MEINUNG & POSITION

Konzerne: Die Folgen der Ananas-in-Alaska-Philosophie

Protest gegen das Kohlekraftwerk Jänschwalde, c-Creative-Commons
Protest gegen das Kohlekraftwerk Jänschwalde, c-Creative-Commons

Die großen Energiekonzerne entdecken die Energiewende. Bekommt LichtBlick jetzt neue Konkurrenz? Benjamin von Brackel vom Portal klimaretter.info im Gespräch mit LichtBlick-Sprecher Ralph Kampwirth über die künftige Rollenverteilung im Energiemarkt und neue Subventionsfallen.

Eine Bad Bank für Kohlekraftwerke wäre absurd

klimaretter.info: Herr Kampwirth, EnBW kündigt einen radikalen Umbruch an, RWE macht ein Milliardenminus und will ebenso umsteuern. Machen die Stromkonzerne jetzt Energiewende?

Ralph Kampwirth: Wenn sie überleben wollen, müssen sie sich komplett neu erfinden. Die Frage ist, ob das den Konzernen gelingt. Im Grunde funktionieren sie wie Behörden, in ihrer Denkweise und Struktur. Und selbst wenn sie viele gute Leute und Ideen haben, müssen sie ja das ganze Unternehmen mitnehmen. Außerdem haben sie Altlasten, die einen Neustart verhindern. Deshalb gab es ja den in der Sache absurden Vorschlag, Steinkohlekraftwerke zu vergesellschaften, eine Art Bad Bank für Kohle.

Woran hapert es denn?

Vor ein paar Jahren hat der damalige RWE-Chef Jürgen Großmann gesagt: Photovoltaik in Deutschland ist wie Ananas züchten in Alaska. Das war eine milliardenschwere Fehleinschätzung. Die Konzerne leiden bis heute unter der Ananas-in-Alaska-Philosophie: Sie haben viel zu spät erkannt, wie der Hase läuft.

Ob die Energiekonzerne ihre Rolle behaupten können, ist fraglich

Glauben Sie, in zehn Jahren wird es die großen Vier noch geben?

Ob Vattenfall dann überhaupt noch in Deutschland ist, muss man sehen. Die anderen drei wird es sicher weiter geben – ob sie dann aber noch so groß sind wie heute und diese Rolle spielen, wage ich zu bezweifeln.

Wenn man vergleicht, was EnBW und was Lichtblick vorhat, tun sich ja interessante Parallelen auf.

Einiges, was Mastiaux sagt, könnte auch von Lichtblick-Chef Heiko von Tschischwitz stammen. Die Frage ist: Schafft es EnBW, das durchzuziehen? RWE will auch „vorweggehen“ und hinkt hinterher.

LichtBlick stellt sich dem Wettbwerb um die besten Energiewende-Produkte gern

EnBW will stärker auf Heizungssteuerung und Energiesparen setzen, Dienstleister werden, ein ähnliches Modell wie bei Lichtblick. Haben Sie ein Problem damit, wenn die vier Großen sich der Energiewende öffnen und neue Wege gehen – das ist doch Konkurrenz für Sie?

Natürlich wäre das eine große Konkurrenz. Aber ich glaube, dass wir die Herausforderungen der Energiewende nur lösen, wenn viele Unternehmen Lösungen beisteuern. Wir brauchen einen starken Wettbewerb um die besten Energiewende-Produkte. Dem stellen wir uns gern.

Aber das ist doch ein Angriff auf Ihre Nische.

Die dezentrale und erneuerbare Energiewende ist keine Nische – sie wird zum Mainstream. Und hier wollen und werden wir als Unternehmen Lichtblick mit unserem Schwarmstrom-Konzept einen großen und sinnvollen Beitrag leisten. Natürlich haben wir Wettbewerber, das ist normal. Ich sehe die Konkurrenz in zehn Jahren aber eher bei Unternehmen, die heute noch Start-ups sind, die wir heute vielleicht noch gar nicht auf dem Zettel haben. Die werden vielleicht völlig neue Lösungen anbieten. Ob EnBW dazu zählen wird, wird man sehen. Es wäre ohne Zweifel eine große Leistung, wenn sich ein Konzern dieser Größe neu erfindet und innovativ wird. Entscheidend ist, dass die Milliardenverluste aus den unternehmerischen Fehlentscheidungen von Konzernen und Stadtwerken jetzt nicht in Subventionen auf die Stromkunden übertragen werden, etwa durch Kapazitätsmärkte.

Ein Kapazitätsmarkt darf nicht die Investitionsfehler von Konzernen und Stadtwerken ausbügeln

Dass ein Kapazitätsmarkt kommt, ist ja relativ wahrscheinlich, die Frage ist eher, wie der dann aussieht.

Entscheidend wird sein, ob das nach dem Gießkannenprinzip ablaufen wird oder ein fokussierter Kapazitätsmarkt dabei herauskommt. Vermutlich werden wir nicht ohne einen Kapazitätsmarkt auskommen – auch wenn andere Instrumente wie der Emissionshandel wünschenswerter wären. Um zunächst solche Kohle- und Gaskraftwerke aus dem Markt zu drängen, die es nicht mehr braucht. Der Spielraum sollte zuerst ausgeschöpft werden, bevor man jetzt das nächste Subventionsfass aufmacht.

Auch Lichtblick wandelt sich gerade sehr und wird eher zum Dienstleister. Ihr altes Modell als klassischer Ökostromanbieter – legen Sie das nun zu den Akten?

Nein, ganz im Gegenteil. Das ist unsere Basis. Ohne unsere 600.000 Ökostromkunden könnten wir gar nicht in den Schwarmstrom investieren. Dies Basis wollen wir in den nächsten Jahren noch verbreitern. Unsere Kunden sind die Investoren in die Energiewende. Aber auch sie verändern sich: Früher oder später wird der Großteil der Gebäude in Deutschland zu Kraftwerken. Und wir sorgen dafür, dass unsere Kunden ihren selbst produzierten Strom auch selbst nutzen können. Und vermarkten ihn. Dafür brauchen wir das Ökostromgeschäft. Unser Ziel bleibt: zwei Millionen Kunden.

SchwarmStrom kommt nicht nur aus ZuhauseKraftwerken

Lichtblick-Vorstand Gero Lücking hat klimaretter.info im November 2011 seine Vision erklärt: Stünde in jedem Hamburger Keller ein sogenanntes Zuhause-Kraftwerk, könnte man ganz Norddeutschland mit Strom versorgen. Wie weit sind Sie denn mit der Vision?

Die ersten 1.000 Zuhause-Kraftwerke gehören ja uns – wir sind Betreiber und Eigner und die Kunden nutzen die Energie. Von diesem Geschäftsmodell haben wir uns verabschiedet. Heute sind wir Dienstleister: Wir verkaufen die Kraftwerke. Insgesamt haben wir jetzt 1.500 Anlagen im Markt platziert. Und die Kunden entscheiden, wie der Ausbau vorangeht. Wir haben unseren Anspruch verändert.

Inwiefern?

Wir bieten Schwarmstrom nicht mehr nur für unsere Zuhause-Kraftwerke, sondern für jedes dezentrale Kraftwerk und jeden dezentralen Batteriespeicher an. Wir haben auch schon das erste fremde Blockheizkraftwerk mit 1,2 Megawatt in unseren Schwarmstrom aufgenommen. Die ideale Situation wäre: Jedes Kraftwerk – Photovoltaik-Anlagen, Wärmespeicher, Batteriespeicher (bei denen in ein paar Jahren der Preisdurchbruch zu erwarten ist) – bekommt eine Schnittstelle, über die Dienstleister wie wir auf die Anlage zugreifen können. Alle Kraftwerke, nicht nur die von Lichtblick, werden zu schlauen Anlagen, indem sie im Schwarm vernetzt werden und zum Beispiel Regelenergie bereitstellen.

Lokale Kraftwerke und Speicher übernehmen Verantwortung für das Stromsystem

Warum kann es nicht bleiben wie bisher?

Derzeit verhält sich die dezentrale Energie blind im Netz – das kann in Zukunft nicht mehr so sein. Die Zukunft der Energie ist dezentral, und die lokalen Anlagen und Speicher müssen so gesteuert werden, dass die Netze stabil laufen und die Versorgung jederzeit sicher ist. Sie übernehmen dann Systemverantwortung.

Klimaretter.info ist Medienpartner des LichtBlogs.


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