MEINUNG & POSITION

„Der Anti-Atom-Protest schwillt an“

Jochen Stay - seit 30 Jahren für den Anti-Atomprotest, Foto: Bündnis ausgestrahlt
Jochen Stay – seit 30 Jahren für den Anti-Atomprotest, Foto: Bündnis ausgestrahlt

Jochen Stay verbringt sein Leben seit dreißig Jahren mit dem Anti-Atom-Protest. Seit einigen Jahren organisiert er den Widerstand nun in der Anti-Atom-Organisation ausgestrahlt. ausgestrahlt hat Anfang 2011 die Kampagne „Tschüss Vattenfall“ gestartet, die wir als Unternehmen unterstützen.

Im Anschluss an ein gemeinsames Kampagnentreffen, habe ich dieses Gespräch mit dem Anti-Atom-Protestler führen können.

Die Laufzeitverlängerung bremst den Ausbau erneuerbarer Energien

Im Herbst 2010 hat sich die Bundesregierung für eine Laufzeitverlängerung  entschieden. Mit welchen Auswirkungen?

Die Laufzeitverlängerung stellt und wird in Zukunft verstärkt eine Bremse der erneuerbaren Energien darstellen. Viele Stadtwerke, die Investitionen im Bereich Ökoenergien geplant hatten, haben bereits verlauten lassen, dass sich diese nach dem Beschluss nicht mehr rechnen würden. Außerdem nehmen natürlich die Unfallgefahren der Atomkraft  um jeden Tag zu, den die AKW weiterlaufen. Darüber hinaus wachsen die Atommüllberge weiterhin ins Unermessliche – und das ohne, dass das Endlagerproblem gelöst wäre.

Ermutigend ist aber andererseits, dass sich seit der Verabschiedung der Laufzeitverlängerung etwas in der Gesellschaft bewegt. Man merkt deutlich, die Menschen akzeptieren die Entscheidung, die da gegen ihren Willen getroffen wurde nicht und wehren sich.

„Mein Platz wäre definitiv vor dem Kanzleramt gewesen“

Ende 2010 hat Angela Merkel zum Energiegipfel ins Kanzleramt eingeladen. Wärst du dabei gewesen, was wären deine Forderungen für eine nachhaltige Energieversorgung gewesen?

(Jochen Stay lacht)

Wäre ich eingeladen gewesen, wäre ich sicherlich nicht hingegangen. Denn am runden Tisch zwischen RWE, EnBW, E.ON und Vattenfall wäre ich wohl nur das Feigenblatt der Veranstaltung gewesen. Schließlich ging es bei dem Treffen allein um ökonomische Interessen der Konzerne und nicht gesellschaftliche oder klimapolitische Fragen. Nein, mein Platz wäre definitiv vor dem Kanzleramt gewesen, da hätte ich sicherlich auch mehr bewirken können.

 Was können Bürger tun, um sich gegen eine Laufzeitverlängerung und für die Energiewende einzusetzen?

Es gibt ganz unterschiedliche Aktivitäten, um gegen die Atomenergie zu protestieren. Wichtig ist sicherlich, eine Aktionsform zu wählen, die zu einem passt. Der erste möchte auf die Straße gehen, der Zweite lieber eine Petition unterschreiben der Dritte Aufklärungsarbeit im Freundeskreis leisten.

So findet am 12. März unter dem Motto „Atomausstieg in die Hand nehmen“ eine große Menschenkette durch Baden-Württemberg statt. Die Aktion findet Mitte März statt, da nur zwei Wochen später in Baden-Württemberg Landtagswahlen sind. Und sie findet in Baden-Württemberg statt, da hier nicht nur vier AKWs, sondern mit Neckarwestheim 1 auch einer der ältesten und gefährlichsten Atommeiler steht. Die Landesregierung wird übrigens als oberste Atombehörde im Bundesland und als Miteigentümerin des Betreiberkonzerns EnBW direkt über deren Weiterbetrieb entscheiden.

Der nächste sehr wichtige Termin ist der 25. April, der 25. Jahrestag von Tschernobyl. An diesem Tag planen wir zahlreiche Protestaktionen vor AKWs in ganz Deutschland. Auch hier ist jeder herzlich willkommen, der der Atomkraft die rote Karte zeigen möchte. Außerdem finden in vielen deutschen Städten regelmäßig Montagsdemonstrationen und -spaziergänge sowie kleinere Aktionen statt. Aber auch in anderen Zusammenhängen ist es möglich im wahrsten Sinne des Wortes Flagge zu zeigen. Mit der altbewährten Anti-Atomkraft-Sonne auf Plakaten, Aufklebern, als Cappuccino-Schablone, als Frisbee etc. kann jede und jeder in seinem Umfeld ein Zeichen setzen gegen Atomkraft. Diese bietet zum Beispiel der Onlineshop auf www.ausgestrahlt.de an.

„Es steht nirgendwo ein Schild, das besagt: an dieser Stelle wurde ein AKW verhindert“

Was hat Jochen Stay zu einem Anti-AKW-Aktivisten werden lassen?

Oje, das weiß ich gar nicht mehr so genau. Das ist schon lange her – sicherlich 30 Jahre. Angefangen hat mein Engagement in der evangelischen Jugend in Mannheim. Zuerst habe ich mich für die Friedensbewegung eingesetzt und vom Protest gegen Atomwaffen landete ich dann sehr schnell auch beim Thema Atomkraft. Insbesondere der Widerstand gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf hat mich damals sehr mobilisiert. Seitdem kamen leider regelmäßig neue Anlässe für Protest – Atomtransporte, Tschernobyl und nun kürzlich die Laufzeitverlängerung. Einige AKW-Bauten konnten durch unseren Protest verhindert werden. Jedes einzelne war ein unglaublicher Antrieb für weitere Aktionen. Leider ist dieser Erfolg nicht sichtbar, schließlich steht nirgendwo ein Schild, das besagt: an dieser Stelle wurde ein AKW verhindert.

Wo für was und mit wem engagierst du dich?

Ich bin seit 2005 bei der Anti-Atom-Organisation ausgestrahlt aktiv. Ausgestrahlt ist eine Organisation neueren Typs. Wo auch die sich wohl- und aufgehoben fühlen, die nicht jede Woche an einem Treffen teilnehmen können. Das individuelle Engagement findet hier mehr Berücksichtigung als in anderen Organisationen.

Welche Bedeutung hat das Web 2.0 für das Anti-AKW-Engagement und für dich speziell?

Meiner Meinung nach ist das Web 2.0 ein weiterer Kommunikationskanal – nicht mehr und nicht weniger. Es hat klare Vorteile: Informationen können schneller weitergeleitet werden, der Versand ist kostengünstiger und es gibt die Möglichkeit des Feedbacks. Aber es ist häufig auch unverbindlicher und oberflächlicher. So halte ich zum Beispiel Emailaktionen für nur begrenzt wirksam. Ich ziehe die Protestaktion vor Ort immer noch vor!

Die Anti-Atom-Kampagne „Tschüss Vattenfall“

Was ist das Ziel der Kampagne „Tschüss Vattenfall“ , die LichtBlick mit unterstützt?

Das klare Ziel der Kampagne ist die Wiederinbetriebnahme von Krümmel zu verhindern. Wir möchten so viele Hamburgerinnen und Hamburger wie möglich mobilisieren, endlich ihren Vertrag mit Vattenfall zu kündigen und zu einem unabhängigen Ökostromanbieter zu wechseln. Denn das Unternehmen muss zu spüren bekommen, dass der Betrieb des pannenanfälligen Kraftwerks in Hamburg nicht erwünscht ist. Übrigens, seit dreieinhalb Jahren steht Krümmel schon still und der Strom wurde nicht vermisst. Mit Anzeigen, Großplakaten, mit Wechselboxen in Hamburger Läden und einem Kinospot rufen wir Haushalte und Betriebe in Hamburg dazu auf, ihren Stromvertrag mit Vattenfall zu kündigen und so den Druck auf das Unternehmen zu erhöhen.

Wie können unsere Leser sich an der Kampagne beteiligen?  

Auch hier gilt wieder: Jeder kann auch mit dem kleinsten Beitrag die Aktion unterstützen. Uns helfen Mitstreiter, die die Werbetrommel für die Kampagne rühren. Personen in der Schule der Kinder, bei der Arbeit oder im Verein über die Aktion informieren und zum Mitmachen motivieren. Informationsmaterial – Flyer, Plakate und auch die Läden in denen wir Wechselboxen aufgestellt haben – finden Interessenten auf der Internetseite www.tschuess-vattenfall.de .

Jochen Stay, wir danken für das Gespräch!


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1 Kommentar

  • Michael Hartmann sagt:

    Ich kann’s irgendwie nicht glauben, dass in einer Stadt, wo ein umstrittenes Atomkraftwerk steht, es immer noch Kunden dieses Vereins gibt die durch ihren Nicht-Wechsel scheinbar dafür sind dass dies wieder in Betrieb genommen wird. Sind wohl von der Sorte „AOL-Benutzer“ – „Stromanbieter wechseln? – Nee, das ist mir zu kompliziert, selbst wenn ich in 10 Jahren verstrahlt werde“.


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