MEINUNG & POSITION

Atomgeschichte(n) 5: 1951 – das Jahr, als das erste Mal Atomstrom gewonnen wurde

Foto: United States Department of Energy
Foto: United States Department of Energy

von Frank Petrasch

Als am 20. Dezember 1951 vier an einer Wäscheleine montierte Glühlampen aufleuchteten, fielen sich 16 Wissenschaftler jubelnd in die Arme. Erstmals war es amerikanischen Wissenschaftlern gelungen, durch eine Kernspaltung Strom zu erzeugen. Dieses Ereignis war damit zwar nicht der Startschuss in das Atomzeitalter – das hatte mit aller Wucht bereits sechs Jahre zuvor in Japan begonnen. Dennoch war der 20. Dezember 1951 der Aufbruch in eine neuen Ära: die friedliche Nutzung der Atomenergie begann.

Der erste Versuch war gescheitert

Die vier Glühbirnen leuchteten im Versuchsreaktor EBR 1 (Experimental Breeder Reactor 1) im Bundesstaat Idaho auf. Noch im August 1951 war der erste Versuch gescheitert. Die Brennstoffmenge reichte nicht aus, um eine kontrollierte Kettenreaktion der Kernspaltung zu erreichen. Mit diesem Problem hatten schon einige Jahre zuvor die Nationalsozialisten zu kämpfen gehabt: ohne Kettenreaktion kein Strom. Der große Augenblick kam drei Monate später: Die besagten vier Glühlampen leuchteten auf! Bereits 24 Stunden später versorgte der Reaktor die gesamte Forschungsanlage mit Strom. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, um die Euphorie der Wissenschaftler nachzuvollziehen: Heute eine Forschungsstation auf einem Kartoffelfeld in Idaho – morgen die ganze Welt …

Heute eine Forschungsstation auf einem Kartoffelfeld in Idaho – morgen die ganze Welt …

Der gelungene Versuch beflügelte eine ganze Generation und löste einen wahren Fortschrittsrausch aus. Denn auch wenn EBR 1 nicht für eine wirtschaftliche Stromproduktion gebaut wurde – es handelte sich nach wie vor um einen Forschungsreaktor –, waren Politik und Wissenschaft überzeugt, dass eine flächendeckende Stromversorgung von nun an weder ein technisches, noch ein wirtschaftliches Problem darstellen würde. Stromzähler, so die gängige Meinung, gehörten der Vergangenheit an. Das geglückte Experiment im EBR 1 bewies, dass die Atomkraft durch technischen Fortschritt gezähmt war; die grenzenlose, autarke Verfügbarkeit der Atomkraft in jedem Haushalt und jedem Transportmittel nur eine Frage der Zeit.

Die friedliche Nutzung der Atomenergie sollte den Weltfrieden garantieren

Was heute utopisch klingt, war damals nicht nur der Glaube an den technischen Fortschritt, sondern auch die Hoffnung auf eine bessere Zeit. Das Ende des 2. Weltkrieges jährte sich erst zum sechsten Mal. Der Weltfrieden sollte fortan nicht durch Politik, sondern durch die friedliche Nutzung der Atomkraft garantiert werden. Dass diese Energie 1945 genutzt wurde, um zwei Städte mit mehr als 200.000 Menschen auszulöschen, schien dabei nur die wenigsten skeptisch zu machen. Das neue Credo lautete: globaler Frieden und Wohlstand durch Atomenergie. Ökologische Fragen stellte zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Die Entsorgung von radioaktivem Atommüll blieb zunächst irrelevant. Auch mögliche Gesundheitsrisiken spielten im gesellschaftlichen Bewusstsein der 1950er-Jahre keine Rolle.

Die wenigen kritischen Stimmen wurden hartnäckig bekämpft

Quelle: Idaho National Laboratory
Quelle: Idaho National Laboratory

Die wenigen kritischen Stimmen wurden seitens der USA hartnäckig bekämpft. Dass zwischen dem überdurchschnittlich hohen Auftreten von Leukämieerkrankungen in der Region um Hiroshima und Nagasaki und der Atombombe ein Zusammenhang bestand, bestritt die US-Regierung. Dass ähnliche Krankheitsmuster auch bei den US-Soldaten auftraten, die 1945 an den ersten Atomtests auf amerikanischen Boden teilgenommen hatten, konnte den vermeintlichen Sieg der Atomenergie ebenfalls nicht aufhalten. Die Schattenseiten wurden konsequent ausgeblendet. Dass mit der friedlichen Nutzung der Atomkraft auch Gefahren verbunden sein konnten, war schließlich rein sprachlich schon ein Widerspruch.

Seit 1976 dient der erste Kernreaktor als Museum

Welchen Stellenwert der Versuchsreaktor EBR 1 in der Geschichte der Vereinigten Staaten hatte, zeigte sich nur 13 Jahre nach dem Erleuchten der Glühlampen. Der damalige US-Präsident Lyndon Johnson erklärte den Versuchsreaktor zum „National Historic Landmark“. Zu diesem Zeitpunkt war die Forschungsanlage bereits stillgelegt. Seit 1976 dient der Kernreaktor als Museum. Für die Unbeirrbaren gibt’s seitdem Atomkraft zum Anfassen.

Mit unserer 12teiligen Sommerserie „Atomgeschichte(n)“ beleuchten wir im LichtBlickBlog ein dunkles Kapitel der modernen Energieversorgung. Die Serie wirft einen Blick zurück in die Zeit der Atom-Euphorie der 50er und 60er Jahre über die Formierung der Anti-AKW-Bewegung in den 70er Jahren bis hin zur heutigen Atompolitik. Im sechsten Teil der Serie geht es nächste Woche um die „Atoms for Peace“ Initiative der USA – Atomkraft für den Weltfrieden.

Bisher wurden „Wie die Nazis die ersten Reaktoren bauen wollten und nach der Wunderwaffe suchten“ (Teil 4), „Als man mitten in West-Berlin Atomkraftwerke bauen wollte…“ (Teil 3), „Atomförderung in Brasilien – sieht so der deutsche Ausstieg aus?“ (Teil 2) und „Die ausbleibende Atom-Renaissance“ (Teil 1) veröffentlicht.

 


Zurück zur Übersicht »

Artikel kommentieren