MEINUNG & POSITION

Lückings Woche: Der Club der Energiewendestaaten, die Ernährungswende und die Überraschung der Woche

Gero Lücking antwortet regelmäßig auf Fragen unseres Medienpartners klimaretter.info

Peter Altmaiers „Club der Energiewendestaaten“ nimmt Gestalt an. Am Rand der IRENA-Versammlung in Abu Dhabi fand ein erstes Vorbereitungstreffen statt, an dem neben Deutschland auch Großbritannien, Südafrika, Frankreich, Tonga, Marokko, Dänemark – und China teilnahmen. Wie aussichtsreich ist Altmaiers Club-Idee? Muss – was noch gar nicht feststeht – China dabei sein, damit der Club ausreichend Gewicht vorweisen kann?

Der Club der Energiewendestaaten ist eine gute Idee. Eine politische Idee. Sie hilft insbesondere dem Minister selbst. Die Idee, die Energiewende in die Welt kommunizieren, ist gut. Er kann Aktivität und Initiative kommunizieren. Nach innen und außen. Das ist zweifelshaft wichtig. Politisch umso wichtiger für ihn, als dass er offizielle Ergebnisse nicht vorweisen kann. Die Welt schaut auf die Energiepolitik Deutschlands. Das Interesse ist riesig. Vor dem Hintergrund der Energiepreisentwicklung in den USA steigt das Interesse weiter. Zwei unterschiedliche Ansätze stellen sich gegeneinander. Der weltweit, jahrzehntelang gelernte Ansatz, der auf billige fossile Energieträger ohne Rücksicht auf umwelt- und klimaseitige Verluste setzt. Dieser Ansatz erfährt gerade in den USA durch die Entdeckung und die massive Erschließung großer Öl- und Gasvorkommen eine Renaissance. Die Preise für Rohstoffe und Energieträger sinken, die Wirtschaft boomt. Die USA werden zum Kohleexportland.

Dagegen steht der Kurs der Bundesregierung: Atomausstieg, der Ausbau der erneuerbaren Energien, der mittelfristige Abschied von fossilen Energieträgern und der Klimaschutz. Welcher Weg wird kurz- und mittelfristig erfolgreicher sein? Die Welt schaut sich beides an. Fest steht, dass Deutschland den nachhaltigeren und langfristig ökologischeren und ökonomischeren Weg einschlägt. Politische Entscheidungshorizonte sind aber kurzfristig orientiert. Umso spannender die Frage, wer das Rennen in der weltweit öffentlichen Meinung für sich entscheiden kann.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Idee Altmaiers an Bedeutung. Es ist gut, mit der Idee der Energiewende offensiv umzugehen, Kommunikationsangebote zu machen und in den Dialog zu treten. Die Erfolge sprechen für sich. Der Anteil der erneuerbaren Energie am gesamten Stromabsatz steigt stetig und die Großhandelspreise sinken auf das Niveau des Jahres 2006. Während die aktuelle Entwicklung in den USA wie ein Strohfeuer wirkt, zeigt die Entwicklung in Deutschland kurzfristig die ersten spürbaren Effekte. Sie wird langfristig erfolgreicher sein.

Folgt der Energiewende jetzt die Ernährungswende?

Zum Auftakt der Grünen Woche in Berlin hat der Bund Ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) eine „Ernährungswende“ gefordert. Sie müsse der Energiewende folgen und diese ergänzen. Liegt der Öko-Verband richtig? Oder überfordert man die Bürger / Verbraucher mit immer weiteren „Wenden“?

Die Ernährungswende wurde meines Wissens erstmals in dem gleichnamigen Buch „Ernährungswende – Eine Herausforderung für Politik, Unternehmen und Gesellschaft“, das 2006 im Ökom-Verlag erschienen ist, beschrieben. Hier geht es um Gesundheit, Umwelt und ethische Aspekte wie Verteilungsgerechtigkeit, faire Wertschöpfungsketten und das Tierwohl.

Die Schnittstellen zwischen Energie- und Ernährungswende sind das Klima und der Flächenverbrauch. In Deutschland essen wir beispielsweise doppelt so viel Fleisch wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt. Und gerade Fleisch und Milchprodukte, insbesondere solche für deren Herstellung viel Milch benötigt wird (z.B. Hartkäse oder Butter), verursachen hohe Treibhausgasemissionen. 20 bis 30 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen gehen auf die Landwirtschaft und die Ernährung zurück. Der weltweit steigende Fleischkonsum muss eingedämmt werden. Gleichzeitig muss die Fehlernährung minimiert werden: 925 Millionen unterernährten und hungernden Menschen stehen heute rund 1,5 Milliarden Übergewichtige und 400 Millionen Fettleibige gegenüber.

Ein weiterer Zusammenhang zwischen Ernährung und Klima ist die Flächenkonkurrenz: Nahrungsmittel versus Energiepflanzen und nachwachsende Rohstoffe. Laut Welternährungsorganisation (FAO) ist bis 2050 eine Steigerung der Nahrungsmittelproduktion um 50% notwendig. Um die Ernährung für 9 Milliarden Erdenbürger zukünftig sicherstellen zu können, benötigen wir dazu eine Ausweitung der Agrarfläche um 13 Prozent.

Diese wenigen Fakten zeigen schon, dass man sicher alle Beteiligten überfordern würde, wenn man jetzt alle „Wenden“ mit einander verknüpfen würde. Trotzdem, jetzt nur die Anzahl der fettleibigen und Diabetes-Kranken zu reduzieren (was unbestritten wichtig und richtig ist), greift auch zu kurz. Der Bund Ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) liegt also mit seiner Forderung richtig. Wir brauchen die umweltfreundlichere Landwirtschaft, die Förderung des Ökolandbaus, Bildungsmaßnahmen, Nachhaltigkeitslabel für Nahrungsmittel und eine faire Wertschöpfungskette entlang der Nahrungsmittelproduktion. Und das alles parallel zu den Maßnahmen der Energiewende.

Trotz Förderkürzungen geht Ausbau der Solarbranche weiter, Foto: PantherMedia
Trotz Förderkürzungen geht Ausbau der Solarbranche weiter, Foto: PantherMedia

Trotz Förderkürzungen geht Ausbau der Solarbranche weiter

 Im vierten Quartal des Jahres 2012 wurden weltweit Solarpaneele mit 11.000 Megawatt Leistung verkauft – ein neuer Rekord. Im dritten Quartal waren es nur 7.500 Megawatt. Zeichnet sich für die Solarbranche nun doch eine Erholung ab?

Die Zahlen der Solarbranche sind weiterhin exzellent. Nicht nur weltweit sondern auch in Deutschland. Trotz gekürzter Vergütungen im EEG geht der Ausbau weiter. Das Problem für die deutschen Hersteller ist, dass sie in der Produktion gegen die Konkurrenz aus Asien nicht standhalten können. Deshalb werden Module aus der Weltproduktion und nicht aus deutschen Landen installiert. Was bitter für die deutschen Hersteller ist, ist für die Energiewende und den Anteil des Solarstroms am Gesamtbedarf schlichtweg ‚egal‘. Rund 8 Gigawatt Leistung wurden im vergangenen Jahr in Deutschland installiert (1 Gigawatt = 1.000 Megawatt). Das ist nach dem Rekord im Jahr 2011 nochmals eine Steigerung. Damit ist das zweite der acht nach Fukushima abgeschalteten deutschen Atomkraftwerke ersetzt. Denn die Jahresstromerzeugung dieser 7,5 im Jahr 2011 installierten Gigawatt und der im Jahr 2012 installierten 8 Gigawatt entspricht jeweils der eines Atomkraftwerks. Zusammen erzeugen die in den letzten zwei Jahren in Deutschland installierten Solaranlagen die Strommengen zweier Atomkraftwerke. Der einziger Unterschied: sie erzeugen in einer anderen Struktur als die Atomkraftwerke. In der Energiewirtschaft muss man lernen, damit umzugehen.

Die Überraschung der Woche

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Die Überraschung der Woche war für mich die Entwicklung der Großhandelspreise Strom in Deutschland. Der stetige Abwärtstrend der letzten Monate hat sich seit Jahreswechsel in eine steile Abwärtsbewegung geändert. Der Trend des letzten Jahres setzt sich nicht fort, er verstärkt sich. Das war zu Jahresbeginn aus meiner Sicht in dieser Klarheit und Geschwindigkeit nicht zu erwarten. Darin drückt sich eine Erwartungshaltung aus: die CO2-Preise im Emissionshandel sind im Keller und der Ausbau der Erneuerbaren drückt die Preise stetig und mit Nachdruck nach unten.


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