MEINUNG & POSITION

IEA: Systematische Fehlprognosen

Computermodelle sind nur so gut wie die Zahlen, mit denen man sie füttert. Beim Basisszenario der Internationalen Energieagentur (IEA) sind die Zahlen schlecht. Die IEA unterschätzt seit Jahren systematisch das Wachstum der Erneuerbaren – im schlimmsten Fall fällt das als selbsterfüllende Prophezeiung auf die Realität zurück.

Besser lassen sich die Fehl-Prognosen der IEA zur Entwicklung der Erneuerbaren nicht Darstellen, Grafik: Auke Hoekstra
Besser lassen sich die Fehl-Prognosen der IEA zur Entwicklung der Erneuerbaren nicht Darstellen, Grafik: Auke Hoekstra

IEA unterschätzt immer Potenzial der Erneuerbaren

Die IEA veröffentlicht jedes Jahr eine Vorhersage zur Entwicklung der Energiebranche. Dieser „World Energy Outlook“ (WEO) unterschätzt jedes Mal das Wachstum der Erneuerbaren. Wer eine verlässliche Vorhersage sucht, sollte es hiermit versuchen: Nächstes Jahr wird die IEA ihre Prognose für die Erneuerbaren wieder nach oben korrigieren, so wie sie dies seit 2004 tut. Die IEA geht ständig davon aus, der Zubau an Solaranlagen habe einen Höhepunkt erreicht und bleibe für die kommenden Jahre weitgehend unverändert. Im folgenden Jahr stellen die IEA-Modellierer dann erstaunt fest, dass der Zubau deutlich gestiegen ist, und korrigieren ihre Zahlen nach oben.

Vorhersage oder Szenario?

Dass der Zubau bei Solaranlagen derzeit einer exponentiellen Kurve folgt, ist ihnen in den letzten zehn Jahren nicht aufgefallen. Auf entsprechende Kritik antwortet die IEA, dass es sich bei ihrem „Ausblick“ um ein Szenario und nicht um eine Vorhersage handelt. Dem widerspricht Michael Liebreich von Bloomberg New Energy Finance (Bnef), einem Thinktank, der ebenfalls Prognosen zu unserer Energiezukunft errechnet: „Wenn es wie eine Vorhersage aussieht, schwimmt und quakt, dann ist es eine Vorhersage.“ Liebreich empfiehlt den IEA-Kollegen in Bezug auf ihr Modell: „Es kommt Mist raus? Dann hört auf, Mist reinzutun.“ Liebreich geht es dabei aber nicht nur darum, über einen Konkurrenten herzuziehen. „Schlechte Vorhersagen von Organisationen mit großer Autorität haben Konsequenzen. Sie verstärken sich selbst.“ Wenn die Erneuerbaren systematisch unterschätzt würden, „schreckt das Politiker, Investoren und Geschäftsleute davon ab, sie zu unterstützen“.

Prognosen der IEA verlässlich verkehrt

Damit stellt sich die Frage, warum die IEA-Prognosen so verlässlich falsch sind. Leider verrät die IEA nicht, wie ihr Computermodell genau funktioniert und mit welchen Annahmen sie arbeitet. Dennoch gibt es Anhaltspunkte. Nach Angaben von Tim Buckley vom US-Forschungsinstitut IEEFA unterschätzt die IEA den Kostenverfall bei Solaranlagen. Sein Institut setzt die Kostenreduktion bei fünf bis zehn Prozent pro Jahr an – doppelt so hoch wie die vier Prozent in der IEA-Prognose.

Erneuerbare wachsen nicht nur linear

Wird die Entwicklung der E-Autos ähnlich unterschätzt wie die der Erneuerbaren?, Foto: LichtBlick
Wird die Entwicklung der E-Autos ähnlich unterschätzt wie die der Erneuerbaren?, Foto: LichtBlick

Der britische Thinktank Carbon Tracker weist derweil auf die IEA-Annahme linearen Wachstums hin. Carbon Tracker hat rund ein Dutzend Prognosen zum Wachstum der Erneuerbaren untersucht und teilt diese in drei Gruppen ein: Szenarien mit sechs bis acht Prozent Wachstum wie das der IEA, Szenarien mit zehn Prozent Wachstum wie die der Ölkonzerne Shell und Statoil oder das von Bnef und schließlich Szenarien mit 13 bis 14 Prozent Wachstum wie das von dem Londoner Beratungsunternehmen Ecofys. Dabei sei „wichtig festzuhalten, dass die Szenarien mit hohem Wachstum nicht linear sind und zunehmende Wachstumsraten vorhersagen.“

Zukunft sieht nicht wie Vergangenheit aus

Wie Carbon Tracker legt auch Bnef-Experte Liebreich der IEA nahe, ihr Modell zu ändern. Dabei verweist er ausgerechnet auf den großen Gegenspieler der IEA als gutes Beispiel: die Opec. Die hat letztes Jahr ihre Vorhersage für Elektroautos nach oben korrigiert: von weniger als 50 Millionen im Jahr 2040 auf über 250 Millionen – ein offensichtlich nicht-linearer Sprung. Liebreich meint, das sei noch immer zu wenig, betont aber: Die Opec habe zumindest eingeräumt, „dass die Zukunft nicht wie die Vergangenheit aussieht“.

Erneuerbare auch dieses Jahr (überraschend) stark

Die IEA bleibt derweil bei ihrem Vorgehen. Einem Trailer für den im November erscheinenden Weltenergieausblick konnte man bereits das prognostizierte Wachstum der Erneuerbaren entnehmen. Wieder hat die IEA ihre Prognose nach oben korrigiert, denn – völlig überraschend – war der Zubau letztes Jahr größer als angenommen. Statt Anlagen mit einer Kapazität von knapp 50.000 Megawatt gingen 74.000 Megawatt neu ans Netz, 50 Prozent mehr als erwartet.
Damit war Solarkraft die Stromquelle mit dem höchsten Zuwachs überhaupt. Wer hätte so was gedacht?

Der Beitrag wurde uns mit freundlicher Genehmigung unseres Medienpartner klimaretter zur Verfügung gestellt.


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