MEINUNG & POSITION

Lückings Woche: Energie aus Abfällen, Gas als Brücke und eine ausgeweitete Endlagersuche

Erdgas als Brückentechnologie, Foto: PublicPictureDomain Pixabay
Erdgas als Brückentechnologie, Foto: PublicPictureDomain Pixabay

Alle fünf  Wochen stehe ich als Mitherausgeber dem unabhängigen Onlinemagazin www.klimaretter.info Frage und Antwort zu Energiepolitik und Klimawandel. Mit dazu gehört auch immer die Frage nach der “Überraschung der Woche”. Hier nun das Interview in voller Länge:

Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner hat angekündigt, mehr Bioenergie fördern zu wollen. Aber wie verhindert man eine „Maiswüste Deutschland“?

Ziel der anstehenden EEG-Novelle muss es sein, an dem Grundgerüst des EEG nicht zu rütteln. Damit meine ich vor allem, am Grundsatz der Förderung erneuerbarer Energien festzuhalten, den Einspeisevorrang beizubehalten, sowie auf degressive Vergütungssätze zu setzen. Im Bereich der verstärkten Nutzung von Bioenergie muss ein Schwerpunkt auf die Reststoffverwertung gelegt werden. Der Energieinhalt ohnehin entstehender Abfälle muss besser genutzt werden. Damit sind keine Maismonokulturen verbunden. Ebenso sollten Regelungen getroffen werden, die es besser als heute ermöglichen, Biomethan in die Erdgasnetze einspeisen zu können.

Erdgas als Brücke ins regenerative Zeitalter

Gas als Brückentechnologie hin zu erneuerbaren Energien – spielt man mit dieser Forderung nicht den großen Gaskonzernen in die Hände, die in Deutschland verstärkt Schiefergas ausbeuten wollen?

Die Laufzeitverlängerung als Brücke ins regenerative Zeitalter ist jäh in sich zusammengebrochen. Nunmehr bestimmt der Begriff der „beschleunigten Energiewende“ die energiepolitische Diskussion. Die zentrale Herausforderung wird dabei sein, parallel zum beschleunigten Ausbau der regenerativen Energien flexible Ergänzungskraftwerke zu bauen. Der konventionelle Kraftwerkspark ist zu träge, um fluktuierende Erzeugung aus Wind und Sonne auszugleichen. Zudem ist er zu ineffizient und nicht klimaverträglich. Wir brauchen dezentrale, hocheffiziente Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, die zentral gesteuert Strom erzeugen können, wenn Flaute und Wolken die regenerative Erzeugung einbrechen lassen. Gleichzeitig decken sie den Wärmebedarf unserer Gebäude. Diese Anlagen – LichtBlick bringt sie gerade zusammen mit der Volkswagen AG unter dem Begriff ZuhauseKraftwerk in den Markt – brauchen keine langen Genehmigungsverfahren, sie verschwinden in den Kellern der Gebäude und stoßen deshalb auf keine Akzeptanzprobleme. Sie benötigen keine zusätzlichen Netze, erhöhen die Energieeffizienz und dienen dem Klimaschutz. Dass sie für eine Übergangszeit mit dem CO2-ärmsten fossilen Energieträger, also Erdgas, betrieben werden, ist richtig. Die Umweltverträglichkeit der Erdgasförderung ist dabei jederzeit sicher zu stellen. Perspektivisch wird regeneratives Biomethan eingesetzt. Die Kraft-Wärme-Kopplung auf Basis von Erdgas ist die Brücke ins Effizienz- und regenerative Zeitalter.

Gas aus Windkraft: Hier wird der dritte vor dem ersten Schritt gemacht

 Greenpeace Energy wirbt damit, demnächst Gas aus Windkraft erzeugen zu wollen. Power to Gas – wie funktioniert das? Will Lichtblick auch in das Geschäft einsteigen?

Der Anteil der regenerativen Energieträger am deutschen Strommix liegt derzeit bei nur 17 Prozent. Der Anteil muss massiv ausgebaut werden. Regenerativer Strom muss im ersten Schritt konventionellen Kohle- und Atomstrom ersetzen, um CO2-Emissionen und nukleare Restrisiken zu reduzieren. Regenerativen Strom in Gas umzuwandeln, würde Sinn machen, wenn der regenerative Anteil heute schon bei 80 und mehr Prozent läge. Hier wird der dritte vor dem ersten Schritt gemacht. Nach der Elektrolyse von Wasser, die mit regenerativem Strom betrieben wird, muss dem so erzeugten Wasserstoff CO2 beigemischt werden. Dieses kann man nicht der Atmosphäre sondern nur den Rauchgasen fossiler Kraftwerke entnehmen. Die wollen wir aber abschaffen. Zudem sind die Wirkungsgradkette sowie die Wirtschaftlichkeit des Verfahrens extrem fragwürdig. Also aus meiner Sicht zum jetzigen Zeitpunkt kein überzeugendes Konzept.

Ladesäulen und Stromtankstellen für E-Autos

Die Europäische Kommission will bis 2050 nahezu klimaneutrale Städte – auch mit Hilfe von Elektroautos. Warum gibt es bisher eigentlich hauptsächlich Zapfsäulen von den großen Energiekonzernen RWE und Vattenfall und nicht von Unternehmen aus der Erneuerbaren-Branche?

Was wollen denn RWE und Vattenfall sonst tun? Die haben ein so massives Imageproblem, das sie für jeden Strohhalm, der sich bietet, dankbar sind und damit versuchen, ihr Image aufzupolieren. Dafür sind sie bereit, Millionen locker zu machen. Da sie auch die Stromnetze betreiben, haben sie auch keine Probleme mit den Schnittstellen, an denen Dritte zum jetzigen Zeitpunkt scheitern würden.

Die Infrastruktur für die Elektromobilität – also Ladesäulen und Stromtankstellen – wird in die bestehende Infrastruktur der Stromnetze integriert werden müssen. Wenn dies geschehen ist, wird sie jeder Stromanbieter und jeder Kunde diskriminierungsfrei nutzen können müssen. Spätestens dann verkommt dieses jetzt so angepriesene Alleinstellungsmerkmal zur schnöden Steckdose für Autos. Da die Nutzung von Elektroautos im Rahmen der EU-Ziele für klimaneutrale Städte nur dann Sinn macht, wenn sie regenerativ betankt werden, wird schon bald durch diese Steckdosen überwiegend regenerativer Strom fließen. Spätestens dann sind auch die Unternehmen der Erneuerbaren-Branche wieder mit am Ball.

 Die Überraschung der Woche

Und was war für Sie – aus energie- oder klimapolitischer Sicht – die Überraschung der Woche?

Positiv überraschend war, dass sich die neue Landesregierung in Baden-Württemberg selbst aktiv für eine Ausweitung der Endlagersuche auch auf andere Regionen Deutschlands ausspricht. Im Gespräch sind ja Gesteinsformationen in Bayern und Baden-Württemberg. Das wird einerseits den Atomprotest in diesen traditionell eher atomfreundlichen Ländern stärken und andererseits wird man als Politiker damit keine Pluspunkte gewinnen können. Unterm Strich: konsequent und mutig.


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8 Kommentare

  • pseudoruprecht sagt:

    Lieber Herr Luecking,

    wenn das Problem, das „Windgas“ lösen soll, tatsächlich erst bei Anteilen von erneuerbarem Strom weit im zweistelligen Prozentbereich aufträte, hätten Sie Recht. Das Problem tritt aber bereits jetzt auf, d.h. vor allem Windkraft wird bei Erzeugungsspitzen abgeregelt (also weggeschmissen). Aber damit erzähle ich Ihnen nichts neues.

    Das könnte man mit fetten Stromtrassen im Hochspannungsnetz ausgleichen, um den Strom wegzuschaffen. Doch denke ich, es wird noch eine Weile dauern, bevor die Netzbetreiber damit fertig sind, es auf „Bürgerproteste“ zu schieben, dass in diesem Punkt nichts vorangeht und tatsächlich anfangen, diese Trassen zu bauen. Und selbst dann muss dort, wo der Strom hinsoll, genug flexible Kraftwerksleistung stehen, die man stattdessen abregeln kann. Erzeugungsspitzen einfach durch die Gegend zu schieben macht niemanden glücklich.

    Zugegeben, die für Windgas nötigen Anlagen sind teuer (aber das war PV vor zehn Jahren auch noch) und der Wirkungsgrad der gesamten Kette ist nicht berauschend. Dennoch finde ich es höchste Zeit, die Investitionsruine Gasnetz und dessen Speicherkapazitäten so endlich einer sinnvollen Nutzung zuzuführen. Im Moment steht es vornehmlich in (oder besser unter) der Landschaft herum und kostet Geld. Und ab und an befördert es dann Gas von A nach B.

    Für mich ist Windgas eine Brücketechnologie, d.h. beide Seiten der zu überbrückenden Kluft existieren tatsächlich, und dazwischen baut man dann eben eine Brücke. Nicht so eine Brücke in den Abgrund, die früher oder später abbrechen muss, weil es nichts gibt, wo sie hinführen könnte. (Das passiert gerade im Moment ja an anderer Stelle…)

    Das klingt jetzt vermutlich wie eine Verkaufsveranstaltung für Windgas. Soll es aber nicht. Ich fände nur schön, wenn wir uns noch mehr vom physikalischen Wirkungsgrad und den monetären Kosten lösen würden. Beides ist nämlich auch „alte Denke“. Wir haben unendlich viel Energie. Und wenn Windgas (oder was auch immer) das ist, was genug Menschen mit ins Spiel der Erneuerbaren bringen wollen, gibt es keinen Grund, es schlecht zu machen. Für die guten/lukrativen/entwickelteren Wege bleiben immer noch genug andere, die sie gehen.

    Wir sind genug und wir haben ausreichend. Knickrig war gestern.

    Gruß
    pseudoruprecht


  • Gero Lücking sagt:

    Hallo Mic,
    ja, das Thema Speicherung wird bei einer zunehmend regenerativen Stromerzeugung eine entscheidende Rolle spielen. Pumpspeicherkraftwerke und kurzfristig auch Batteriespeicher lagern regenerative Stromspitzen bei guten Wirkungsgraden ein und machen regenerativ erzeugten Strom durch Ausspeicherung in Zeiten wieder verfügbar, wenn Witterungsbedingungen regenerative Erzeugung reduzieren. Wenn wir so hohe regenerativ erzeugte Stromspitzen im System haben werden, dass die Kapazitäten der Pumpspeicherkraftwerke und Batterien ausgeschöpft sind, ist es sicherlich eine Option, diese regenerativen „Extremspitzen“ in Gas umzuwandeln und dann in den Gasnetzen und -speichern zwischen zu speichern. Durch Verbrennung in flexibel steuerbaren Ergänzungskraftwerken, beispielsweise in unserern ZuhauseKraftwerken, könnte man über diesen Umweg regenerativ Strom und Wärme erzeugen, wenn kein Wind weht und die Sonne nicht scheint. Da auf diesem Weg vergleichsweise hohe Umwandlungsverluste auftreten, ist dies nur der zweitbeste Weg, Strom zu speichern und Stromerzeugung und -verbrauch in Deckung zu bringen. Wir werden diesen Weg brauchen, aber meiner Meinung nach eben erst, wenn der Anteil erneuerbaren Stroms auf hohe zweistellige Prozentsätze ausgebaut ist.

    Den Begriff der Grundlast halte ich übrigens in einem solchen System für nicht mehr relevant. Das ist alte Denke. Wir brauchen regenerative Erzeugung, hocheffiziente, flexible Erzeugung, die fluktuierende Erzeugung ergänzt, sowie Speichermedien, die weitere Freiheitsgrade in das System bringen.

    In der Tat, in Zukunft wird es der Mix aus intelligenten Systemen machen. Insofern sind wir inhaltlich auch nicht auseinander. Die Frage ist nur: wann machen wir was? LichtBlick hat sich zum jetzigen Zeitpunkt für ZuhauseKraftwerke und SchwarmStrom entschieden. Also zum Aufbau hocheffizienter, zentral und hochflexibel steuerbarer Blockheizkraftwerke zum Ausgleich regenerativer Erzeugungs“täler“.

    Beste Grüße Gero Lücking


  • Mic sagt:

    Hallo Herr Lücking,

    danke für die Antwort. Trotzdem – so ganz überzeugen Sie mich nicht. Letztlich geht es doch darum eine Energieform, die schwer speicherbar ist, nämlich Strom, in einen Energieträger zu überführen, der mit vorhandener Infrastruktur gespeichert werden kann. Dann kann ich damit auch Grundlast decken und das Hauptargument gegen regenerative Energien entkräften. Auch wenn Lichtblick seinen Strom zum Großteil aus Wasserkraft bezieht – für alle wird diese Energiequelle nicht reichen. Was spricht dagegen Ihr Zu Hause Kraftwerk mit synthetisiertem Gas zu betreiben? Und was spricht dagegen CO2 bei jedem Verbrennungsprozess wieder zu verwenden, egal, ob der jetzt aus regenerativen oder fossilen Quellen stammt? Ich bin der Meinung: wir brauchen nicht einen Ansatz, sondern viele. Was sich dann durchsetzt wird die Zukunft zeigen


  • Gero Lücking sagt:

    Guten Morgen zusammen,
    oberste Priorität muss zum jetzigen Zeitpunkt sein, die regenerative Stromerzeugung deutlich auszubauen. Mit diesem klimaverträglichen und risikominimierendem Strom muss mit oberster Priorität konventioneller Kohle- und Atomstrom verdrängt werden. Das erreicht man nicht, wenn man regenerativen Strom in Gas umwandelt. Deshalb ist es aus meiner Sicht für diesen Ansatz zu früh. Hinzu kommen heute noch bestehende technologische und wirtschaftliche Risiken. Wie gesagt, wenn wir einen 80 prozentigen Regenerativstromanteil erreicht haben, die Technik ausgereift und die Wirtschaftlichkeit erreicht ist, dann muss über einen solchen Ansatz nachgedacht werden.

    Beste Grüße Gero Lücking


  • Katinka Königstein sagt:

    Lieber Mic, Lieber Pseudouprecht,

    Herr Lücking war gestern den ganzen Tag über unterwegs. Er beantwortet Ihre Fragen sobald wie möglich.

    Schöne Grüße
    Katinka Königstein


  • pseudoruprecht sagt:

    Ihre Antworten auf Oles Fragen würden mich auch interessieren, Herr Luecking.


  • Mic sagt:

    …schließe mich der Meinung von Ole in vollem Umfang an. Die negative Aussage zur „Solarfuel-Technologie“ passt so gar nicht zu Lichtblick. Kooperation wäre aus meiner Sicht weit besser.


  • Ole sagt:

    „Nach der Elektrolyse von Wasser, die mit regenerativem Strom betrieben wird, muss dem so erzeugten Wasserstoff CO2 beigemischt werden. Dieses kann man nicht der Atmosphäre sondern nur den Rauchgasen fossiler Kraftwerke entnehmen.“

    Lieber Herr Lücking,
    diese Aussage stimmt so nicht. Das CO2 kann der Atmosphäre entnommen werden. Das wurde am ZSW in der Pilotanlage von Solar-Fuel bereits demonstriert. Dass sich die CO2-Entnahme aus der Luft auf den Wirkungsgrad und damit auf die Wirtschaftlichkeit auswirkt ist eine andere Frage. Genauso falsch ist ihre Aussage, dass man das CO2 nur dem Rauchgas fossiler Kraftwerke entnehmen könne. Selbstverständlich kann man das CO2 ebenso Rauchgas von Biomasseheizkraftwerken, Roh-Biogas oder CO2-Emissionen aus unvermeidbaren Industrieprozessen entnehmen.

    Meines Wissens soll für alle „Windgas“/“erneuerbares Methan“-Projekte CO2 aus Roh-Biogas verwendet werden. Mir ist kein Projekt bekannt, dass auf „fossiles CO2“ setzt. Haben Sie da andere Informationen?

    Ich bin ehrlich gesagt schon verwundert, dass Sie bzw. Lichtblick so optimistisch für herkömmliches aufbereitetes Bio-Erdgas sind („Perspektivisch wird regeneratives Biomethan eingesetzt.“) und gleichzeitig so pessimistisch bzw. negativ im Bezug auf die Möglichkeiten von „Power to Gas“. Wird Lichtblick das bei der Biogas-Aufbereitung abgeschiedene CO2 lieber ungenutzt in die Atmosphäre blasen als es mit überschüssigem Windstrom in Erdgas zu verwandeln?
    Das Problem, dass zu bestimmten Zeiten erneuerbarer Strom einfach „weggeschmissen“ wird (Windkraftanlagen abgeregelt werden) stellt sich ja bereits jetzt, siehe z.B. Nordfriesland (Schleswig-Holstein), und nicht erst bei 80% EE in ganz Deutschland.

    Kann es sein, dass die Technologie Sie nicht so begeistert, weil die Konkurrenz und nicht Lichtblick sie zuerst auf den Markt bringt? Oder welche entscheidenden Punkte hab ich übersehen? Denn ich denke im Gegensatz zu Ihnen, dass in dieser Technik viel Potenzial steck und wunderbar in Kombination mit dem Zuhausekraftwerk Sinn machen würde.

    Ich bin gespannt auf ihre Antwort…


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