MEINUNG & POSITION

Strommarkt der Zukunft wird komplexer

Ein Interview von Mara Berg mit Gero Lücking (Teil 3)

15 Jahre ist LichtBlick mittlerweile am Markt und ist inzwischen Marktführer für Ökostrom in Deutschland. Der Energiemarkt befindet sich zurzeit jedoch in einem erheblichen Umbruch. Im dritten Teil des Interviews mit Gero Lücking wirft er einen Blick in die Zukunft des Strommarkts und seine Veränderungen.

Gero Lücking, Vorstand Energiewirtschaft, LichtBlick, im Interview, Foto: LichtBlick SE
Gero Lücking, Vorstand Energiewirtschaft, LichtBlick, im Interview, Foto: LichtBlick SE

Welche Veränderungen braucht der Wettbewerbsmarkt in Zukunft?

Der Wettbewerbsmarkt braucht in Zukunft:

  • das vollständig unbundelte Netz,
  • effiziente Strukturen,
  • das dienende Netz und
  • Wettbewerbsmärkte auf Basis des Prinzips der sogenannten Netzampel.

Unbundling für mehr Netzneutralität

Das vollständig unbundelte Netz* haben wir derzeit nur im Übertragungsnetz. Bis auf das Übertragungsnetz in Baden-Württemberg, das noch immer zum EnBW-Konzernverbund gehört, sind die andern drei Übertragungsnetzgesellschaften in Deutschland inzwischen gesellschaftsrechtlich eigenständig und unabhängig von den Konzernen, die Kraftwerke betreiben und Endkunden versorgen. Das muss auch so sein, um die vollständige Netzneutralität herzustellen und gewährleisten zu können. In den Verteilnetzen haben wir das nicht. Bei Gesellschaften mit weniger als 100.000 Kunden, das sind 95 % aller Stadtwerke und Regionalversorger in Deutschland, gelten noch nicht einmal die notwendigsten Unbundlingvorschriften. Das muss sich total ändern, denn ansonsten wird die Diskriminierung aus dem Monopolbereich Strom- und Gasnetz zu Lasten des Wettbewerbs im Erzeugungs- und Endkundengeschäft nicht effektiv unterbunden werden können. Die sogenannte De-Minimis-Regelung** aus dem Energiewirtschaftsgesetz muss abgeschafft werden.

900 Strom- und 900 Gasnetzbetreiber – wo bleibt die Effizienz?

Das würde – und damit sind wir beim zweiten Punkt – automatisch auch zu effizienten Strukturen führen. Denn 900 Strom- und 900 Gasnetzbetreiber ist natürlich nicht das Ergebnis einer Effizienzüberlegung sondern historisch gewachsen und vollständig unangemessen. Vielfach kommen schon heute die 1.800 Netzbetreiber ihren komplexen Aufgaben und Anforderungen nicht nach. Aber die Anforderungen werden im Zuge der Energiewende steigen. Die daraus resultierenden Ineffizienzen sind zu teuer. Zudem gefährden sie die Energiewende. Die fluktuierende, dezentrale Erzeugung muss in immer komplexeren Prozessen gesteuert werden. Netzbetreiber, die heute schon Kundenwechselprozesse und einfache Bilanzierungsaufgaben nicht abbilden können, werden spätestens an diesen noch anspruchsvolleren Aufgaben vollständig scheitern.

Das dienende Netz

Und das ist auch schon die Überleitung zu dem dritten Punkt, dem Thema des dienenden Netzes. Das Netz muss die neutrale Plattform darstellen, in dem die Energieflüsse stattfinden und in dem Dritte im Wettbewerb Kapazitäten managen können. Der Netzbetreiber hat genau diese Aufgabe: Er muss seinen Kapazitätsbedarf so transparent ermitteln und ausschreiben, dass einerseits die System- und Versorgungssicherheit jederzeit gewährleistet ist und sich andererseits Unternehmen im fairen Wettbewerb um die Bereitstellung dieser Kapazitäten bewerben können. Wie man sie bereitstellt, ob durch gesteuerte dezentrale Erzeugung oder die Nutzung stationärer oder mobiler Speicher (Elektrofahrzeuge) oder aber das Verlagern von Verbrauch, ist Sache des jeweiligen Unternehmens. Das Prinzip des dienenden Netzes wird in dem Maße immer wichtiger, wie regenerative Erzeugung mit der jeweiligen Verbrauchssituation auf Verteilnetzebene in Einklang gebracht werden muss. An diesem Kapazitätsmanagement können sich alle Strom-Vertriebsgesellschaften aber auch Drittunternehmen, die beispielsweise auf Lastmanagement im produzierenden Gewerbe spezialisiert sind, beteiligen.

Eine Netzampel für geregelten Wettbewerb

Der Netzbetreiber koordiniert im Rahmen der Netzampel diese Wirkungsmechanismen. Ist die Ampel auf „grün“ hat der Wettbewerb alle Möglichkeiten. Bei „gelb“ gibt es erste Einschränkungen. Nur im äußersten Notfall eines drohenden Black Outs springt die Ampel auf „rot“ und der Netzbetreiber kann hart eingreifen und so Versorgungssicherheit auch in „physikalisch schwierigen“ Situationen sicherstellen.
Wenn diese Prinzipien und Mechanismen umgesetzt sind, sind wir sowohl dem Erreichen des fairen Wettbewerbs als auch der Energiewende einen bedeutenden Schritt näher gekommen.

* Unter ungebundelte Netze bzw. Unbundling (Entflechtung) versteht man die Unabhängigkeit zwischen verschiedenen Teilen eines Unternehmens aufgrund entsprechender gesetzlicher und/oder regulierungsbehördlicher Vorgaben. Der EU-Kommission geht es bei der Schaffung eines gemeinsamen Energiebinnenmarktes vor allem um den diskriminierungsfreien Netzzugang. Dafür sollen die Netze von den Vertriebs- und Erzeugungssparten unbundelt werden.

** Die sogenannte „De-Minimis-Regel“ sorgt dafür, dass kleine Netzbetreiber von vereinfachten Transparenz- und Regulierungsanforderungen profitieren.

 

Hier finden Sie den ersten und zweiten Teil des Interviews.


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