MEINUNG & POSITION

Brillante Analyse: „Die neun Gemeinplätze des Atomfreunds“

Die neun Gemeinplätze des Atomfreunds, Foto: PublicDomainPicture Pixabay, nafets
Die neun Gemeinplätze des Atomfreunds, Foto: PublicDomainPicture Pixabay, nafets

Zugegeben: ich lese die Frankfurter Allgemeine Zeitung nur sehr selten. Aber der Beitrag des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher, den ich gerade von einem Kollegen bekommen habe, ist so bemerkenswert, dass ich wohl wieder häufiger zu dieser Zeitung greifen sollte.

Gemeinplätze des Atomfreunds

Zum ersten ist festzuhalten, dass „Die neun Gemeinplätze des Atomfreunds“ eine außerordentlich brillante Demaskierung der Rhetorik aller Atomkraftbefürworter ist. Dazu kommt, dass Schirrmacher ein sprachlich höchst prägnantes, geradezu exzellentes Stück gelungen ist, das einen echten Lesegenuss bietet. Und schließlich: Die FAZ steht nicht im Verdacht, der links-ökologischen Kampfpresse zuzugehören. Insofern ist der Beitrag ein wichtiges Dokument, wie umfassend die Ablehnung der Kernenergie mittlerweile in unserer Gesellschaft verankert ist. Ich verspreche Ihnen: „Die neun Gemeinplätze des Atomfreunds“ sind wirklich lesenswert.

Ein Beitrag von Dr. Christian Friege, Vorstandsvorsitzender bei LichtBlick


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4 Kommentare

  • Michael Beyer sagt:

    Ich habe mir den Artikel ebenfalls sehr aufmerksam durchgelesen und fand ihn recht beeindruckend. Außerdem las ich viele Kommentare von weiteren Lesern was mich ebenfalls sehr beeindruckte. Hier zeigt sich wohl leider, dass die Arbeit der Atomlobyisten immer noch viele Früchte tragen. Viele Menschen sind wohl immer noch der Meinung, dass eine Grundversorgung ohne Atomkraft nicht möglich sei.

    Ich wohne in der Nähe des Schwarzwaldes und weiß dass wir große Probleme haben diesen Walt nachhaltig sinnvoll zu bewirtschaften. Das Geld für die Waldarbeiter und die Maschinen fehlt. Weiterhin verkaufen wir viel Holz aus unserer Gegend nach Frankreich, England usw. weil die Deutschen diesen Preis nicht bezahlen wollen. Würde man nun in unserer Gegend Biomassekraftwerke (die es sich leisten könnten) aufstellen und das Holz, dass nicht mehr verwendet werden kann in Biomassekraftwerken verfeuern um Strom und Wärme in Form von Kraft-Wärme-Kopplung erzeugen könnten wir in vielen Gebieten die Grundversorgung gewährleisten und sogar Kommunen und Gemeinden finanziell entlasten, da diese dann die Aufforstungsarbeiten nicht mehr selbst machen müssten. Wenn man im Gegenzug im Osten Deutschlands die Windparks nutzt und Speicherkapazitäten baut (und zwar für jeden Windpark selbst) könnte man in Verbindung mit Gaskraftwerken (auch z.B. das ZuhauseKraftwerk) ebenfalls eine Grundversorgung gewährleisten. Ja sogar Spitzenlastzeiten abdecken, von denen jeder so gerne spricht.

    Leider haben wir immer drei Faktoren die gegen solche innovativen Projekte sprechen. Zum einen die großen Stromkonzerne, die ja abhängig sind von ihren Atom- und Kohlekraftwerken. Hier hat natürlich keiner Interesse an neuen Anlagen, da die alten Anlagen ja bereits bezahlt sind. Genauso wenig hat man Interesse an einer dezentralen Energieversorgung, denn somit würde man ja die Macht außer Hand geben und zwar in die Hände der Bürger. Diese könnten z.B. ganze Siedlungen über Blockheizkraftwerke (sei es mit Gas oder Biomasse) selbst versorgen. Natürlich würde hier kein Versorger viel verdienen, was aber schlecht wäre. Der zweite Faktor heißt Politik. In keinem anderen Bereich wird so viel „nachgeredet“ wie hier. Die führenden „Berater und Experten“ kommen oftmals aus den großen Energiekonzernen selbst und erklären immer und immer wieder dass es nicht geht, es würde nicht funktionieren. Bezahlen sogar Gutachten und Gutachter die immer wieder dasselbe schreiben. Zeigen Sie mir einen einzigen Menschen der nicht bestechlich ist: Es kommt nur auf den Betrag drauf an. Und wenn es um mehrere Milliarden Euro geht, die vielleicht weniger verdient werden könnten leistet man sich glaube ich schon eine hohe Grenze. Der dritte Faktor ist leider der Bürger selbst. Wieso sind so viele Menschen gegen den Bau von Windkraftanlagen? „es verschandle die Umwelt, es wäre zu laut usw….“ Nun fragen wir diese Menschen doch mal: „Wäre Ihnen ein Atomkraftwerk vor der Haustür lieber?“ Wieso sind so viele Menschen gegen den Bau von neuen Stromnetzen, die aber für den Transport von umweltfreundlichen Strom sinnvoll sind?

    Liebe Bürger, Ihr seid das Volk! Ihr wählt die Regierung, Ihr müsst nicht alles glauben was man Euch erzählt. Ihr könnt selbst eigene Konzepte in Angriff nehmen. Bezieht Ökostrom, holt Euch umweltfreundliche Energien für Eure Wärmeversorgung ins Haus. Wer hindert Euch daran? Ihr lieben Stromkonzerne: Wenn Ihr das Geld was Ihr verwendet um an alten Technologien festzuhalten, in den Ausbau von erneuerbaren Energien stecken würdet hättet Ihr in 20 Jahren schon weit mehr als das Doppelte verdient.

    Liebe Grüße,

    Michael Beyer


  • Christian Friege sagt:

    Hallo Frau Sperlich und hallo Schinderhannes,

    ich kenne niemanden, der ernsthaft den sofortigen und vollstaendigen Ausstieg aus der Atomkraft fordert. Und der waere auch nicht sinnvoll.

    Aber: Jeder Meiler weniger ist ein Gefahrenherd weniger. Und die Erfahrung von Fukushima heisst eben: Es gibt das Restrisiko, es ist ein reales Risiko und es fuehrt zu unuebersehbaren Folgen – auch fuer Japan sind diese immer noch unabsehbar. Insofern gilt: Jetzt abschalten, soviel geht.

    Und das ist dann auch der echte Einstieg in eine nachhaltige, sichere und zukunftsfaehige Versorgung, die eben nicht zu untragbar hohen zusaetzlichen Kosten fuer die Verbraucher fuehren wird. Aus den restlichen Anlagen koennen wir dann wie vor zehn Jahren einvernehmlich beschlossen aussteigen, also bis 2017 oder 2020.

    Bestens,

    Christian Friege


  • Schinderhannes sagt:

    Polemik und Gegenpolemik sollten nicht darüber hinwegtäuschen, daß es tatsächlich einige Dinge zu bedenken gibt. Das geht auch an die Adresse der euphorischen Anti-Atomkraft-Bewegung.

    Nach meiner Einschätzung spricht nichts wirklich Überzeugendes für einen Übereilten Ausstieg Deutschlands aus der Atomkraft. Ich gehe dabei davon aus, das AKWs eine für den zivilen Einsatz nicht zu verantwortende Technologie ist. Trotzdem gilt:

    – wir befinden uns de facto in der aktiven Nutzung dieser Atomkraft und müssen die Konsequenzen eines Verzichts auf 25% unserer Stromversorgung bedenken

    – 1. Grundfrage: Ist diese Technologie in einem Maße gefährlich, daß es die sofortige Abschaltung erzwingen würde, ohne Ansehung möglicher Konsequenzen?

    – 2. Grundfrage: Welche tatsächlichen Sicherheitsgewinne hätte die (sofortige) Abschaltung der AKWs?

    – 3. Grundfrage: Läßt sich das Abschaltungsszenario in seiner zeitlichen Abfolge hinsichtlich positiver und negativer Konsequenzen optimieren?

    Frage 1 ist vermutlich der Gegenstand einer etwas überhitzten Gemütslage in unserem Land. Die Beantwortung ist sicher auch von persönlichen Neigungen und Wertungen abhängig. Nach Implementierung verschärfter Sicherheitsauflagen würde ich diese Frage mit einem klaren „Nein“ beantworten. AKWs in besonderen Gefährdungslagen sollten aber vom Netz.

    Die Antworten zu Frage 2 sind sehr interessant! Es zeigt sich nämlich, daß
    a) die Gefährdung von Bevölkerung und Wirtschaft in der BRD durch eine Abschaltung der deutschen AKW nicht deutlich abnimmt, da in unmittelbarer europäischer Nachbarschaft weiterhin AKWs betrieben werden und ihr Gefährdungspotential auch nach Deutschland übergreift, und
    b) auch abgeschaltete AKWs ein hohes Maß an Gefährlichkeit über viele Jahre hinweg behalten. Also, „vom Netz“ heißt nicht „außer Gefahr“. (So gesehen sind die Moratoriums-Abschaltungen ein reiner Werbegag, wenngleich auch politisch und psychologisch wichtig.)

    Wenn Sie nun Frage 1 und Frage 2 vergleichen und erzielbare Erfolge und mögliche negative Konsequenzen gegeneinander abwägen, werden Sie vielleicht Frage 3 etwas gelassener angehen.

    Zum gegenwärtigen Stand der Debatte vertrete ich folgende Schlußfolgerungen:

    – ein sofortiges Abschalten der AKWs ist nicht erforderlich bzw. bringt keine deutlichen Vorteile (Einzelfälle ausgenommen)

    – der politische Widerstand der großen Stromkonzerne gegen den Ausbau alternativer Energien und regionaler Versorgungsprojekte muß an dieser Stelle nachhaltig gebrochen werden (wenn es sein muß mit Verstaatlichung von Übertragungsnetzen)

    – politscher Verzicht der Bundesregierung auf die Förderung von Großtechnologie zugunsten kleinräumiger Selbstversorgung, die sich einer Vielzahl möglicher Energiequellen bedienen kann. (Es gibt schon zu denken, daß Gemeinden und Städte, die sich die 80%ige Selbstversorgung ernsthaft vorgenommen haben, es auch irgendwie geschafft haben.)

    – die Abschaltung von AKWs muß so gestaltet werden, daß negative Konsequenzen witrschaftlicher und finanzieller Art minimiert werden. Dafür sollte eigentlich Zeit sein und ich halte gar nichts von blindem Eifer. Es ist nicht einzusehen, warum ein Hart-IV Empfänger mit 100 Euro mehr p.a. (die er wahrscheinmlich niemals ersetzt bekommt) die ideologische Befriedigung grüner Spitzenfunktionäre bezahlen soll. – Da gilt es dann einmal mehr zu sagen: der Souverän ist das Volk, und auf das Volk ist zu achten! Dies gilt auch für die Gruppe Tritin, Roth & Künast.


  • Claudia Sperlich sagt:

    Dank für den Link – das sind wundervoll klare Worte.
    Nachdem gerade meine geistige Gesundheit öffentlich angezweifelt wurde, weil ich gegen Atomkraft bin, freut mich dieser Hinweis besonders.

    Ein wenig Off-topic: Mich interessiert, ob ein sofortiger Totalausstieg aus der Atomwirtschaft in Deutschland überhaupt möglich ist, ohne lebensgefährliche Einbußen zu erleiden – und wie viel Stromverzicht mit welchen unmittelbaren Folgen im günstigsten Fall notwendig wäre.


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