MEINUNG & POSITION

Elektromobilität: Unerträgliche Polemik

Der SPIEGEL polemisiert gegen Elektroautos. Der Artikel „Blackout im Parkhaus“ ist eine Steilvorlage für die deutschen Autokonzerne, die noch immer mit der Elektromobilität hadern. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Die aktuelle SPIEGEL-Geschichte startet mit dem Beispiel eines Stuttgarter Automanagers. Er soll im Selbstversuch sein – wahrscheinlich von seinem Arbeitgeber aufoktroyiertes – E-Auto an seinen häuslichen Stromanschluss anschließen. Um Erfahrungen zu sammeln. Oder besser gesagt: Um die Unmöglichkeit des Vorhabens plastisch darzustellen.

Denn wer will schon gerne seine schön gepflasterte und frisch gekärcherte Garageneinfahrt für ein neues Stromkabel aufreißen? Ein Alptraum für jeden Häuslebesitzer, der es gewohnt ist, seinen 6-Zylinder einfach überall abstellen zu können. So muss dieser Versuch kläglich scheitern. Ganz im Sinne seines Arbeitgebers, der ja auch zukünftig Milliarden mit seinen Benzin- und Dieselautos Made in Germany verdienen will.

Gefährliche neue Welt - Spiegel-Artikel zeichnet düsters Bild der Elektromobilität, Foto: LichtBlick
Gefährliche neue Welt – Spiegel-Artikel zeichnet düsteres Bild der Elektromobilität, Foto: LichtBlick

Wer denkt sich so eine Polemik aus?

Beim Lesen des Artikels von SPIEGEL-Autor Christian Wüst beschleicht mich ein Verdacht: Könnte die Idee dafür in den PR-Abteilungen des Diesel-und Benzinkartells von VW, Audi, Porsche, BMW und Daimler entstanden sein? Eines steht auf jeden Fall fest: Soviel Unsachlichkeit und Polemik gegen die Elektromobilität findet man selten. Nutznießer einer solchen Kampagne gegen die Verkehrswende sind vor allem die Autokonzerne.

Und natürlich geht die Geschichte genauso polemisch weiter. Was im Kleinen nicht geht, scheint auch im großen Maßstab ein einziges Desaster zu werden. So äußert sich ein Mitarbeiter von Innogy, der sogenannten „Ökostromtochter“ von RWE, zu den Ergebnissen eines Testes in der kleinen Moselgemeinde Wincheringen.

Das Märchen vom finanziellen Alptraum für Elektromobilität

Allein um drei kleine Örtchen an der Mosel fit für die Elektromobilität zu machen, mussten acht Millionen Euro investiert werden, so der Innogy-Mitarbeiter. Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass das Verlegen neuer Kabel „auf dem Land etwa hundert Euro, in der Großstadt (aber) erheblich mehr kostet“. Ein finanzieller Alptraum bahnt sich an. Rechnet man das mal überschlägig hoch, drei Dörfchen an der Mosel für 8 Millionen Euro, Koblenz wahrscheinlich schon hunderte Millionen Euro, Bonn, Köln, Berlin, … Wahnsinn. Unbezahlbar.

Aber nicht nur das. Die Netze, die als „teilhistorische Infrastruktur“ bezeichnet werden muss – sie wurde nämlich verlegt „als der Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger hieß“ – muss also ausgetauscht werden. Durch den Ersatz der derzeitigen Kabel („so dünn wie Bleistiftminen“), würde „die Elektromobilität (zudem) zum größten Stauproduzenten aller Zeiten.“

Und dann auch noch mehr Staus durch E-Autos

Aha. Also nicht nur unbezahlbar, sondern auch noch mehr Staus und Behinderungen. Als hätten wir da nicht schon genug von. Wahnsinn, Finger weg davon! Der Schuldige für den Zusammenbruch des Verkehrs ist also schon ausgemacht: die Elektromobilität. Oder noch besser: die Tesla-Fahrer!

Schließlich: Wieso äußert sich mit „Andreas Breuer, Technologiechef des Essener Netzbetreibers Innogy“ eigentlich ein Mitarbeiter von Innogy zu Netzfragen? Die Netzgesellschaft von RWE heißt Westnetz und ist – weil das gesetzlich so vorgeschrieben ist – streng vom Stromvertrieb Innogy getrennt. Dem SPIEGEL ist es egal.

 

 


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3 Kommentare

  • Wolfgang Pfeifer sagt:

    Was tut man dagegen? Wie lässt sich prüfen ob tatsächlich eine Kampagne läuft? Und wenn ja, wie macht man das öffentlich und sorgt dafür, dass die aufhört? Spricht man Journalisten, die entsprechende Artikel veröffentlichen, darauf an, wird sofort unterstellt, man verstosse gegen die Regeln mit so einer Frage und ist der Teilnahme am demokratischen Diskurs nicht Wert. Zur Sache gibt es keine Einlassungen. Dabei ist der Grossteil der verwendeten Argumente einfach falsch. Hier ein neue Studie zur Ökobilanz. https://www.transportenvironment.org/publications/electric-vehicle-life-cycle-analysis-and-raw-material-availability


  • Gero Lücking sagt:

    Objektiv gibt es kein Problem. Aber es wird über Berichterstattung wie diese, zum Problem hoch stilisiert. Erstaunlicherweise – aber sich nicht zufällig – häufen sich übrigens Artikel mit diesem negativen Grundtenor ggü. der Elektromobilität gerade jetzt zu einer Zeit, in der die Sondierungsgespräche und Kolationsverhandlungen in Berlin stattfinden. Sicher kein Zufall.


  • Thomas Stampe sagt:

    Ich habe seit etwas mehr als einem Jahr einen C-Zero von Citroen. Mit dem Fahrzeug wurde ein etwa 10 m langes Ladekabel mit einem normalen Schukostecker für eine normale (mit 16A abgesicherte) Steckdose geliefert. Damit habe ich das Fahrzeug vom ersten Tag an, an der seit Jahren vorhandenen Steckdose in meiner Garage geladen. Erst Wochen später habe ich ein extra Kabel von der Verteilung zur Garage verlegt, damit ich mit einem Zwischenzähler den Verbrauch ermitteln kann. Kostenpunkt: Kabel 50m für 24€ Sicherung 16A 2€ Stromzähler ohne Eichung 35€(optional). Damit habe ich den Verbrauch des Elektroautos ermittelt: ca.4€ auf 100km bei eigenerzeugtem Solarstrom noch billiger! Da ich Fachmann im Sinne des VDE bin durfte ich die Steckdose auch selbst installieren und bin bereit, in meiner Stadt Marburg, jedem potentiellen E-Mobilisten meine Hilfe anzubieten. Aber WO IST DAS PROBLEM?


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