MEINUNG & POSITION

Faktencheck Strommix

Ihr Stromanbieter hat Sie überzeugt, da er immer stärker auf Ökostrom setzt und sogar mehr Ökostrom in seinem Strommix hat als der Bundesdurchschnitt? Es lohnt sich, zweimal auf die Stromkennzeichnung zu schauen. Denn viele Versorger stellen ihre Stromlieferung sauberer dar, als sie ist. Das zeigt eine Untersuchung, die wir gemeinsam mit einem Bündnis aus Deutscher Umwelthilfe, Robin Wood, Greenpeace Energy, EWS Schönau und Naturstrom erstellt haben.

Wenn der Strom grüner sein soll, als er ist

Grüner geht immer - Stromanbieter täuschen Verbraucher beim Strommix, Grafik: LichtBlick
Grüner geht immer – Stromanbieter täuschen Verbraucher beim Strommix, Grafik: LichtBlick

Die Zeiten, in denen LichtBlick zusammen mit EWS Schönau, Naturstrom und Greenpeace Energy die einzigen Ökostromanbieter auf dem Markt waren, sind längst vorbei. Inzwischen haben viele Stromanbieter erkannt, dass Kunden Wert auf eine saubere Energieversorgung legen und haben – neben ihrem herkömmlichen Stromangebot aus Kohle und Atom – auch Ökostrom im Angebot. Um noch ein bisschen grüner zu werden als sie eigentlich sind, behaupten einige Anbieter in ihrer Öffentlichkeitsarbeit, der von ihnen gelieferte Strom enthalte einen höheren Anteil an erneuerbaren Energien als der bundesweite Durchschnitt. Das ist jedoch nicht der Fall.

Verbrauchertäuschung beim Strommix

Für den „Faktencheck Strommix“ haben wir gemeinsam mit den Partnern 40 von 1.100 Anbietern in Deutschland unter die Lupe genommen. Jeder vierte untersuchte Versorger erweckt den Eindruck, er beschaffe mehr Grünstrom für seine Kunden, als es tatsächlich der Fall ist. Und das ist wahrscheinlich nur die Spitze des Eisberges. Verbraucher werden von ihren Stromanbietern also (absichtlich) getäuscht, um das angeblich grüne Image der Versorger aufzupolieren.

Zwei gute/schlechte Beispiele

Ein gutes – oder besser gesagt: schlechtes Beispiel sind die Stadtwerke Kiel. Auf deren Webseite steht folgendes zum Strommix: „Über 47 Prozent unseres Stromes stammte aus regenerativen Quellen“. Zudem „nutzten“ die Stadtwerke angeblich mehr Ökostrom als der Bundesdurchschnitt, der bei 32 Prozent liegt. Tatsächlich kaufen die Kieler nach den Berechnungen in der Untersuchung jedoch nur etwa sechs Prozent grünen Strom für ihre Kunden ein.

Auch die Stadtwerke Schweinfurt behaupten in einer Pressemitteilung, sie lägen „in Bezug auf den Grünstrom über dem bundesweiten Durchschnitt“. Tatsächlich kauften die Stadtwerke jedoch weniger als fünf Prozent erneuerbare Energie ein. Vergleichbare Darstellungen fanden sich auch bei den Stadtwerken Bochum, Düsseldorf, Leipzig, Unna, Dortmund (DEW 21), Fulda (Rhön Energie) und Frankfurt (Mainova) sowie beim Anbieter Energiegut.

Der gesetzliche Rahmen

Der EEG-Pflichtanteil wird von einigen Stromanbietern als eigener Ökostrom ausgegeben, Foto: PantherMedia
Der EEG-Pflichtanteil wird von einigen Stromanbietern als eigener Ökostrom ausgegeben, Foto: PantherMedia

Doch wie können Stromanbieter einfach diese Behauptungen aufstellen? Hintergrund ist die gesetzliche Stromkennzeichnung. Sie verpflichtet Versorger dazu, in ihrem Strommix einen Pflichtanteil von bis zu 46 Prozent EEG-Strom auszuweisen. Das Problem: Dieser EEG-Strom wird nicht von den Versorgern eingekauft. Der Strommix der Versorger erscheint also umweltfreundlicher, als er ist. Im Gegenzug wird der Anteil von Kohle- und Atomstrom in den Stromtarifen künstlich kleingerechnet. Der Gesetzgeber nimmt damit bewusst in Kauf, dass die Kennzeichnung von Stromtarifen nicht die Strom-Einkaufspolitik der Anbieter abbildet. Sie können sich auf diese Weise umweltfreundlicher darstellen, als sie sind.

Zeit, etwas zu ändern

Um dem Missbrauch einen Riegel vorzuschieben, fordern wir gemeinsam mit unseren Partnern eine Reform der Stromkennzeichnung. Sie müsse künftig wieder zu 100 Prozent den Stromeinkauf der Versorger abbilden. Auch für Strom muss gelten: Es darf nur das draufstehen, was drin ist. Zusätzlich sollen Stromkunden künftig genauer darüber informiert werden, wie sie unabhängig von der Stromlieferung ihres Versorgers durch die Zahlung der EEG-Umlage den Ausbau der erneuerbaren Energie fördern.

Wir bleiben weiter an dem Thema dran!

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