Deutschlands Verbraucher zahlen zuviel für Stromleitungen

MEINUNG & POSITION

Netzentgelte: Die 6.000.000.000-Euro-Frage

Die Energiekosten für Deutschlands Haushalte sind zu hoch. Schuld sind überhöhte Gebühren für die Strom- und Gasleitungen – die Netzentgelte. Verbraucherschützer und unabhängige Energieanbieter fordern, die Energieverbraucher um sechs Milliarden Euro zu entlasten.

Ein Haushalt zahlt 247 Euro im Jahr an Netzentgelten

Die Netzentgelte machen ein Viertel der Stromrechnung aus, Grafik: LichtBlick
Die Netzentgelte machen ein Viertel der Stromrechnung aus, Grafik: LichtBlick

Der teuerste Posten auf der Stromrechnung eines Bürgers sind die Gebühren für die Stromnetze. Durchschnittlich 247 Euro zahlt ein Haushalt pro Jahr dafür, dass der Strom vom Kraftwerk bis zum Haushalt fließt. Das entspricht einem Viertel der Stromrechnung. Die Netzentgelte steigen seit Jahren.

Verbraucherschützer kritisieren Traumrenditen

Bisher darf ein Stadtwerk oder ein Konzern saftige neun Prozent Gewinn einstreichen, wenn das Unternehmen in neue Strom- oder Gasleitungen investiert. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) kritisiert, die Zinssätze lägen deutlich über dem marktüblichen Niveau und spricht von ungerechtfertigten „Traumrenditen“. Die Gewinne der Konzerne finanzieren alle Kunden über ihre Energierechnungen.

Energiekunden könnten um sechs Milliarden Euro entlastet werden

Das Handelsblatt berichet über "Staatlich garantierte Traumrenditen"
Das Handelsblatt berichet über „Staatlich garantierte Traumrenditen“

Zum Vergleich: Für ein Sparkonto bekommt ein Verbraucher heute null Prozent Zinsen – für neue Stromleitungen kassieren Konzerne und Stadtwerke hingegen eine garantierte Rendite von neun Prozent. Deshalb fordern Verbraucherschützer und unabhängige Energieanbieter wie LichtBlick eine Absenkung der Netzrendite auf fünf Prozent. Damit würden Haushalte und Unternehmen in Deutschland in den kommenden Jahren um sechs Milliarden Euro entlastet.

LichtBlick fordert: Keine Geschenke auf Kosten der Strom- und Gaskunden

Noch im September will die zuständige Behörde, die Bundesnetzagentur, über die künftigen Netzrenditen für Stadtwerke und Konzerne entscheiden. Bisher schlägt die Agentur lediglich eine Absenkung von neun auf knapp sieben Prozent vor. Das ist jedoch zu wenig. LichtBlick hat sich jetzt mit einem Brief an den obersten Aufseher der Netzbetreiber, Jochen Homann, gewandt und ihn aufgefordert, die Netzrenditen zu senken. Tenor: Die Behörde darf keine Geschenke zu Lasten der Strom- und Gaskunden verteilen.


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2 Kommentare

  • Bernd sagt:

    Und wer hat mal darüber nachgedacht, wohin die Rendite ausgeschüttet wird? Gesellschafter eines Stadtwerkes sind üblicherweise Städt und Gemeinden, und diese bekommen dann den größten Teil der überhöten Rentite ausgeschüttet. In meiner Stadt wird damit zum Beispiel ein Bad und das Theater subventioniert. Möglicherweise wird mit sinkenden Renditen auch der kommunale Haushalt zu überdenken sein. Letztlich ist egal, wie diese Aufgaben finanziert werden, wenn es nicht über das Netzentgelt geschied, entfallen entweder kommunale Angebote oder die Gebühren und Beiträge steigen.


    • Anke Blacha sagt:

      Hallo Bernd,

      das Thema Netzentgelte ist wirklich sehr komplex und wie Sie schon sagen, sind die Interessenlagen zum Teil sehr verschieden. Wir kritisieren auch nicht, was die Gesellschafter eines Netzbetreibers mit ihren Gewinnen machen. Was aus unserer Sicht aber nicht geht, ist, dass die Netze genutzt werden, um eigenes Strom- und Gasgeschäft querzusubventionieren, damit wirtschaftlich besser zu stellen und Wettbewerber, wie LichtBlick, zu diskriminieren.

      Grundlage eines fairen Wettbewerbes im Strom- und Gasmarkt ist es, dass die Infrastruktur der Netze jedem Anbieter zu den gleichen Bedingungen zur Verfügung gestellt werden. Weil es volkswirtschaftlich und ökonomisch keinen Sinn macht, dass jeder Anbieter in eine eigene Netzinfrastruktur investiert, spricht man von einem natürlichen Monopol. Natürlich Monopole haben wir beispielsweise auch in der Telekommunikation oder im Bahnverkehr. Diese jeweilige Infrastruktur muss allen Marktteilnehmern zu den gleichen Konditionen zur Verfügung gestellt werden. Oder anders ausgedrückt: kein Anbieter darf aus der Nutzung eines Netzes einen Nachteil erleiden. Dass die unzulässige Quersubventionierung von monopolistischem Netz- hin zu wettbewerblichen Vertriebsgeschäft gängige Praxis ist, zeigen die Untersuchungen der Bundesnetzagentur.

      Das Problem ließe sich sehr einfach lösen, wenn das Unbundling, also die gesellschafts- und eigentumsrechtliche Trennung von Netzbetrieb und Vertriebsgeschäft endlich konsequent umgesetzt würde. Das ist bisher in Deutschland aber nicht der Fall. Die einzige Ausnahme bilden die Übertragungsnetze im Strommarkt. Hier sind die Unternehmen Amprion, Tennet und 50Hertz vollständig aus der ehemaligen Konzernstruktur von RWE, E.On und Vattenfall rausgelöst worden. Seit dieser vollständigen Trennung in diesen drei Übertragungsnetzen gibt es signifikante inhaltliche Fortschritte. Geschäftsmodelle und Prozesse, die vorher mit Rücksicht auf eigene Konzerninteressen regelmäßig scheiterten, sind jetzt möglich und gängige Praxis.

      Auf Stadtwerkeebene sieht es beim Unbundling leider komplett anders aus. Unter die sogenannten Ausnahmeregelung der De-Minimis-Regelung fallen 90 Prozent der insgesamt 900 regionalen Strom- und Gasanbieter und örtlichen Stadtwerke. Das was als Ausnahme gedacht war, ist im deutschen Strom- und Gasmarkt die Regel. Würde man auch hier eine vollständige unternehmerische Trennung vornehmen – so wie es im Übrigen die EU auch vorsieht – hätten die Vertriebsgesellschaften dieser integrierten Unternehmen keinen Zugriff mehr auf die Monopolrenditen aus den Netzen. Das muss das Ziel sein. Wäre das Unbundling in dieser Form konsequent umgesetzt, wäre die Diskussion um die Höhe der Zinssätze entschärft. Denn dann wären die Netze „neutralisiert“ und alle hätten gleiche Start- und Rahmenbedingungen im Wettbewerb.

      Wenn dann die Gesellschafter der Netzbetreiber mit ihren Gewinnen Theater und Schwimmbäder finanzieren, ist dies eine Entscheidung, die wir weder kommentieren noch kritisieren werden. Wenn aber als prominenteste Beispiele das neue RWE-Unternehmen Innogy und die neue E.On das Verteilnetz brauchen, um den teuren Konzernumbau und das eigene Überleben zu finanzieren, sind das genau die Beispiele und Belege für einerseits überhöhte Monopolrenditen zu Lasten von Verbrauchern und Volkswirtschaft und andererseits für die unzulässige Quersubventionierung und Diskriminierung der Unternehmen, die nicht über Netze in dieser Größenordnung verfügen.

      Ich hoffe, Gero Lücking und ich konnten Ihnen mit dieser Antwort weiterhelfen.

      Viele Grüße
      Anke Blacha


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