MEINUNG & POSITION

Die Ereignisse im Nahen Osten, der Energiemarkt und Desertec

Erneuerbare im Nahen Osten und Nordafrika, wie das Projekt Desertec: Foto: PantherMedia
Erneuerbare im Nahen Osten und Nordafrika, wie das Projekt Desertec: Foto: PantherMedia

Gespannt verfolgen wir die Nachrichtenlage in Tunesien, Ägypten und den Ländern des Nahen Ostens. Wir hoffen mit den Menschen, dass sich die Situationen schnell, friedlich und dauerhaft in Richtung demokratischer Strukturen verändern. Dabei kann man die Bilder der letzten Jahre, die zeigen, wie praktisch alle westlichen Staatschefs die Despoten hofiert und trügerische politische Stabilität höher als Menschenrechte, Rechts-staatlichkeit, Freiheit und Demokratie bewertet haben, nicht aus dem Gedächtnis verdrängen.

Europa ist abhängig vom Nahen Osten

Über diese politischen und menschlichen Aspekte kommt man schnell zu der strategischen Bedeutung der Region. Ein Aspekt sind dabei die Öl- und Erdgasvorkommen dieser Länder sowie der Suez-Kanal als wichtige Transportroute für Kohlelieferungen beispielsweise aus Australien. Um es kurz zu machen: Europa ist abhängig von der Region.

Und die Entwicklungen werfen auch noch ein ganz anderes Licht auf ein weiteres Megaprojekt des Westens: Desertec. Riesige Solarparks sollen entstehen, um Europa perspektivisch mit Sonnenstrom zu versorgen. Ziel ist es, bis zu 17 % des Strombedarfs Europas mit Sonnenstrom aus den Wüsten des Nahen Ostens bereitstellen zu können. Das Projektteam rund um desertec wird die politischen Risiken des Projektes aufgrund der aktuellen Entwicklungen sicher nochmals neu bewerten müssen. Man fragt sich, was ist schon gelaufen und hat man auch hier auf alte Strukturen gesetzt? Wie man über 20, 30 und mehr Jahre „akzeptable“ Stabilität sicherstellen will – ohne auf Stabilität um jeden Preis setzen zu müssen -, ist sicher auch für den Projekterfolg und die Akzeptanz eine entscheidende Frage.

Fragen an Desertec

Über diese Gedanken kommt man zurück auf die Kritik, die Hermann Scheer, inzwischen verstorbener SPD-Politiker, längjähriger Präsident von EUROSOLAR und Vordenker in Sachen Fotovoltaik und solare Energiewende an dem Projekt geübt hat: Er befürchtete, dass über den zentralistischen Ansatz des Wüstenprojekts neue (und unnötige) Abhängigkeiten von Regionen wie dem Nahen Osten geschaffen werden. Denn während mit der Dezentralisierung der heimischen Stromerzeugung überall regionale Wertschöpfung stattfindet, bleibt mit dem zentralen Ansatz des Desertec-Projekts die Marktmacht weiterhin in der Hand der großen Konzerne, die mitunter ein fragwürdiges Verständnis von Stabilität haben.


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2 Kommentare

  • Schinderhannes sagt:

    Das Loblied auf die westlichen Demokratien muß man nicht unbedingt singen, dazu ist „unsere“ Welt schon zu sehr von degenerativen und zivilisationsfeindlichen Kräften zersetzt. Trotzdem läßt es aufhorchen, wenn sich in den arabischen Ländern emanzipatorische Bewegungen durchsetzen. Man wünscht den Ländern Glück, aber Europa muß vergrößerte politische Freiheiten auch immer mit einem skeptischen Auge betrachten. Wenn sich radikale anit-europäische Kräfte durchsetzen, wird man den Kontakt zu diesen Ländern einschränken müssen.

    Wenn die arabische Welt in Zukunft Strom verkaufen will anstatt Erdöl, gibt es dagegen nichts einzuwenden. Es wäre allerdings erforderlich, daß sich diese neue Stromwirtschaft in diesen Ländern selbst entwickelt und nicht von US-amerikanischen Kapitalisten als Anlagemöglichkeit für ihre ergaunerten Milliarden „auf die Schiene gesetzt“ wird. Solche Projekte sind erfahrungsgemäß heikel und stehen selten in Harmonie zu den Völkern bei denen sie „aufgestellt“ werden. Daher sind sie besonders anfällig gegenüber politischen Krisen aller Art. Ich kenne die Konzeption von Desertec nicht, muß ich dazusagen, aber so wie das Projekt aus dem Boden gestampft werden soll, kann ich mir nichts davon versprechen. Nur wenn sich die Araber solche Anlagen selbst erarbeiten, werden sie auch die Verantwortung dafür übernehmen und einen verläßlichen Handelpartner darstellen.


  • DR. Hartmut Wilke sagt:

    Hallo,

    bei der Leistungsfähigket der Solar-Millennium- Kollektoren würde ich als Hersteller von Solarmodulen der herkömmlichen Art auch kalte Füße kriegen und dagegen reden.

    Die politischen Unsicherheiten sind ein schwaches Argument das mit der unbegründeten Angst spielt, man würde uns in Afrika den Stromschalter abdrehen. Oder ist uns jemals das Öl ausgegangen, obwohl wir es auch aus Krisengebieten beziehen? Lybien ist dazu der aktuelle Musterfall .
    Wenn es Nordafrika durch den Verkauf des Desertec- Stromes finanziell besser geht, das Volk davon partizipieren und in angemessenem Wohlstand leben kann, dann bleibt Lampedusa leer. Und wir haben Strom, billiger als zur Zeit!

    Für mich ist die Methode Desertec die Stromquelle der Zukunft. Und das hoffentlich recht bald!


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