MEINUNG & POSITION

Zeit, dass grüner Strom auch wirklich grün wird

In Deutschland wird immer mehr Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt – im vergangenen Jahr machten sie knapp 26 Prozent am Strommix aus. Doch für Ökostromanbieter, wie LichtBlick, ist es fast unmöglich, den Kunden Strom aus Wind- und Sonnenenergie aus Deutschland anzubieten. Der meiste hier erzeugte Grünstrom wird nämlich an der Strombörse zu Graustrom. Das Unternehmen Clean Energy Sourcing AG hat gemeinsam mit anderen Unternehmen ein Grünstrommarkt-Modell entwickelt, mit dem Grünstrom aus Deutschland auch wirklich als Grünstrom bei den Kunden ankommt. LichtBlick unterstützt dieses Marktmodell. Daniel Hölder, Energiepolitik-Chef bei der Clean Energy Sourcing AG, erklärt, was sich genau dahinter verbirgt.

EEG-Strom soll Ökostrom werden

Daniel Hölder, Leiter Energiepolitik bei Clean Energy Sourcing, Foto: Clean Energy Sourcing
Daniel Hölder, Leiter Energiepolitik bei Clean Energy Sourcing, Foto: Clean Energy Sourcing

Herr Hölder, Ökostrom liegt auf Platz eins vor Braunkohlestrom. Wozu brauchen wir ein spezielles Marktmodell für Grünstrom, das uns sagt, es ist grüner Strom?
Ökostrom, der über das EEG gefördert wird, kommt bei den Kunden, die EEG-Umlage zahlen, über die allgemeine Stromkennzeichnung an – unter dem Posten „Strom aus erneuerbaren Energien, gefördert nach dem EEG“. Immer mehr Haushalte und Unternehmen – letztere sind für uns als Ökostrom-Vermarkter besonders wichtig –, wollen aber nachweislich 100-prozentigen Ökostrom beziehen.

Und der EEG-Strom ist nicht „grün“ genug?
Richtig. Um 100-prozentigen Grünstrom anbieten zu können, muss man auch 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien einkaufen, auch wenn dann ein Teil davon formal als „Strom aus erneuerbaren Energien, gefördert nach dem EEG“ bezeichnet werden muss. Deshalb ist fast alles, was hierzulande gegenüber den Kunden als Grünstromprodukt gekennzeichnet wird, Grünstrom aus dem Ausland.
Der Umstand, dass deswegen im Grunde nur noch Wasserkraftstrom aus dem Ausland hier als 100-prozentiger Ökostrom vermarktet werden kann, klingt einigermaßen absurd.

EEG-Strom wird derzeit als Graustrom verkauft

Der Gesetzgeber hat – und da hat er ja auch recht – festgelegt: Wird die Stromerzeugung übers EEG gefördert, soll nicht derjenige, der den Strom nutzt, etwas von dieser besonderen Qualität des Stroms haben, sondern der Bezahler der EEG-Umlage.
Das bedeutet aber, dass der EEG-Strom, der eine Einspeisevergütung bekommt oder der über die Marktprämie vermarktet wird – das ist derzeit fast der gesamte EEG-Strom – als Graustrom verkauft werden muss.

Dagegen setzt Ihr Unternehmen zusammen mit anderen Ökostromern auf ein Grünstrom-Markt-Modell. Könnten Sie denn damit den gesamten 25-Prozent-Anteil, den der Erneuerbaren-Strom heute hat, direkt an die Kunden bringen?
Das wäre kein Problem. Unser Modell würde es nur außerhalb des EEG-Umlagesystems machen.

Das Grünstrommarkt-Modell

Mit Ihrem Grünstrom-Markt-Modell wollen Sie also grünen Strom erster Klasse schaffen. Warum?

So funktioniert das Grünstrom-Markt-Modell, Grafik: Greenpeace Energy eG
So funktioniert das Grünstrom-Markt-Modell, Grafik: Greenpeace Energy eG

Um Strom aus EEG-Anlagen als Grünstrom verkaufen zu können, müssen wir erstens das Gerechtigkeitsproblem lösen, dass ich EEG-Strom nicht als grünen Strom verkaufen kann, solange jemand anderes dafür bezahlt. Und zweitens möchten wir aus der Systematik der Spotmarktpreise raus. Wir wollen grünen Strom komplett außerhalb des EEG-Umlagesystems vermarkten.
Ein entscheidende Voraussetzung für die Akzeptanz so eines Modells ist: Es muss für die, die nicht mitmachen, kostenneutral sein. Dazu wird in unserem Modell das EEG-Umlagesystem faktisch auf der Ebene des Stromvertriebs abgebildet. Ich habe dann eine direkte Geschäftsbeziehung, kaufe Ökostrom direkt mit allen Risiken beim Anlagenbetreiber und verkaufe ihn auch direkt mit allen Risiken an den Stromkunden. Und damit es kostenneutral für das Umlagesystem ist, muss ich anteilig genauso viel und genauso teuren Strom aus EEG-Anlagen einkaufen, wie alternativ über das Umlagesystem gefördert würde.
Als Rahmenbedingung gilt weiter, dass ich in diesem System denselben Anteil volatiler Quellen – also Wind und Sonne – wie im EEG-System handeln muss. Damit kann ich mir in unserem Modell nicht nur die einfach zu managenden erneuerbaren Quellen heraussuchen und die komplizierten dem EEG-System überlassen.

Offen für mehrere Teilnehmer

Wer kann all das leisten – nur große Grünstromunternehmen?
Energiewirtschaftlich ist das Modell zweifellos anspruchsvoll. Eine Bürgerenergiegenossenschaft wird das nicht allein umsetzen können. Sie bräuchte dafür beispielsweise eine Handelsabteilung, die rund um die Uhr arbeitet. Das ist aber auch bei der Marktprämien-Vermarktung der Fall. Stromwirtschaft ist leider aufwendig. Es gilt, große Mengen zu bewegen.
Aber auch wegen der geltenden Pflicht zur Direktvermarktung brauchen Bürgerenergiegenossenschaften schon jetzt jemanden an ihrer Seite. Und genauso wie es in der Marktprämie einen harten Wettbewerb zwischen den Direktvermarktern zum Vorteil der Anlagenbetreiber gibt, wird es auch für die Grünstrom-Vermarktung einen Wettbewerb um die Abwicklung geben. Unser Unternehmen ist beispielsweise Partner eines Windparks. Der hat eigene Stromkunden, aber wir wickeln für ihn im Hintergrund die Geschäfte ab. Das zu tun, interessiert viele Akteure am Strommarkt. Unser Modell bietet damit Anlagenbetreibern und Bürgerenergiegenossenschaften große Chancen, echte Grünstromprodukte aufzusetzen und damit ihren Strom an interessierte Kunden zu verkaufen.

 

Das Interview wurde mit freundlicher Genehmigung von unserem Medienpartner klimaretter.info zur Verfügung gestellt.


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