MEINUNG & POSITION

Deutschlands schmutzige Kohle – der Fall Kolumbien

Interview mit Alejandro Alvarez. Er lebt in Deutschland, hat kolumbianische Wurzeln und beschäftigte sich u.a. während seines Studiums mit dem Thema Kohle. Wir wollten wissen warum…

„Deutschlands schmutzige Kohle“, das ist ja ein häufiges Thema in der öffentlichen Debatte. Seltener ist der Zusatz „der Fall Kolumbien“ – wie kommst du dazu?
Die Bezeichnung von Kohle als „schmutzig“ bezieht sich ja normalerweise auf die Tatsache, dass die Verfeuerung zur Energieerzeugung große CO2-Emmissionen verursacht. Das ist ein großes Problem, natürlich, aber nicht das einzige! Die durch den Kohleabbau ausgelösten Probleme machen die deutsche Kohleversorgung viel schmutziger: Denn in den Orten, in denen man die Kohle abbaut, gibt es Umweltzerstörung, Gesundheitsschäden und soziale Schwierigkeiten. Kolumbien war 2011 der wichtigste Lieferant von Steinkohle für Deutschland und für Kolumbien ist Deutschland ein sehr wichtiger Abnehmer – deshalb ist es ein sehr interessanter Fall.

„Kohle lohnt sich einfach nicht!“

Auch Deutschland importiert schmutzige Kohle aus Kolumbien, Foto: PantherMedia
Auch Deutschland importiert schmutzige Kohle aus Kolumbien, Foto: PantherMedia

Ist es dann nicht aber ein wichtiges Exportgut, was einen großen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung Kolumbiens und zum BIP beiträgt?
Ja, Kohle und Öl sind die wichtigsten Exportgüter Kolumbiens. Das heißt aber nicht, dass ihre Förderung dem Land auf Dauer unbedingt gut tut. Man braucht nur ein bisschen über die kurzfristigen wirtschaftlichen Vorteile hinaus zu schauen und merkt sofort, dass die Intensivierung der Kohleförderung in Kolumbien zu einer dunklen Zukunft führen wird. Das rapide Wirtschaftswachstum der letzten Jahre hat viel mit der Steuerbefreiung und ökonomischen Anreizen zu tun, um ausländische Investition ins Land zu holen. Der kolumbianische Kohlesektor wird von wenigen internationalen Konzernen kontrolliert und rund  95 Prozent der geförderten Kohle werden exportiert. Deutschland fördert keine Kohle in Kolumbien, kauft aber durch den privaten Sektor viel davon. Das Geld, welches dadurch nach Kolumbien kommt und zum BIP beiträgt, reicht allerdings keineswegs aus, um die verursachten umweltbezogenen und sozialen Probleme zu kompensieren. Es lohnt sich einfach nicht! Und dies passiert nicht nur in Ländern wie Kolumbien, sondern auch in Industrienationen mit höheren Umwelt- und Sozialstandards wie den USA. Laut einer Studie der New York Academy of Sciences (Full cost accounting for the life cycle of coal) würde in den USA die Miteinbeziehung der Kosten der Schäden bei der Kohleförderung zu einer Verdopplung oder sogar einer Verdreifachung des Preises beim Kohlestrom führen.

Wie kommst du zu diesen Einschätzungen?
Ich habe mich im Rahmen meiner Masterarbeit mit dem Thema der kolumbianischen Bergbauindustrie auseinandergesetzt. Ich habe in der Literatur und in der Presse recherchiert und ExpertInnen aus Kolumbien und Deutschland interviewt, weil ich die Probleme des Bergbaus sowie die Möglichkeiten zu ihrer Lösung durch die Kooperation mit Deutschland untersuchen wollte. Aufgrund der enormen Mengen an Steinkohle, welche Deutschland aus Kolumbien exportiert, war das Thema Kohle für mich zentral. Ich habe gemerkt, dass ein Sektor mit den Charakteristika, welche man im kolumbianischen Kohlefeld findet, kein sauberer Sektor sein kann. Und wer die Produkte aus so einem Sektor kauft, macht sich auch schmutzig.

Kolumbien kommt für die Folgekosten des Bergbaus auf

Was sind die schlimmsten Auswirkungen?
Ich habe schon die Steuerbefreiungen, die Übermacht von ausländischen Konzernen, die nicht berücksichtigten Externalitäten und die Exportabhängigkeit des Landes erwähnt. Es geht aber weiter: In Kolumbien weiß z. B. keiner, ob die fördernden Unternehmen die Kosten der Stilllegung der Minen übernehmen werden: Wenn die Kohleförderer nachdem sie alles abgebaut haben einfach weggehen, wird der kolumbianische Staat diese Kosten übernehmen müssen. Aber die wirtschaftlichen Probleme sind nur ein Teil der Problematik. Es geht auch um gravierende soziale und ökologische Belange. Die biologische Vielfalt wird beeinträchtigt, Luft und Boden verschmutzt, und die Qualität und Verfügbarkeit des Wassers sind ein zusätzliches Problem. Bezüglich sozialer Faktoren wird durch die Bevorzugung der bergbaulichen Aktivitäten die Landwirtschaft stark vernachlässigt und dadurch die Nahrungssicherheit bedroht. Aufgrund des internen bewaffneten Konflikts ist Kolumbien zudem das Land mit der größten Anzahl an Binnenflüchtlinge weltweit. Der Bergbau, einschließlich des Kohleabbaus, trägt zu diesem Problem bei: In vielen Fällen werden die BewohnerInnen eines Ortes nicht einmal gefragt, ob sie Kohleabbau in ihrem Wohnort wollen, bevor sie umgesiedelt werden. Nicht selten sind diese Umsiedlungen sogar illegal und werden mit Hilfe von Gewalt seitens bewaffneter Akteure durchgeführt. Die ethnischen Minderheiten und die Bauern können sich kaum beschweren, es wäre lebensgefährlich. In diesem Sinne sieht man, dass der Schmutz der Kohle für Deutschland zum Teil aus Blut besteht, wie Alexandra Endres in ihrem Artikel „Die Kohle ist blutbefleckt“ für ZEIT ONLINE im April gut geschildert hat.

Und global gesehen?
Global betrachtet schadet die Kohleverfeuerung dem Klima erheblich, das wissen wir alle! Das Problem ist, dass die Risiken des Klimawandels nicht ernst genommen werden. Es wird nicht gesehen, dass die Weiterverfeuerung von Kohle ein direkter Angriff auf die Menschen der zukünftigen Generationen ist. Man kann nicht mit Kohle spielen und das Gewissen sauber halten: Denn selbst wenn man die Kohle unter möglichst nachhaltigen Bedingungen abbauen könnte und dadurch die Probleme der Extraktion zum großen Teil vermeiden würde, wird die Verbrennung dieses Rohstoffes immer CO2-Emissionen verursachen und den Treibhauseffekt intensivieren.

Deutschland und wir Konsumenten sitzen am Schalthebel

Zu welchen Schlüssen kommst du und wo siehst du Handlungsbedarf?
Die Welt braucht keine Kohle, sie passt einfach nicht mehr in unsere Zeit! Wir haben erneuerbare Energien und damit die Möglichkeit, ein neues und sauberes Energiesystem zu etablieren. Die Frage ist nicht, ob ein Kohleausstieg gut wäre – die Frage ist, wann der Ausstieg stattfindet. Im Bezug auf die globale Verantwortung sollten Industrienationen wie Deutschland diese Entscheidung möglichst bald treffen. Es besteht großer Handlungsbedarf, denn je länger Kohle verbrannt wird, desto stärker sind die Schäden für das Klima mit globalen Auswirkungen. Hochrelevant ist auch, dass die Industrieländer ihre Verantwortung gegenüber den weniger entwickelten Ländern übernehmen und ihnen bei der Lösung ihrer Probleme helfen, u. a. indem sie den Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung nicht behindern, sondern vielmehr erleichtern.

Und wie schätzt du den Erfolg dieser Maßnahmen ein?
Viele Akteure profitieren noch heute von Kohle und wollen keinen Kohleausstieg, das ist klar. Das war aber bei Atomkraft auch so, trotzdem wurde jetzt das Ziel des Ausstiegs erreicht. Hoffentlich muss nicht etwas wie Fukushima passieren, damit eine Entscheidung getroffen wird. Hier muss die Zivilgesellschaft noch aktiver werden und den Kohleverbrauch ablehnen – es ist nicht einfach, aber man kann durch das eigene Konsumverhalten viel beeinflussen. Ein zweiter wichtiger Punkt ist die Etablierung eines rechtverbindlichen Rahmens in der Rohstoffwirtschaft. Initiativen hinsichtlich Transparenz im Rohstoffbereich, wie etwa das Dodd-Frank Act in den USA oder die Transparenzrichtlinien der EU, sind wichtige Beiträge zu einem gerechten Umgang beim Handel.

Was liegt dir persönlich am Herzen bei der ganzen Sache?
Beim Thema Kohle liegen mir insbesondere zwei Sachen am Herzen. Einerseits, dass die Gleichgültigkeit bezüglich des Klimawandels immer noch so stark verbreitet ist. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen die vorhandenen Möglichkeiten nutzen, um die Energiewende zu unterstützen und damit einen Schritt Richtung einer möglichst umweltfreundlichen bzw. nachhaltigen Gesellschaft gehen. Andererseits denke ich sehr häufig an die Bauern in Kolumbien, die unter schrecklichen Bedingungen leben müssen und deren Rechte ständig, schwer verletzt werden, weil die Interessen von kleinen aber mächtigen elitären Kreisen in Vordergrund treten. Dies finde ich empörend. Und ich bin nicht der einzige Kolumbianer in Deutschland, der sich so fühlt. Vor einigen Wochen hat eine Gruppe von KolumbianerInnen in Hamburg einen Brief für die kolumbianischen Bauern geschrieben, in dem wir ihnen sagen, dass wir sie unterstützten, selbst wenn wir weit entfernt sind. Jeder kann sich an diese solidarische Botschaft anschließen.

Das Interview führte Laura Welle, in der Unternehmenskommunikation bei LichtBlick


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