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Energiewende 2.0

Auch die Erneuerbaren Energien müssen sich - Schritt für Schritt - dem Wettbewerb stellen, PantherMedia
Auch die Erneuerbaren Energien müssen sich – Schritt für Schritt – dem Wettbewerb stellen, PantherMedia

Von Michael Gassmann, Wirtschaftsjournalist

Schade drum. Sie war so schön griffig, die Formel vom „Erfolgsmodell EEG“. Die Welt ließ sich danach einteilen, zumindest die Menschen. Wer sie benutzte – also die Verfechter des Erneuerbare Energien Gesetzes –, der kämpfte für saubere Energie, moderne Arbeitsplätze, gegen die Klimakatastrophe. Wer das EEG dagegen kritisierte, etwa wegen seiner Marktferne oder der hohen Kosten, stand automatisch für Kohle und Atom und war irgendwie selbst ein Fossil.

Eine neue Marktordnung muss her

So war es bis vor kurzem, doch die Formel funktioniert nicht mehr. Das EEG in seiner heutigen Form hat ausgedient. Man muss kein Prophet sein, um voraussagen zu können, dass sehr bald – sagen wir: nach der Bundestagswahl – eine neue Marktordnung her muss. Das EEG war vor gut einem Jahrzehnt das richtige Modell für die Durchsetzung der Wind- und Solarkraft gegen mächtige Interessen. Heute ist die Zeit darüber hinweggegangen wie einst das Erfolgsmodell Dampfmaschine. Heute führt das EEG zu Fehlallokationen großen Stils und es verschärft soziale Spannungen.

Was aber kommt künftig auf  Stromerzeuger und Verbraucher zu? Ein Kongress auf der Essener Energiemesse E-World hat sich auf die Suche nach einem neuen „Gesamtkonzept für ein stimmiges Marktsystem“ begeben, so der Titel. Eingeladen hatte der Bundesverband Neuer Energieanbieter (bne). Herausgekommen ist eine Art Workshop, der wichtige Anforderungen und Aspekte aufzeigte, aber keine fertigen Rezepte lieferte. Wie denn auch? Welches Ausbautempo künftig angepeilt wird, welche Kosten noch toleriert werden, dies wird ganz wesentlich vom Wahlergebnis im Herbst abhängen.

Preise und Wettbewerb müssen auch für die Erneuerbaren Energien an Bedeutung gewinnen

Klar ist aber schon jetzt: Für Erzeuger von Ökostrom aus Sonne, Wind oder Biomasse wird es ein einfaches „Produce and forget“ wie bisher nicht mehr geben, wie Felix Matthes vom Öko-Institut einräumte. „Preissignale in zukunftsfähiger Struktur müssen auch für Erneuerbare Energien an Bedeutung gewinnen“, sagte er in Essen. Auf der Tagung, die ich moderieren durfte, kamen die unterschiedlichen Sichtweisen nicht nur in Nuancen zum Ausdruck. Helmfried Meinel aus dem grün regierten Stuttgarter Umweltministerium etwa warnte davor, den Investoren in Erneuerbare Energie zu geringe Anreize zu bieten und damit den Ausbau ins Stocken  zu bringen. „Das ist kein Selbstläufer“.

Sein Kollege Günther Horzetzky, lange Zeit Gewerkschafter und heute Staatssekretär im SPD-geführten Düsseldorfer Wirtschaftsministerium, erinnert derweil an die 200.000 Jobs, die in Nordrhein-Westfalen von energieintensiven Wirtschaftszweigen abhingen und verschwieg auch die vielen Kohlekraftwerke im Lande nicht. „Nordrhein-Westfalen produziert die Versorgungssicherheit, die die Energiewende möglich macht“, postulierte das Mitglied der – immerhin – rot-grünen Düsseldorfer Landesregierung.

Netzsicherheit ohne Verantwortung? – „Ein untragbarer Zustand“

Der laufende Totalumbau der deutschen Energiewirtschaft – auch das zeigte der Kongress in Essen in aller Deutlichkeit – fordert jedoch nicht nur den gesetzlichen und organisatorischen Rahmen heraus, sondern auch die technischen Systeme. Gero Lücking, Vorstand Energiewirtschaft von Lichtblick – dem Betreiber dieses Blogs –, nannte es einen „untragbaren Zustand“, dass die Verantwortung für die Netzsicherheit nicht klar geregelt sei. Sowohl die Betreiber der Übertragungsnetze als auch die Bundesnetzagentur lehnten sie ab.

Oliver Koch von der Generaldirektion Wettbewerb der EU-Kommission wiederum zeigte in diplomatischen Worten und unmissverständlichen Inhalten auf, wie weit das deutsche Fördersystem sich von den einstigen Idealen eines gemeinsamen EU-Energiemarkts entfernt hat. Koch würde es zwar nie so ausdrücken, aber an seinem  und anderen Referaten wurde klar: Dass die Deutschen mit ihren schwankenden Wind- und Solarstrommengen polnische, tschechische oder auch belgische Stromhändler zur Verzweiflung treiben und die Netzte dieser Länder ins Wanken bringen, übergeht man hier gern mit der Arroganz des Großen. Die Nachbarn wehren sich mit Technik und bauen Dämme gegen die unkalkulierbare deutsche Stromflut. „Phasenschieber“ könnte zum Wort des Jahres werden. Zumindest war es auf der Tagung in Essen häufig zu hören – wie eine Art Chiffre, dass es so nicht weitergehen kann.

Erneuerbare behutsam an den Markt heranführen

Auf den gemeinsamen Nenner, dass ein konzeptioneller Neuanfang für den Einbau der Erneuerbaren in den Energiemarkt her muss, konnte man sich in Essen einigen. Politisch wird es spannend werden, wenn es ans Eingemachte geht. Schon warnen die Banken, es werde negative Auswirkungen auf die Finanzierbarkeit der Projekte haben, wenn etwa Windparks künftig keine absoluten Abnahme- und Preisgarantien mehr erhielten. Dem ist entgegenzuhalten: So etwas nennt man Marktwirtschaft. Wer die Chancen des Kapitalismus will, muss auch die Risiken in Kauf nehmen.

Die energiewirtschaftliche Kunst wird darin bestehen, die Erneuerbaren behutsam an den Markt heranzuführen, in einer Weise, dass Preissignale die richtigen Investitionsanreize setzen können und Kosteneffizienz eine Chance bekommt. Öffentliche Aufmerksamkeit ist den Protagonisten sicher. Ohnehin hat das Thema in den vergangenen Wochen rasant Karriere gemacht. Die Vorschläge von Umweltminister Peter Altmaier haben es ins Zentrum des heraufziehenden Bundestagswahlkampfs katapultiert. Quote oder Förderdeckel, Kapazitätsmärkte oder Speicher, Stromsteuer und Industrie-Privilegien – über solche Themen diskutiert eine erschreckte  Republik unter dem Eindruck galoppierender Energiewende-Kosten.

„Die Herausforderungen kulminieren Mitte bis Ende dieser Dekade“

Viel Zeit für die Entwicklung  neuer Konzepte bleibt nicht. „Die Herausforderungen kulminieren Mitte bis Ende dieser Dekade“, prophezeite Matthes. Das wären zwei bis sieben Jahre. Die bne-Veranstaltung kam zur rechten Zeit.

Der Autor, Michael Gassmann, ist Journalist und berichtete bis zur Einstellung des Blattes für die Financial Times Deutschland über die Entwicklung der Energiewirtschaft.


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1 Kommentar

  • Sigwart Zeidler sagt:

    1) Kampf für oder gegen eine bestimmte Form der Energieumwandlung ist nie gut, da er nur polarisiert.
    2) Es ist deshalb gut, daß sich die Menschen nicht mehr danach einteilen lassen. Denn die Einteilung in Befürworter oder Gegner fördert nur Vorurteile und verhindert das gemeinsame Bemühen um langfristig tragfähige Lösungen.
    3) Die technischen Probleme, welche mit der schwankenden Einspeisemenge verbunden sind, sind letztlich hausgemacht. Sowohl Windkraftanlagen als auch Photovoltaikanlagen sind wegen ihrer Größe und Leistungsfähigkeit von Natur aus zur dezentralen Energieversorgung geeignet. Dadurch, daß man sie bündelt und ins bestehende Versorgungsnetz einbindet, entstehen erst die Probleme. Diese sind zwar lösbar, aber das erfordert die Zusammenarbeit aller Beteiligten.
    4) Zwischen den Zeilen dieses Artikels ist eindeutig zu erkennen, daß es gar nicht um eine umweltgerechte den Menschen dienliche Stromversorgung geht, sondern um die Erhaltung und Verteidigung vorhandener und liebgewonnener Machtstrukturen. Wer wirklich Interesse an Natur, Mensch und Umwelt hat, vergisst Macht und persönliche Vorteile zugunsten der Sache. Nur so ist konstruktive Zusammenarbeit möglich.
    5) Mittel- bis langfristig, das ist meine persönliche Einschätzung, wird die derzeitige zentrale Energieversorgung auf jeden Fall einer dezentralen Versorgung weichen.

    Sigwart Zeidler


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