MEINUNG & POSITION

Lückings Woche: Ein neuer Schwarm

Lange war sie angekündigt – die Klimaabgabe für alte und ineffiziente Kraftwerke. Doch am Ende wurde aus der Klimaabgabe ein Klimakompromiss, von dem eher die großen Energiekonzerne profitieren als das Klima und die Verbraucher. Wesentlich erfreulicher ist dagegen die aktuelle Studie vom WWF und von LichtBlick „Megatrends der Energiewende“. Sie zeigt, dass die Erneuerbaren nicht mehr aufzuhalten sind. Gero Lücking, Geschäftsführung Energiewirtschaft bei LichtBlick, fasst die Themen der Woche zusammen.

Aus Klimaabgabe wird Klimakompromiss

Die beschlossene Klimaabgabe ist ein Geschenk an die Kohle-Lobby, Foto: PantherMedia
Die beschlossene Klimaabgabe ist ein Geschenk an die Kohle-Lobby, Foto: PantherMedia

Die Ankündigung der Woche: Bis Ende des Jahrzehnts will RWE im Rheinischen Revier zehn bis 15 Prozent weniger Braunkohle verstromen. Wir müssen also noch mal über Sigmar Gabriels Kohle-Abgabe reden: Herr Lücking, war der Klima-Kompromiss der Großen Koalition vielleicht doch nicht so schlecht?
Im Vergleich zu dem ersten Vorschlag, mit dem das Wirtschaftsministerium die Diskussion eröffnet hat, ist der jetzt beschlossene Kompromiss jedenfalls deutlich schlechter. Die Kraftwerksreserve kostet die Stromkunden Milliarden, die ausschließlich der alten Energiewirtschaft – vor allem Vattenfall und RWE – zufließen werden. Das ist kein konstruktives Geld, also solches, dass der Energiewende zugutekommt.

Statt wirkungsvoller Maßnahme…

Der erste Vorschlag mit dem Klimabeitrag zielte darauf ab, den ältesten und ineffizientesten Braunkohlekraftwerken die Margen zu nehmen. Es war geradezu ein chirurgischer Eingriff. Kein genereller Angriff gegen die Braunkohle, sondern eine gezielte Operation gegen die größten Klimakiller – nämlich die ältesten, ineffizientesten und damit CO2-intensivsten Kraftwerke in Deutschland. Die CO2-Reduktion, das Erreichen des deutschen Klimaziels bis 2020 stand im Vordergrund. Auf den Strompreis hätte dieser Vorschlag kaum Auswirkungen gehabt. RWE und Vattenfall hätten dann konzernintern entscheiden müssen, ob sich ein Weiterbetrieb unter diesen neuen Rahmenbedingungen lohnt oder eben nicht.

…lebensverlängernde Maßnahmen für RWE & Co

Jetzt zahlen die Stromkunden viel Geld für lebensverlängernde Maßnahmen zugunsten von Vattenfall und RWE. Teuer und für den Klimaschutz suboptimal. Wenn die Politik schon diesen Weg geht, hätte sie von RWE zumindest die verbindliche Zusage verlangen sollen, den neuen Braunkohletagebau Garzweiler II endgültig zu den Akten zu legen und aufzugeben. Noch nicht mal das ist passiert.

Megatrends der Energiewende

Gemeinsam mit dem WWF hat Lichtblick gerade die „Megatrends der Energiewende“ vorgestellt. Demnach bekommen wir eine „digital gesteuerte Energiezukunft“. Was soll denn das bitte sein?

Diese Studie zu lesen macht wirklich Spaß. Sie beschreibt eindrucksvoll die weltweite Dynamik unseres Marktes. Durch die anhaltende Kostendegression beispielsweise bei der Photovoltaik und den stationären Batterien werden immer mehr dieser umweltfreundlichen Anlagen in den Markt kommen. Sie werden die konventionelle Stromerzeugung weiter verdrängen. Da es hier die Hausbesitzer und Endkunden sind, die investieren, wird die Energiezukunft dezentral sein. Damit aber auch in dieser dezentralen Welt das Gesamtsystem weiterhin funktioniert und Versorgungssicherheit gewährleistet werden kann, müssen die Anlagen systematisch in die Energiemärkte integriert werden. Wir nennen das SchwarmEnergie®.

Energiewelt wird digital

Digitalisierung und Vernetzung sind wichtige Bausteine für die Energiewende, Foto: Fotolia
Digitalisierung und Vernetzung sind wichtige Bausteine für die Energiewende, Foto: Fotolia

Digitalisierung und das Internet bieten die Voraussetzungen, um den Schwarm vieler zehntausender dezentraler Anlagen so zusammenzuschalten und zu optimieren, dass auch in windschwachen Zeiten oder nachts, wenn die Sonne nicht scheint, immer und überall ausreichend Strom zur Verfügung steht. Wir entwickeln bei Lichtblick dazu mit über 100 Softwareentwicklern und IT-Experten eine Software, den SchwarmDirigenten®, der die Marktintegration und Optimierung dieser Kapazitäten – Erzeugungsanlagen, Speicher und Verbräuche – leisten und durchführen kann. Eine Plattform, auf der sich alle Anlagen und Verbraucher vernetzen und ihre Energieangebote zu anderen Kunden bringen können.
Das kann man sich in etwa analog zu Airbnb und Uber vorstellen, die temporär ungenutzte private Fahrzeug- oder Bettenkapazitäten über eine IT-Plattform Dritten zur Verfügung stellen. In diese Richtung wird sich nach unserer Überzeugung auch der Energiemarkt entwickeln.

EU-Kommission setzt Zeichen für Energiewende

Und was war Ihre Überraschung der Woche?
Die EU-Kommission hat diese Woche ein sogenanntes Sommerpaket zum europäischen Energiemarkt vorgelegt. Es hat fast den Umfang eines vierten Binnenmarktpakets und ist überraschend klar auf die Energiewende ausgerichtet. Die EU-Kommission will den Wettbewerb weiter stärken, sie schreibt den Netzbetreibern klar eine neutrale Rolle zu und will zur Marktintegration erneuerbarer Energien die Flexibilitäten systematisch fördern. Sehr zukunftsgerichtet.
So wie die EU sich mit Beginn der Liberalisierung als deren Treiber erwiesen hat, könnte sie schon bald ein wichtiger Verbündeter der Energiewende werden. Eine positive Überraschung!


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