MEINUNG & POSITION

Die Katastrophe von Tschernobyl

Atomenergie ist nicht beherrschbar, der GAU von Tschernobyl machte das deutlich, Foto: PantherMedia
Atomenergie ist nicht beherrschbar, der GAU von Tschernobyl machte das deutlich, Foto: PantherMedia

Der Tag der Katastrophe von Tschernobyl ist so ein Tag, von dem man Jahrzehnte danach noch genau weiß, wo man war und was man getan hat. Ein Datum, das sich tiefer im Kopf „einbrennt“ als so manch ein Geburtstag der besten Freunde. Der erste Super-Gau hat nicht nur mich persönlich, sondern letztendlich die ganze Gesellschaft – vielleicht im besonderen Maße – in Deutschland geprägt.

Der GAU – Das lässt einen nicht mehr los

Ich war während meines Studiums mit Freunden im holländischen Vaals in der Nähe meines Studienortes Aachen zum Dartspielen verabredet, als die Tagesschau die Meldung und ein erstes Bild verbreitete. Wir waren schockiert. Wir diskutierten über Wahrscheinlichkeiten, Restrisiken und machten uns die ersten Gedanken über mögliche Konsequenzen in Deutschland. Die Diskussion hat uns ein Leben lang nicht mehr los gelassen.

Alles nicht so dramatisch…

An der RWTH Aachen wurden von den Professoren sehr kurzfristig erste Informationsveranstaltungen über Radioaktivität, die generelle Funktionsweise von Atomreaktoren und die Sicherheit deutscher Atomanlagen gehalten. Die größten Hörsäle – immerhin boten sie 1.000 Studenten Platz – waren zu klein. Im Mittelpunkt stand Prof. Schulten. Ein Vordenker und Atomlobbyist der alten Schule. Er gilt als Erfinder des Kugelhaufenreaktors und leitete einen großen und bedeutenden Lehrstuhl an der RWTH. Seine Kollegen und er präsentierten in der ersten Informationsveranstaltung zu Tschernobyl eine rote „null-acht-fünfzehn“-Baumarkt-Fliese. Ein mitgebrachter Geigerzähler piepste unüberhörbar, als er ihn vor die Fliese hielt. Die Message war klar: Radioaktivität ist überall und harmlos. Der erste Überraschungseffekt war gesetzt, trotzdem sollte sich diese Strategie schon sehr kurzfristig gegen ihn wenden.

…oder vielleicht doch

Damals noch ohne Google (!) recherchierten wir die ersten Grundlagen zur Radioaktivität. Alpha-, Beta-, Gammastrahlung, Unterschiede zwischen physikalischen und biologischen Halbwertszeiten, unterschiedliche biologische Wirksamkeiten etc. – das waren alles Themen, die wir uns im Nachgang zu dieser ersten Veranstaltung – offenbar waren wir irgendwie skeptisch geworden – selbst erarbeiteten. Beim ersten Regen nach Tschernobyl haben wir dann aus dem Rinnstein der Straße direkt vor dem Haupteingang des Lehrstuhls von Prof. Schulten Regenwasserproben genommen und diese analysieren lassen. Das Ergebnis: Extrem hohe Strahlenwerte. Mit diesen Messergebnissen hatte Prof. Schulten – und nicht nur er – seine Glaubwürdigkeit für immer verloren. Und das bereits nur wenige Tage nach dem 26.4.1986. Und wir hatten Entscheidendes für’s Leben gelernt.

Ein Zwischenfall in unmittelbarer Nähe

Im Kugelhaufenreaktor in Hamm-Uentrop ereignete sich übrigens am 5. Mai 1986 – also nur neun Tage nach der Tschernobyl-Katastrophe (!) – ein folgenschwerer Zwischenfall, der nach nur einem Jahr (mehr schlechtem als rechtem) Betrieb nicht nur das Aus für diese Anlage, sondern auch das weltweite Ende der Erfindung des Kugelhaufenreaktors bedeutete. In Hamm-Uentrop kamen übrigens Grafit-ummantelte, tennisballgroße Brennkugeln zum Einsatz – die nach damaligen Aussagen selbstverständlich und im Gegensatz zu den grafitmoderierten Brennstäben in Tschernobyl – völlig unproblematisch waren. Die Informationspolitik in Hamm-Uentrop unterschied sich übrigens nicht von der der ukrainisch/russischen Behörden – aber das nur am Rande.

Eine weitere Umwelt-Katastrophe

Im gleichen Jahr – ungefähr ein halbes Jahr nach Tschernobyl, genauer gesagt in der Nacht des 31. Oktober – brannte dann auch noch die Lagerhalle des Chemieriesen Sandoz in Basel und giftige Löschwässer gelangten in den Rhein. Der Fluss war rot und tot. Der 1. November (Allerheiligen) ist auch so ein Tag, von dem ich noch genau weiß, wo ich war und was ich gemacht habe, als mich diese Nachricht erreichte.


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