt für E-Autos?, Foto: istock

Die Autokonzerne befinden sich also in der gleichen strategischen Falle wie Eon, RWE, EnBW und Vattenfall in den Zeiten vor Fukushima. Mit konventioneller nuklearer und fossiler Energieerzeugung haben die Eons und RWEs jährlich Milliarden verdient. Keiner der Konzerne sah es für notwendig und wirtschaftlich sinnvoll an, Alternativen ernst zu nehmen oder gar in sie zu investieren. Zudem verließ man sich auf die traditionell wie geschmiert funktionierenden Beziehungen in die Politik, der man die energiepolitischen Ziele scheinbar nach Belieben diktieren konnte – bis mit Fukushima die Zeitenwende kam und die Politik aus eigenem Machterhaltungsinteresse die Notbremse ziehen und Kehrtwende durchsetzen musste.

Fährt doch alles, wie es stinkt und lacht

Was der Auslöser für eine 180-Grad-Wende in der Autoindustrie sein könnte, ist schwer zu sagen. Der Abgasskandal? Innerstädtische Smogsituationen nicht nur in den asiatischen Megacitys sondern auch in Rom, Paris und beispielsweise Bergen in Norwegen? Zumindest braut sich eine politische Gemengelage zusammen, die die Autokonzerne vorsichtig machen müsste. Wenn der Zug einmal abgefahren ist und Tesla und Google ihre Innovationsführerschaft weiter ausbauen werden und sich darüber Schritt für Schritt Marktanteile erobern, droht eine wirtschaftliche Talfahrt, wie sie Eon und RWE derzeit am eigenen Leibe erfahren. Das wünschen wir der deutschen Autoindustrie nicht.
Übrigens: Hamburg, Europas Umwelthauptstadt 2011, hat bis heute noch nicht einmal eine Umweltzone eingeführt! Warum sollte man als deutscher Autokonzern dann auf E-Fahrzeuge setzen? Fährt doch alles, wie es stinkt und lacht.

Strompreis fällt weiter

Und was war Ihre Überraschung der Woche?
Diese Woche gibt es gleich zwei: Erstens sind die Großhandelspreise für Jahresbandlieferungen von Strom erstmals für die Jahre 2018 und 2019 unter 25 Euro pro Megawattstunde gefallen. Allein in den letzten zwölf Monaten brachen die Preise damit um 20 Prozent ein. Die von vielen als Schallgrenze betrachtete Grenze von 30 Euro pro Megawattstunde ist schon lange durchbrochen. Mal sehen, wie weit die Preise noch sinken werden.

Chinas Abkehr von Kohle

Die zweite Überraschung ist die Ankündigung der chinesischen Regierung, wegen der katastrophalen Luftverschmutzung im nächsten Jahr eintausend Kohleminen zu schließen und auch in den nächsten drei Jahren sämtliche Investitionen in die fossile Energieerzeugung zu stoppen.

Gero Lücking antwortet regelmäßig auf Fragen unseres Medienpartners klimaretter.info.


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