MEINUNG & POSITION

Lückings Woche: Unaufhaltsame Energiewende

Gero Lücking antwortet regelmäßig auf Fragen unseres Medienpartners klimaretter.info

Herr Lücking, Sie sind Herausgeber von klimaretter.info, in dieser Woche ist eine Rettungskampagne gestartet. Warum? (Weil es mehr Geldgeber für die Redaktion bedarf – oder falls es nicht möglich ist, darauf eine Antwort zu geben): Warum ist klimaretter.info wichtig?

Der Klimawandel wird das zentrale Thema der Menschheit werden. Auch wenn man dies heute noch nicht glauben will, so wird es kommen. Deshalb brauchen wir Informationsplattformen und Nachrichtenportale wie klimaretter.info. Wo sonst werden in diesem Umfang und in dieser thematischen Breite Nachrichten, Informationen, Trends und Meinungen zum Thema Klimawandel so systematisch gesammelt und redaktionell aufbereitet, so dass sie eine breite Öffentlichkeit nachlesen, verstehen und verarbeiten kann? Nirgends.

Deshalb ist klimaretter.info eine so wichtige Wissensplattform. Wir brauchen klimaretter.info. Da eine Finanzierung immer Voraussetzung für gute Arbeit, wie sie hier nachlesbar geleistet wird, ist, ist die gestartete Rettungsaktion mehr als verständlich. Hoffentlich wird sie mehr als erfolgreich sein.

    Wind- und Solarpark in der Energielandschaft Morbach, Rheinland-Pfalz, Foto: Agentur für Erneuerbare Energien
Wind- und Solarpark in der Energielandschaft Morbach, Rheinland-Pfalz, Foto: Agentur für Erneuerbare Energien

Ist die Energiewende aufhaltbar?

In dieser Woche wurden die Quartalszahlen bekannt: Neuer Rekord bei der Sonnenkraft, neuer Rekord bei der Windkraft. Gleichzeitig erleben wir in der Politik ein Rollback der Energiewende, was beispielsweise die gesamte Solarbranche an den Rand der Existenz geführt hat . Ist die Energiewende noch aufhaltbar? Mit welchen Auswirkungen hat Lichtblick zu kämpfen?

Nein, die Energiewende ist nicht aufhaltbar. Die Politik treibt aber eine Sorge. Sie fürchtet die Kosten der Energiewende oder besser gesagt, die Kosten des EEG. Steigende Kosten des EEG werden als mögliche Ursache für sinkende Akzeptanz für die Energiewende gesehen. Es wird befürchtet, dass die derzeitige breite Unterstützung für die Energiewende in eine mehrheitliche Ablehnung kippt. Derzeit zahlt jeder Verbraucher pro Kilowattstunde 3,592 Cent für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Geht der Ausbau in der Geschwindigkeit weiter, werden EEG-Umlagen von über 4 Cent pro Kilowattstunde im nächsten Jahr prognostiziert. Die „Vier“ vor dem Komma gilt als magische Toleranzgrenze, die aus Sicht der Politik nicht überschritten werden darf. Ein besonderer Dorn im Auge ist dabei die Förderung für die Fotovoltaik. Sie kostet vergleichsweise viel Geld und bringt wenig Masse, sprich Kilowattstunden. Um an dieser Front Ruhe zu haben und guten Willen auch den Kritikern der Energiewende gegenüber zu signalisieren, hat man hier vergleichsweise harte Eingriffe beschlossen. Natürlich stellen sich in dem Zusammenhang viele Fragen: Ist es energie- und industriepolitisch klug, die deutsche PV-Industrie so abzuwürgen? Hätte es nicht Konzepte gegeben, die Billigkonkurrenz aus dem Ausland abzuschotten und so die deutschen Firmen zu schützen? Hätte es also verträglichere Konzepte zur vermeintlichen Kostensenkung gegeben? Andererseits muss auch gefragt werden, ob zukünftig die Fotovoltaik oder nicht eher die Offshore-Windkraft der Kostentreiber des EEG sein wird? Muss nicht auch die Industrie stärker an der Finanzierung des EEG beteiligt werden, schließlich ist sie derzeit weitestgehend von der Finanzierung befreit, profitiert aber andererseits überdurchschnittlich an einem durch den Ausbau der erneuerbaren Energien verursachten niedrigen Großhandelspreisniveau?

Die möglich erscheinenden 4 Cent pro Kilowattstunde entsprächen übrigens bei einem durchschnittlichen Haushaltsstromverbrauch in Höhe von 3.000 Kilowattstunden 120 Euro im Jahr oder 10 Euro im Monat pro Haushalt.

Für LichtBlick ist nicht das EEG das entscheidende Rahmengesetz sondern das Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetz (KWK-G). Wir wollen flexible Ergänzungskraftwerke in den Markt bringen, die immer dann hocheffizient Strom erzeugen, wenn die erneuerbaren Energien aufgrund von Flaute und Bewölkung keinen Strom erzeugen. Das Fördervolumen liegt beim KWK-G um Potenzen niedriger als beim EEG. Das KWK-G sieht eine maximale Fördersumme von 750 Millionen Euro pro Jahr vor. Sie wird derzeit aber nur zu 120 Millionen Euro ausgeschöpft. D.h. hier ist noch viel Luft nach oben ohne dabei auch nur annähernd an die zweistelligen Milliardenbeträge zu kommen, die das EEG verursacht. Die Kostenbelastung für die Verbraucher aus dem KWK-G liegt bei nur 0,002 Cent pro Kilowattstunde und ist in den letzten zwei Jahren um 98 % gesunken. Umgerechnet sprechen wir also über 6 Cent, mit der jeder Haushalt über seine Stromrechnung die Kraft-Wärme-Kopplung jährlich unterstützt.

 Pumpspeicherkraftwerk vor dem Aus

Eine brisante Meldung: Das Pumpspeicherwerk in Adorf steht vor dem Aus, weil die Solarenergie in den Mittagsstunden die Strompreise sinken lässt und sich somit der Verkauf von in der Nacht gespeichertem Atomstrom nicht mehr rechnet. Die Experten sagen: Wir brauchen aber Stromspeicher. Wo sollen die herkommen?

Das EEG verursacht Kosten, aber die Erneuerbaren Energien sorgen auch dafür, dass sich das Großhandelspreisniveau im Strommarkt seit Jahren auf gleichbleibend niedrigem Niveau bewegt. Und das trotz Wirtschaftsboom, trotz Fukushima und trotz acht abgeschalteter Atomkraftwerke. Wir haben ein absolut niedriges Preisniveau – nicht nur in den letzten Jahren sondern auch dieses Jahr. Dies gilt auch für die Jahre 2013, 2014, 2015 für die heute schon Stromprodukte gehandelt werden. Ebenso haben wir ein historisch niedriges peak/off-peak-Verhältnis. Und wir haben eine geringe Preisvolatilität. Das peak/off-peak-Verhältnis beschreibt, wie sich die Preise am Tag (peak-Zeit von 8 bis 20 Uhr) zu denen der Nacht (off-peak-Zeit von 20 bis 8 Uhr) verhalten. In der „alten“ Welt waren die Tagpreise hoch und die Nachtpreise niedrig. Das hat Pumpspeicherkraftwerke attraktiv gemacht. Billiger Nachtstrom wurde verwendet, um Wasser den Berg hoch zu pumpen, um aus diesem Wasser tagsüber zu den lukrativen Preisstunden Strom zu erzeugen. Das waren klassische Arbitragegeschäfte. Aus dem Preisdelta hat man das Geld verdient (und mehr), um die Investitionen in den Bau dieser Pumpspeicherkraftwerke zurück zu verdienen. Energiewirtschaftlich hat das auch Sinn gemacht, weil man so sehr kurzfristig hohe Strombedarfe decken konnte.

Jetzt gelten diese Gesetze nicht mehr. Durch die hohe Solarstromerzeugung bei Sonnenschein am Tag kommt so viel Strom an die Großhandelsplätze, dass bei gegebener Nachfrage eine hohe Liquidität und mitunter auch ein Überangebot vorhanden ist. Dies lässt die Preise sinken. D.h. die Tag- und Nachtpreise gleichen sich immer mehr an oder wir sehen zum Teil nachts in einzelnen Stunden schon höhere Preise als am Tag. Arbitragegeschäfte sind so nicht mehr machbar. Pumpspeicherkraftwerke rechnen sich nicht mehr. Das ist bitter, denn Speicher und flexible Ergänzungskraftwerke werden für den Ausgleich der erneuerbaren Energie gebraucht. Es stellt sich die Frage nach dem Strommarktdesign der Zukunft und danach, ob Kapazitätsmärkte neu geschaffen werden müssen. Wir stehen vor einem grundlegenden Wandel des Strommarktes. Neue marktwirtschaftliche Mechanismen müssen entworfen werden.

 Fossile Kraftwerke rechnen sich nicht mehr

Wind und Sonne haben in Deutschland und Österreich Ende März um die Mittagszeit mehr Strom geliefert als die fossilen Kraftwerke.(http://www.klimaretter.info/energie/nachricht/10908-erneuerbar-uebertrifft-fossil) Bislang gilt ein Einspeisevorrang für den Grünstrom – ergo müssten Kohlekraftwerke vom Netz. Passiert das denn tatsächlich nun regelmäßig? Lohnen sich wegen dieser dauernden Abschaltung Investitionen in Kohlekraftwerke wie in Datteln oder Hamburg Moorburg überhaupt noch?

Aufgrund des Ausbaus der erneuerbaren Energien und der bestehenden Vorrangregelung für die erneuerbaren Energien gehen die Laufzeiten der fossilen und konventionellen Kraftwerke signifikant zurück. Perspektivisch sprechen wir von 3.000 statt der bisherigen 8.000 Betriebsstunden pro Jahr. Zudem verändern sich (s.o.) die Preismechanismen im Markt signifikant. Fossile Kraftwerke rechnen sich damit derzeit überhaupt nicht mehr. Und in Zukunft erst recht nicht mehr. Das gilt für Steinkohlekraftwerke genauso wir für Gaskraftwerke. Die konventionellen Bestandskraftwerke müssen immer öfter und immer weiter in ihrer Leistung reduziert werden. Perspektivisch müssen sie auch ganz abgeschaltet werden. Die Übertragungsnetzbetreiber sind diejenigen, die diesen Mechanismus derzeit steuern. Wie das genau passiert und welche Kraftwerke in welchem Ausmaß ihre Leistung reduzieren müssen, ist nicht transparent. Die Bundesnetzagentur ist in diesen Prozess aufgrund der finanziellen Ausgleichsregelungen für die Kraftwerksbetreiber mit involviert. Trotzdem ist weder eine inhaltliche noch eine finanzielle Transparenz gegeben. Das muss dringend geändert werden.

 Die Überraschung der Woche

Und was war die Überraschung der Woche?

Dieses Jahr war der März einer der wärmsten und trockensten „Märze“ überhaupt. Die Monatsmitteltemperatur lag im zweistelligen Bereich. Normal wäre eine Monatsmitteltemperatur im unteren einstelligen Bereich gewesen. Auch ein Grund dafür, warum man schon so früh im Jahr die Bauern ihre Felder bewässern sieht.


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