MEINUNG & POSITION

Atomgeschichte(n) 6: Atomkraft für den Frieden – wessen Frieden?

Mit seinem Atoms-for-Peace-Programm stellte Eisenhower vor der UN-Vollversammlung in New York seine Vision von einer weltweit friedlichen Nutzung der Atomkraft vor, Quelle: US Government
Mit seinem Atoms-for-Peace-Programm stellte Eisenhower vor der UN-Vollversammlung in New York seine Vision von einer weltweit friedlichen Nutzung der Atomkraft vor, Quelle: US Government

von Frank Petrasch

Anfang der 1950er-Jahre stand die Welt vor einem Problem. Während das vermeintlich goldene Zeitalter der Atomkraft die Erde in ein Schlaraffenland der Energieerzeugung verwandeln sollte – alles andere, so der damalige Zeitgeist, wäre eine Untertreibung gewesen –, musste man kein Hellseher sein, um die Gefahren eines atomaren Wettrüstens zu erkennen. Unbegrenzte Energie auf Kosten eines potenziellen Atomkrieges? Eine vertrackte Situation.

Das Angebot der USA: Atom-Know How gegen Rüstungsverzicht

Am 8. Dezember 1953 präsentierte der damalige US-Präsident Eisenhower scheinbar die Lösung aller Probleme: Mit seinem Atoms-for-Peace-Programm stellte Eisenhower vor der UN-Vollversammlung in New York seine Vision von einer weltweit friedlichen Nutzung der Atomkraft vor. Um ein sich anbahnendes atomares Wettrüsten zwischen den Nationen zu verhindern, bot der Präsident allen befreundeten Staaten die Atomtechnologie der Amerikaner als Geschenk an. Im Gegenzug sollten sich die Länder verpflichten, die Atomkraft nicht für militärische Zwecke einzusetzen.

Mit dem Atoms-for-Peace-Programm teilten die USA nicht nur ihr technologisches Wissen über die friedliche Nutzung der Atomkraft. Sie halfen auch beim Bau von Forschungsreaktoren. Ab 1954 durften US-Unternehmen sogar nukleares Brennmaterial im Ausland verkaufen. Um sicherzustellen, dass die Länder die Atomkraft nur für friedliche Zwecke einsetzen, rief Eisenhower zusätzlich zur Gründung einer internationalen Atombehörde auf. Und tatsächlich nahm vier Jahre später die International Atomic Energy Agency (IAEA) ihre Arbeit in Wien auf.

Politisches Kalkül oder ernsthafte Friendensbemühungen?

Das Atoms-for-Peace-Programm kann natürlich auch aus einer rein marktwirtschaftlichen Perspektive interpretiert werden
Das Atoms-for-Peace-Programm kann natürlich auch aus einer rein marktwirtschaftlichen Perspektive interpretiert werden

Soweit so gut. Stellt sich die Frage, ob das Atoms-for-Peace-Programm tatsächlich als uneigennütziges Unterfangen der USA angesehen werden kann. War Präsident Eisenhower von der friedlichen Nutzung der Atomkraft ebenso elektrisiert wie ein Großteil der Menschen in 1950er-Jahren? Oder stand hinter Eisenhowers großzügigem Angebot knallhartes politisches Kalkül? Höchstwahrscheinlich beides. Auch Eisenhower war überzeugt, dass die Kernenergie der Schlüssel zu Wohlstand und Frieden sein würde. Dennoch waren es die USA, die 1945 die Atomkraft für kriegerische Zwecke missbrauchten. Hiroshima und Nagasaki hatten das Image der US-Atompolitik angekratzt. Um das Ansehen aufzupolieren, startete Eisenhower das Atoms-for-Peace-Programm. Gleichzeitig hoffte er damit, ein atomares Wettrüsten zu verhindern. Hinzu kommt, dass die USA unter Zugzwang standen. Bereits 1949 hatte die Sowjetunion ihre erste Atombombe getestet.

Die USA war seit den 40er Jahren Marktführer bei der Atomtechnik

Dass der Verzicht auf Atomwaffen freilich nur für andere Nationen galt, nicht aber für die USA, war für Eisenhower offenbar selbstverständlich. Die USA hatten ja schließlich schon die Bombe – wieder abgeben konnte man sie ja schlecht. Warum dann also nicht gleich im großen Stil weiterproduzieren? Während der achtjährigen Präsidentschaft Eisenhowers vergrößerte sich das Atomwaffenarsenal von 1.005 auf 20.000 Sprengköpfe.

Das Atoms-for-Peace-Programm kann natürlich auch aus einer rein marktwirtschaftlichen Perspektive interpretiert werden. Denn neben Eisenhowers ehrbarem Interesse am Wohl der Menschheit konnten die USA das Know-how ihrer Wissenschaftler auch in bare Münze verwandeln. Das Land war bereits seit Mitte der 1940er-Jahre Marktführer auf dem Gebiet der Atomtechnik. Mit dem Verkauf von Atomreaktoren und Brennmaterial „Made in USA“ konnten sie diese Stellung nicht nur behaupten, sondern auch neue Absatzmärkte erschließen. Eisenhower verfolgte also mit seinem Atoms-for-Peace-Programm keinesfalls uneigennützige Interessen.

Eisenhower schenkte dem Iran einen Forschungsreaktor

Waren Eisenhowers Bemühungen im Rückblick erfolgreich? In vielerlei Hinsicht wird dies bezweifelt. Bekanntlich konnte sich die Kernenergie nicht als primärer Energieträger durchsetzen: Heute tragen Atomkraftwerke lediglich zu knapp sechs Prozent der weltweiten Energieversorgung bei. Von globalem Wohlstand und Frieden ist die Welt ebenfalls weit entfernt. Und die Verbreitung von Atomwaffen? Neben den USA und Russland besitzen auch Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea Atomwaffen – trotz IAEA. Wissenschafter stellen heute zu Recht die Frage, inwiefern die Gefahr der Verbreitung von Atomwaffen durch die US-Initiative sogar beschleunigt wurde. Aus heutiger Sicht besonders interessant: Eisenhower schenkte dem Iran im Rahmen des Atoms-for-Peace-Programms einen nuklearen Forschungsreaktor. Wenn das mal nicht deutlich nach hinten losgegangen ist …

Mit unserer 12teiligen Sommerserie „Atomgeschichte(n)“ beleuchten wir im LichtBlickBlog ein dunkles Kapitel der modernen Energieversorgung. Die Serie wirft einen Blick zurück in die Zeit der Atom-Euphorie der 50er und 60er Jahre über die Formierung der Anti-AKW-Bewegung in den 70er Jahren bis hin zur heutigen Atompolitik. Im siebten Teil der Serie geht es nächste Woche um den deutschen Atomminister Franz-Josef Strauß.

Bisher wurden die Teile „1951 – das Jahr, in dem zum ersten Mal Atomstrom gewonnen wurde“ (Teil 5),  „Wie die Nazis die ersten Reaktoren bauen wollten und nach der Wunderwaffe suchten“ (Teil 4), „Als man mitten in West-Berlin Atomkraftwerke bauen wollte…“ (Teil 3), „Atomförderung in Brasilien – sieht so der deutsche Ausstieg aus?“ (Teil 2) und „Die ausbleibende Atom-Renaissance“ (Teil 1) veröffentlicht.

 


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