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Atomkraft strahlt nicht mehr

Atomkraft ist weltweit ein Auslaufmodell: zu teuer, zu aufwendig, zu riskant. Das zeigt ein neuer Report zur Situation der Branche. Der nukleare Anteil am Strommix sinkt und es wird kaum mehr neu gebaut. Allerdings steigt das Durchschnittsalter der Reaktoren weltweit – und damit auch das Risiko für Störfälle. Ein Beitrag von Joachim Wille.

In Deutschland und zum Glück in vielen Ländern auch: AKWs sind Auslaufmodelle, Foto PantherMedia
In Deutschland und zum Glück in vielen Ländern auch: AKWs sind Auslaufmodelle, Foto PantherMedia

AKW-Zubau sinkt

Die Atomkraft ist nicht nur in Deutschland und anderen europäischen Ländern ein Auslaufmodell, sondern weltweit. So ist der Anteil der AKW am globalen Strommix vom Höchststand von 17,6 Prozent im Jahr 1996 auf nur noch 10,8 Prozent anno 2014 gefallen. Der Zubau von Reaktoren sank gegenüber früheren Jahrzehnten deutlich, und neue Anlagen werden kaum mehr in Angriff genommen. Der Grund dafür sind Kostenexplosionen und jahrelange Verzögerungen bei den bereits im Bau befindlichen Reaktoren. Das zeigt ein neuer Report zur Situation der Atombranche, der jetzt in London vorgestellt wurde.

Noch 391 weltweit am Netz

Der Nuclear Status report liefert Einblicke in den aktuellen Stand der Atomenergie, Cover: Noëlle Papay
Der Nuclear Status report liefert Einblicke in den aktuellen Stand der Atomenergie, Cover: Noëlle Papay

Die Zahl der weltweit betriebenen Atomkraftwerke ist rückläufig. Laut dem „World Nuclear Industry Status Report 2015″ war das Maximum 2002 mit 438 Reaktoren erreicht. Derzeit sind noch 391 am Netz. Den größten Einschnitt brachte der Super-Gau von Fukushima 2011, in dessen Folge Japan sämtliche AKW stillgelegt hat.

Unklar ist allerdings, wie viele der rund 50 noch intakten japanischen Reaktoren in dem Land wieder anlaufen werden. Die Regierung in Tokio betreibt den Wiedereinstieg, allerdings ist die Bevölkerung mehrheitlich dagegen und es gibt starke Widerstände bei den lokalen Behörden, die einem Neustart von Reaktoren zustimmen müssen. Die Internationale Atombehörde IAEA führt die japanischen Anlagen weiter als „in Betrieb“ und kommt so auf weltweit 437 Reaktoren.

Tatsächlich wird damit gerechnet, dass mindestens ein Drittel der japanischen AKW den Betrieb wieder aufnehmen könnte. Der globale Höchststand von 2002 würde dadurch aber nicht wieder erreicht.

54 Atomkraftwerke sind älter als 40 Jahre

Das Durchschnittsalter der Reaktoren weltweit – und damit die Störanfälligkeit – steigt derweil und liegt laut dem Report inzwischen bei knapp 29 Jahren. Mehr als die Hälfte der AKW laufen länger als 30 Jahre, 54 sind sogar älter als 40 Jahre. Der Grund für die Alterung: Die Neubautätigkeit ist stark zurückgegangen.

In den 1980er Jahren, der Hochzeit der Atomkraft, gingen pro Jahr teils über 30 Reaktoren neu in Betrieb, inzwischen sind die Zugänge nur noch einstellig. Weltweit werden laut der offiziellen Statistik derzeit 62 Reaktoren neu gebaut, vor allem in China, Russland, Indien und Südkorea.

Einige AKWs seit über 30 Jahren im Bau

Drei Viertel davon verzeichnen allerdings zum Teil gravierende Bauzeit-Überschreitungen, darunter auch die beiden europäischen Neubau-Projekte in Finnland und in Frankreich, deren Baukosten zudem von geplanten drei auf rund acht Milliarden Euro anwuchsen. Fünf der als „im Bau“ eingestuften Projekte stehen laut dem Report sogar schon seit über 30 Jahren in dieser Rubrik.

Erneuerbare schlagen die Atomenergie, Foto: PantherMedia
Erneuerbare schlagen die Atomenergie, Foto: PantherMedia

Kosten sprechen für Erneuerbare

Die Autoren des Reports rechnen damit, dass die Öko-Energien die Atomkraft als CO2-freie Technologie ablösen werden – aus Kostengründen. Diese Tendenz zeichnet sich bereits ab: Seit 1997, als das Kyoto-Protokoll beschlossen wurde, stieg die jährliche Stromerzeugung aus AKW laut dem Bericht um 147 Terawattstunden, die aus Windkraft und Solarenergie aber fast sechsmal so stark, um rund 880 Terawattstunden. Während die Baukosten neuer AKW explodierten, werde der Ökostrom immer billiger.

Realitäts-Check gefordert

Der renommierte Nuklearexperte und Hauptautor des Reports, Mycle Schneider, forderte angesichts dieser Entwicklungen einen „Realitäts-Check“ der Politik besonders in Ländern wie Großbritannien, die trotz alledem eine nukleare Renaissance propagieren. Schneider warnte davor, AKW-Neubauten – wie beim britischen Projekt Hinkley Point C – mit hohen öffentlichen Subventionen durchzudrücken. Die von der Londoner Regierung geplante Förderung des Projekts wird über die 35 Jahre Laufzeit auf mindestens 108 Milliarden Euro geschätzt. Um das Weltklima zu schützen, seien die Investitionen in die Atomkraft nicht effektiv angelegt, so Schneider. Der Bau der AKW dauere zu lange und sei viel zu teuer.

Der Beitrag wurde uns mit freundlicher Genehmigung von klimaretter.info zur Verfügung gestellt.

 


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