MEINUNG & POSITION

Klima-Lügendetektor über aktuellen Ökostrom-Artikel von Bild

Bild verdreht die Tatsachen, Foto: PublicDomainPicture_Pixabay
Bild verdreht die Tatsachen, Foto: PublicDomainPicture_Pixabay

Dieser Beitrag ist auf der Klima-Lügendetektor (Projekt von klimaretter.info) erschienen.

Der Klima-Lügendetektor von www.klimaretter.info macht weiter – Bild sei „Dank“. Zwar war der Rettungsaufruf des Onlinemagazins vom Sommer nicht ganz erfolgreich. Doch als die Onlinejournalisten heute morgen die Schlagzeile „Deutschland verschenkt Strom ins Ausland“ von Springers Schlachtschiff sahen, war ihnen klar: Wir müssen weitermachen.

Stimmungsmache statt Erklärungen

„Bild erklärt den Irrsinn“? Nein, das Blatt erklärt wenig, sondern macht vor allem Stimmung. Das fängt an bei der unterschwelligen Fremdenfeindlichkeit: Mehrfach betont das Boulevardblatt, „deutscher“ Strom werde „ins Ausland verschenkt“. Ginge es Bild nur um Aufklärung über ein (echtes oder vermeintliches) „Energie-Chaos“, wäre das keiner Erwähnung wert – denn für Netzstabilität und Versorgungssicherheit ist es reichlich irrelevant, ob überschüssiger Strom zu negativen Preisen an Abnehmer im In- oder Ausland geht.

Aber es kommt noch tendenziöser in dem Text der Bild-Redakteure Stefan Ernst und Christin Martens. Der erste Absatz ist gelinde gesagt unvollständig: An den meisten „schönen Sommertagen“ liegen „die Menschen“ nämlich nicht „am Strand oder im Schwimmbad“, sondern schwitzen in Büros. Wo dann zum Beispiel die Klimaanlagen auf Hochtouren laufen. Und gerade mittags der Stromverbrauch am größten ist. Dass Solaranlagen just während dieser „Mittagsspitze“ den meisten Strom einspeisen, ist eher ein Vorteil für die Versorgungssicherheit. Die größten Diskrepanzen zwischen Ökostrom-Erzeugung und Elektrizitätsnachfrage gibt es weniger an Sommertagen, sondern eher nachts und an Wochenenden und vor allem im Herbst und Winter. Richtig hätte der Absatz etwa so lauten müssen: „In windigen Herbstnächten liegen die Leute im Bett, und viele Industrieanlagen stehen still – gleichzeitig speisen Windkraftanlagen jede Menge Energie ein.“

Kohle und Kernkraftwerke – Ursache für Energie-Chaos

Regelrecht falsch ist dann der erste Satz des zweiten Absatzes: In der Klammer müsste stehen „z.B. Kohle, Atom“, nicht „Gas“. Denn Erdgaskraftwerke sind gerade nicht das Problem – sie können flexibel an- und abgeschaltet werden, um auf die fluktuierende Einspeisung der Erneuerbaren Energien zu reagieren. Die eigentliche Ursache für das „Energie-Chaos“ sind große, träge Kohle- und Kernkraftwerke, die künftig nicht mehr ins Energieversorgungssystem passen, wenn es auf sauberen, aber eben schwankenden Erneuerbaren basieren soll. Etwas verschämt wird dies im folgenden „Auch“-Satz eingeräumt: Für Eon, RWE & Co. ist es schlicht billiger, ihre Großmeiler weiterlaufen zu lassen, wenn die zur Nachfragedeckung eigentlich gar nicht gebraucht werden. Das Stromaufkommen von Wind- oder Solaranlagen macht nur deshalb Probleme, weil die Netze allzu oft mit Kohle- und Atomstrom aus unflexiblen Großkraftwerken verstopft sind. Bild müsste also nicht nur den Ökostrom, sondern auch die Kohle- und Atom-Konzerne zumindest mit-verantwortlich machen für Stromüberschüsse, Netzbelastungen und empörende Geschenke ans Ausland.

Stattdessen darf am Schluss des Textes ausgerechnet RWE-Chef Jürgen Großmann zu Wort kommen. Genau, jener Herr, der vor zweieinhalb Jahren in Bild noch dramatisch davor warnen durfte, dass im Sommer hierzulande Strommangel drohe. Und dessen Unternehmen mit gerade 2,6 Prozent Ökostrom-Anteil den grünen Energie-Boom verpennt hat.

Bleibt die Frage, warum Bild ausgerechnet jetzt das Ganze hochzieht – wo doch das Thema Netzbelastung und negative Preise seit langem bekannt ist. Vielleicht weil am kommenden Freitag voraussichtlich der nächste Anstieg bei der Ökostrom-Umlage bekanntgegeben wird? Da kann man ja schonmal ein bisschen Stimmung machen.


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1 Kommentar

  • Michael Beyer sagt:

    Nun warum der Strom ins Ausland verschenkt wird ist relativ klar. Kohle und Atomkraftwerke sind zu schwerfällig um kurzfristig runterzuschrauben. Um die komplette Menge an Strom wirklich nutzen zu können müssten eben sinnvolle Gaskraftwerke und Speicher gebaut werden. Daran haben allerdings die konventionellen Stromversorger wenig Interesse, denn dadurch müssten bereits bezahlte und prächtig gewinnbringende Anlagen runterfahren oder sogar ganz ausschalten. Wieso sollte man in neue Technologien investieren wenn man so viele Milliarden Euro verdienen kann.

    Zu einem ähnlichen Thema las ich gerade eben einen sehr interessanten Artikel auf der Online Ausgabe der ZEIT. Herr Schucht von 50Hertz erklärt in einem Interview sehr toll wie das Problem der Erneuerbaren Energien das Stromnetz in Bredouille bringt.

    Leider kann sich Herr Schucht gleich zum Bild Artikel hinzugesellen. Auf der einen Seite erklärt er: Das EEG sei ein sehr gutes Mittel um die Ökostromproduktion anzukurbeln. Auf der anderen Seite hält er es für marktbehindernd. Man müsste Ökostrom bedarfsgerechter produzieren. Anstatt Lösungen zu suchen um Ökostrom sinnvoll zu ergänzen wird auf alten Mustern beharrt. Denn große Kohlekraftwerke abschalten will schließlich niemand und da ist unkontrollierbarer und vor allem deutlich günstigerer Windstrom nur im Weg.

    Über den Artikel sollte sich jeder selbst sein Urteil bilden. Am Interessantesten ist jedoch für mich die Tatsache, dass der Artikel heute morgen erschienen ist und bereits jetzt über 80 Leserkommentare abgegeben worden sind. Die Meisten haben allerdings verstanden dass es eher um Lobbyismus und Propaganda für konventionelle Stromerzeuger ging anstatt einer seriöse Darstellung des Netzproblems. Zeigt für mich, dass viele Bürger so langsam aber sicher verstehen, dass sie jahrelang über den Tisch gezogen worden sind. Und vielleicht … ja vielleicht denkt Deutschland nun wirklich um und bemerkt, dass man in Zukunft tatsächlich etwas erreichen kann… und das es eigentlich gar nicht so schwierig ist wie alle sagen. Man muss es eben einfach tun.

    Der Artikel heißt „Unsere Stromleitungen glühen“, erschienen am 13.10.2011 auf ZEIT Online.


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