MEINUNG & POSITION

Bangemachen gilt nicht!

Dunkle Wolken am Energiewende-Himmel - doch Bangemachen gilt nicht, Foto: PublicDomainPicture_Pixabay
Dunkle Wolken am Energiewende-Himmel – doch Bangemachen gilt nicht, Foto: PublicDomainPicture_Pixabay

Ein Panorama wohlfeiler Argumente gegen die Energiewende spannt heute das Handelsblatt als Titelgeschichte auf (Wer bezahlt den Atomausstieg?) Da wird auf einer Doppelseite in einem Dutzend Leserbriefe viel Richtiges und weniger Richtiges angeführt. Vor allem aber analysiert die Redaktion auf einer weiteren Doppelseite, wen die Kosten der Energiewende treffen: Aktionäre der Energiekonzerne, Stromkunden und Steuerzahler. Die Zusammenstellung der Argumente bleibt allerdings sehr lückenhaft und gerät dadurch zum Versuch, aus finanzieller Vernunft heraus Stellung gegen den Atomausstieg zu beziehen.

Bangemachen gilt nicht

Ich meine allerdings: Bangemachen gilt nicht!

Bei aller – dem sehr ambitionierten Zeitplan geschuldeten – Unvollständigkeit von Analysen und Einsichten gelten eben auch diese Argumente:

Aktienkurse

1. Natürlich sind die Aktienkurse der großen börsennotierten Energiekonzerne in den letzten Monaten stark gefallen. Das kann man versuchsweise mit der neuerlichen Energiewende der Bundesregierung begründen. Und dann – wie heute im Handelsblatt – einen Aktionärsvertreter mit der Forderung nach Entschädigungen für die Aktionäre zu Wort kommen lassen. Aber dieses Argument trägt eben nur auf den ersten Blick, denn die Kurse von RWE und eon sind schon lange vor der Fukushimakrise deutlich rückläufig gewesen. Richtiger wäre wohl zu fragen, ob möglicherweise zu lange die Zeichen der Zeit und des Klimaschutzes nicht erkannt wurden. Jetzt Entschädigungen von der Allgemeinheit einzufordern, dazu gehört schon gehörige Chuzpe.

Kosten

2. Das Handelsblatt schreibt, der Atomausstieg sei zwar nun beschlossen, doch der härteste Kampf stehe noch aus: der um die Verteilung der Kosten. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung kalkuliere mit 200 Milliarden Euro für Investitionen. Die notwendigen Investitionen in die Energiewende sind enorm, das ist richtig. Aber es wird allenthalben so getan, als ob diese Investitionen nun allesamt zusätzlich zu den bereits bestehenden anfielen. Dem ist aber nicht so. Richtig ist, dass für die Jahre 2011-2015 die vier großen Energiekonzerne zusammen knapp 74 Mrd an Investitionen geplant haben. Und auch Stadtwerke, Übertragungsnetzbetreiber und unabhängige Energieversorger investieren jedes Jahr in neue Kraftwerke und den Netzausbau. Allein in die Instandsetzung der beiden  problematischen Reaktoren Brunsbüttel und Krümmel hat Vattenfall seit 2007 700 Millionen Euro investiert. Solche Mittel und viele der für die kommenden Jahre geplanten Investitionen werden auf das neue Ziel einer atom- und (dann hoffentlich bald auch) kohlefreien Stromerzeugung umgelenkt werden können und fallen eben nicht in jedem Fall zusätzlich an.

Vergütung

3. Es wird regelmäßig die Höhe der Photovoltaik-Vergütung im EEG kritisiert. Rückblickend möglicherweise sogar zu Recht. Aber es wird eben nicht erwähnt, dass gerade der Photovoltaik-Strom in den letzten Wochen die Mindererzeugung aus der Abschaltung der sieben Altmeiler (+ Krümmel) mit abgefedert hat (womit auch unsere alte These des „Entweder/Oder“ zwischen Atom und Kohle einerseits und Erneuerbaren andererseits bestätigt wäre). Und es wird eben auch nicht gern erwähnt, dass wahrscheinlich bereits im nächsten Jahr die sogenannte „Netzparität“ von Solarstrom erreicht werden wird, bei der der Eigenverbrauch des Solarstroms günstiger ist als die Einspeisung in das Netz und der Fremdbezug. Das wird bei einer weiteren Kürzung der Förderung zu einem deutlichen Ausbau von Photovoltaik führen.

Steuerlast

4. Es wird die Last für den Steuerzahler beklagt. Doch der sollte eigentlich langfristig profitieren. Durch die „schöpferische Zerstörung“, die nach dem großen Ökonomen Joseph Schumpeter Antrieb unserer Wirtschaft ist, organisiert sich unsere Gesellschaft gerade eine neue Technologierevolution, bei der wir weltweit eine Spitzenstellung einnehmen können. Schon heute arbeiten mehr Menschen in Deutschland in den Erneuerbaren Energien als in der Atom- und Kohleindustrie, schon heute ist die klimaschonende Umwelttechnologie ein Exportschlager.

Verantwortung

5. Bei der Diskussion um Kosten des Ausstiegs aus dem Ausstieg sollten vielleicht die Motive für diese Entscheidung immer im Fokus bleiben: Wir werden die Kernenergie nicht so vollständig beherrschen können, wie es die Verantwortung unseren Nachbarn und Kindern gegenüber erfordert und wir müssen den Kampf gegen die Erderwärmung kämpfen. Aus beiden Gründen ist der Ausstieg aus der Atomkraft alternativlos. Wie gesagt: Bangemachen gilt nicht.

Ein Beitrag von Dr. Christian Friege, Vorstandsvorsitzender bei LichtBlick


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1 Kommentar

  • Michael Hartmann sagt:

    Hallo Herr Friege,
    sind die Aktien eigentlich an Atomstrom gebunen? Ich denke doch eher an den wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen, oder?

    Wenn sich nun die 4 Großen, oder auch ohne eon weil die immer am klagen sind, für einen ordentlichen Netzausbau entscheiden und eigene Kraftwerke mit erneuerbaren Energien bauen, dürfte das doch spätestens jetzt ziemlich zukunftssicher klingen und sollte die Aktien eigentlich steigen lassen, wenn die Konzerne denn richtig handeln.


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