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Grüße aus Fukushima: Interview mit Doris Dörrie

Doris Dörrie im Interview zu ihrem neuesten Film "Grüße aus Fukushima", Foto: Mathias Bothor / Majestic
Doris Dörrie im Interview zu ihrem neuesten Film „Grüße aus Fukushima“, Foto: Mathias Bothor / Majestic

Mit ihrem neuesten Film „Grüße aus Fukushima“ hat eine der besten Regisseurinnen Deutschlands, Doris Dörrie, einen sehr bewegenden und eindrucksvollen Film über die dreifache Katastrophe gedreht, die Japan und die Region Fukushima vor fünf Jahren erschüttert hat. Wir haben vor dem Kinostart am 10. März 2016 mit Doris Dörrie gesprochen.

Kurz zum Film: Die junge Deutsche Marie (Rosalie Thomass), auf der Flucht vor ihren zerplatzten Lebensträumen und dem Verlust ihrer großen Liebe, reist für die Organisation Clowns4Help nach Fukushima, um den überlebenden Opfern ein wenig Freude zu bringen. Eine Aufgabe, für die sie überhaupt nicht geeignet ist. Doch bevor sie erneut davon läuft, beschließt Marie, bei der störrischen alten Satomi (Kaori Momoi) zu bleiben, der letzten Geisha Fukushimas, die auf eigene Faust in ihr zerstörtes Haus in der Sperrzone zurück will.

Situation in Fukushima kaum verändert

Frau Dörrie, die Katastrophe von Fukushima mit dem Tsunami und der Reaktorkatastrophe liegt fünf Jahre zurück. Mit Ihrem Film „Grüße aus Fukushima“ machen Sie wieder auf das Ereignis aufmerksam. Was hat Sie zum Film bewegt?
Ich war schon sechs Monate nach der dreifachen Katastrophe in Fukushima gewesen. Die Menschen vor Ort und das ganze Land waren in einer Schockstarre. Heute hat sich die Situation für die Betroffenen nicht verändert – sie sitzen immer noch, wie im Film zu sehen ist, in den Notunterkünften. Die Regierung kümmert sich nicht wirklich. Die kontaminierte Erde wird zwar fein säuberlich in Säcke verpackt, denn für die Olympischen Spiele 2020 soll alles wieder ordentlich aussehen. Aber für die Betroffenen machen sie nichts.

Wo sollen die Menschen hin?

Geisha Satomi muss mit dem Verlust und dem Schmerz umzugehen lernen, Foto: Hanno Lentz / Majestic
Geisha Satomi muss mit dem Verlust und dem Schmerz umzugehen lernen, Foto: Hanno Lentz / Majestic

Welche Eindrücke haben Sie in Fukushima gesammelt?
Eigentlich sind nur die alten Frauen, wie Satomi übrig geblieben. Viele Männer haben die Situation nicht verkraftet, die jüngeren Frauen sind direkt nach der Katastrophe weggegangen. Die Region ist völlig verlassen momentan. Auch wenn die Regierung die Sperrzone nun aufgehoben hat, damit die Menschen zurückkehren müssen – wo sollen sie hin? Wie Satomi in ihr zerstörtes Haus?

Vor allem da die Gegend ja noch kontaminiert ist…
Das muss man schon etwas differenzieren. Wir haben nur elf Kilometer vom AKW entfernt gedreht. Wir haben vorher alles sorgfältig vermessen und Staubproben genommen. Die Luftstrahlung ist inzwischen auf dem Level von München. Allerdings ist die Erde zum Teil noch sehr stark verseucht, vor allem an den sogenannten Hotspots. In der Stadt Fukushima kann man durchaus wieder leben. Diese differenzierte Betrachtung ist aus der Ferne schwierig. Ich musste das auch alles wieder lernen.

Japan promotet Kernenergie sehr stark

Viele Menschen in Deutschland haben sich nach der Reaktorkatastrophe für Ökostrom entschieden – die Regierung verabschiedete den Atomausstieg. Wie sehen Sie Japans Energiepolitik?
Erschreckend ist, dass die Regierung nach und nach wieder Reaktoren hochfährt und Kernenergie sehr stark promotet. Es gibt 56 AKW in Japan. Die Entwicklung von alternativen Energien ist in den vergangenen Jahren nicht vorangegangen. Das finde ich so bedauerlich. In Japan gäbe es beste Möglichkeiten für Wind- oder auch Solarenergie.

Durchschnittsalter der Demonstranten ist 75 Jahre

Und wie ist die Einstellung der Japaner zu Atomkraft?
Die jungen Menschen sind sehr wenig engagiert, was das Thema Atomkraft angeht. Die anfänglichen Proteste gegen Atomenergie sind wieder verschwunden. Am Jahrestag der Katastrophe gibt es auf der Demo überhaupt keine jungen Menschen – das Durchschnittsalter der Demonstranten ist 75 Jahre. Sie halten tapfer ihre Plakate in die Höhe und warnen. Aber es will keiner so wirklich hören. Vielleicht wird es dieses Jahr mit dem fünften Jahrestag etwas anders. Aber insgesamt ist das Engagement nicht mehr vorhanden. Die meisten möchten einfach, dass alles funktioniert und der Strom fließt. Vor Ort direkt in Fukushima sind viele enttäuscht und fühlen sich allein gelassen.

Was ist der Grund für das geringe Interesse?
Es ist zum einen eine große Hilflosigkeit, da die Forderungen von der Regierung auch nicht unterstützt werden. Und zum anderen gibt es die Tradition des Aufbegehrens in Japan nicht wirklich. Es ist eher eine Tradition des Ertragens und des Duldens. Daher ist es für viele inzwischen unvermeidlich, dass man wieder ans Netz geht. Die Kreise der Aktivisten sind sehr, sehr klein. Die zu unterstützen und zu fördern, ist eigentlich auch internationale Angelegenheit.

Die einzigen weltweit, die eine Lektion gezogen haben

In Deutschland hat die Katastrophe den Ausstieg bewirkt…
Ja, und dadurch haben wir eine ganz tiefe Verbindung mit Japan. Wir sind die einzigen weltweit, die eine Lektion aus dieser Katastrophe gezogen haben. Und wenn wir diese Lektion damals daraus gezogen haben, dann sollten wir sie auch wirklich hochhalten. Ich sehe mit Bestürzung, wie wenig wir vorankommen sind – in unserem persönlichen Verhalten, aber auch im industriellen Verhalten sowie in den Fragen, die der Atomausstieg jetzt wieder aufwirft. Ich habe oft die Sorge, dass wir irgendwann wieder eine Kehrtwende machen, da alles zu teuer wird.

Mit dem Schmerz leben

Grüße aus Fukushima - ein bewegender Film über die Katastrophe von 2011, Foto: Mathias Bothor / Majestic
Grüße aus Fukushima – ein bewegender Film über die Katastrophe von 2011, Foto: Mathias Bothor / Majestic

Kommen wir jetzt einmal direkt zu Ihrem Film. Die beiden Hauptfiguren – Marie aus Deutschland, die als Freiwillige vor Ort den Menschen helfen möchte, und die Geisha Satomi – sind eigentlich sehr unterschiedliche Charaktere, und doch spürt man im Film eine enge Verbindung zwischen den beiden. Können Sie kurz beschreiben, was die Bindung ausmacht?
Beide müssen mit Verlust umgehen – es hat unterschiedliche Gründe und dieser Verlust ist vielleicht auch unterschiedlich groß. Aber der Schmerz ist gleich, besser gesagt: Der Schmerz lässt sich nicht messen. Mit diesem Schmerz umzugehen und zu leben und dann auch wieder lebendig zu sein, das verbindet die beiden. Und beide profitieren voneinander. Marie lernt eine gewisse Haltung und Distanz zu ihrem Schmerz und Satomi eine größere Spontanität und eine Lebendigkeit – Marie rettet ihr ja wirklich buchstäblich das Leben.

Keine Farbe in Fukushima

Sie haben den Film in schwarz-weiß gedreht. Warum war Ihnen das wichtig?
Schwarz-weiß hat eine viel größere Kraft als Farbe. Und ein sehr offensichtlicher Grund war auch, dass es Farbe in Fukushima so wirklich gar nicht mehr gibt. Da gibt es kein grün mehr, es ist alles so beige. Und auch der Himmel ist nie so wirklich blau.


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