MEINUNG & POSITION

Große Kohle-Koalition?

Protest gegen die Kohlelobby. Campact hat auch eine Online-Petition gegen "Kohle-Kraft" gestartet
Protest gegen die Kohlelobby. Die Aktivisten von Campact haben auch eine Online-Petition gegen „Kohle-Kraft“ gestartet. (c) CC/Campact

Die Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD sind angelaufen. Angesichts der starken Kohlelobby in beiden Parteien fürchten viele bereits um die Energiewende. Erlebt der Klimakiller Kohle in Deutschland eine Renaissance? Aber: Ist die Energiewende denn überhaupt noch zu stoppen?

Eine geschickte Inszenierung für Kohle?

Man könnte durchaus auf die Idee kommen, es handele sich hier um eine geschickte Inszenierung. Am vergangenen Samstag berichtet die Süddeutsche Zeitung über die NRW-Ministerpräsidenten: „Kraft bremst bei der Energiewende“. Die SPD-Verhandlungsführerin beim Thema Energie spricht sich für „Investitionssicherheit“ aus – auch für Kohlekraftwerke.

Und wenige Tage später warnt der Chef des größten deutschen Energiekonzerns RWE in der gleichen Zeitung vor Kraftwerksabschaltungen und Blackouts, wenn es nicht mehr Geld für derzeit unrentable Kohlekraftwerke gebe.

Und ewig droht der Blackout…

Das Schreckensszenario Blackout gehört zu den üblichen Drohgebärden der Konzerne. Damit hatten sie auch schon vor zweieinhalb Jahren bei der Abschaltung der ersten Atomkraftwerke gedroht – passiert ist nichts.

Es ist ja eine logische Konsequenz des Ausbaus der erneuerbaren Energien, dass Kohlekraftwerke vom Netz gehen müssen. Es ist das Ziel der Energiewende, klimaschädliche Dreckschleudern durch sauberen Wind und Sonnenstrom zu ersetzen. Deshalb ist jede Kraftwerks-Abschaltung erst einmal eine gute Nachricht.

Hausaufgaben nicht erledigt

Was die Große Koalition in Berlin nun aber leisten muss, ist, den Übergang vom fossilen ins erneuerbare, vom zentralen ins dezentrale Energiezeitalter zu gestalten. Die sinnvollsten Reservekraftwerke sind aber anders, als viele Lobbyisten gern behaupten, nicht die Kohlekraftwerke. Die besten Lückenfüller für die Zeiten, in denen wetterbedingt nicht ausreichend Wind- und Sonnenstrom zur Verfügung stehen, sind flexible und vergleichsweise klimafreundliche Gaskraftwerke. Die Politik muss folglich dafür sorgen, dass Kohlestrom teurer wird als Gasstrom. Dafür muss in erster Linie der Preis für die europäischen Klima-Verschmutzungsrechte (CO2-Zertifikate), der derzeit im Keller ist, wieder steigen. Deutschland muss vom Bremser zum Antreiber für eine wirksamen Emissionshandel werden.

Auch die erneuerbaren Energien sind gefragt

Beim Umbau des Stromsystems sind aber auch die Erneuerbaren Energien gefragt. Sie müssen sich Schritt für Schritt dem Markt öffnen und Verantwortung für ein stabiles Stromsystem übernehmen. Bisher fließen Wind- und Sonnenstrom „ohne Rücksicht auf Verluste“ ins Netz. Je mehr Ökostrom erzeugt wird, desto weniger funktioniert das. Grüner Strom muss intelligent werden, auf Signale von Angebot und Nachfrage reagieren.  Die simple Wahrung des Status Quo ist auch für die erneuerbaren Energien keine Lösung. Die Branche selbst muss praktische Lösungen und politische Konzepte entwickeln. Ein erster Ansatz ist die Pflicht zur Direktvermarktung von EEG-Strom, für die sich LichtBlick einsetzt.  So wird die grüne Energie in den Markt integriert.

LichtBlick zeigt mit SchwarmStrom und der IT-Plattform SchwarmDirigent bereits heute auf, wie dezentrale Kraftwerke, Speicher und Verbraucher in ein am Strommarkt orientiertes System integriert werden können.

Energiewende kann gebremst, nicht aber gestoppt werden

Man darf gespannt sein, welche Konzepte nun in Berlin die Oberhand gewinnen. Ob der Koalition ein „großer Wurf“ gelingt, ist mehr als fraglich. Eine Rückkehr in die „alte Energiewelt“ ist nicht mehr möglich, dafür hat der Ökostrom mit einem Anteil von rund 25 Prozent bereits eine viel zu große Eigendynamik. Schlimmstenfalls kann eine Große Koalition die Energiewende bremsen und den zahlreichen Energieversorgern, die bisher den Anschluss an die neue Zeit verschlafen haben, ein paar Jahre Luft verschaffen. Das wäre schon schlimm genug – zu stoppen ist die Energiewende aber selbst von einer starken Kohlelobby  nicht mehr.


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