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Atomgeschichte(n) 4: Wie die Nazis die ersten Reaktoren bauen wollten und nach der Wunderwaffe suchten

Von Frank Petrasch

(c) Creative Commons
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Das wäre der politische Super-GAU des 20. Jahrhunderts geworden: Nazi-Deutschland entwickelt die erste Atombombe und radiert damit die halbe Welt in den Abgrund. Tatsächlich gab es Anstrengungen im „Dritten Reich“, Atomkraft auch militärisch zu nutzen. Zum Glück: Alle Versuche scheiterten. Dennoch gehen aufs Konto der Nationalsozialisten die ersten Durchbrüche in der Atomforschung.

Die erste Kernspaltung der Geschichte fand in Deutschland statt

Die erste Kernspaltung der Geschichte fand in Deutschland, genauer: in Berlin statt. Am 17. Dezember 1938 hatten der Chemiker Otto Hahn und sein Assistent Fritz Straßmann im Kaiser-Wilhelm-Institut (Vorgänger der heutigen Max-Planck-Gesellschaft) in Berlin-Dahlem den Nachweis für die Spaltung von Uran erbracht.

Welche Dimension dieses gelungene Experiment hatte, war als erstem dem französischen Physiker Frederic Joliot-Curie klar. Nach dem er den Versuch von Hahn und Straßmann in Paris erfolgreich wiederholt hatte, schlussfolgerte er, dass bei jeder Kernspaltung theoretisch eine nukleare Kettenreaktion in Gang gesetzt werden könnte. Erfolgte diese Kettenreaktion unter kontrollierten Bedingungen, hätte man eine schier unerschöpfliche Energiequelle zur Verfügung – sowohl für die friedliche als auch militärische Nutzung.

Das „Uranprojekt“ der Nazis: große Euphorie, geringer Ertrag

Genau das weckte rasch das politische Interesse der Nationalsozialisten. Das „Uranprojekt“ war geboren. Ziel war es, die wirtschaftlichen und militärischen Einsatzmöglichkeiten der Kernspaltung zu erforschen. Da das Militär zu Beginn des 2. Weltkrieges Feuer und Flamme für eine neue Wunderwaffe war, übernahm das Heereswaffenamt das Kommando über das Uranprojekt. Die besten Physiker Deutschlands – unter ihnen der Nobelpreisträger Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker – machten sich an die Aufgabe, die Atomenergie für Nazideutschland nutzbar zu machen.

Die Euphorie war groß, der tatsächliche Ertrag hingegen klein. Bis 1942 unternahmen Heisenberg und Co. keine ernstzunehmenden Anstrengungen, eine Atombombe zu bauen. Auch die Fortschritte in der zivilen Nutzung waren spärlich. In der Folge sank das Interesse der politischen Führung an der Kernenergie stetig. Das hing auch damit zusammen, dass Hitlers Krieg bis 1942 durchweg erfolgreich verlief. Überall marschierten die deutschen Soldaten ein – mit den bekannten Konsequenzen. Lange Zeit sah es also so aus, als sei die „Unterwerfung Europas“ auch ohne Wunderwaffe nur eine Frage der Zeit.

Die Suche nach der „Wunderwaffe“

1942 wendete sich das Blatt. Deutschland kämpfte an allen Fronten und musste zunehmend Niederlagen einstecken. Großartige Ressourcen für die „Wunderwaffenforschung“ konnten schließlich gar nicht mehr eingesetzt werden und das Interesse an der Atomforschung trat endgültig in den Hintergrund. Das Heereswaffenamt überließ die Atomforschung mehr oder weniger sich selbst. Es war wohl allen klar, dass es eine Wunderwaffe in diesem Krieg nicht geben würde. Wie in so vielen Fällen sollten sich die Nationalsozialisten auch in diesem Punkt irren. Den Beweis lieferten die USA am 6. und 9. August 1945 mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki.

Bleibt die Frage, warum die deutschen Wissenschaftler in ihren Bemühungen so erfolglos blieben? Konnten oder wollten sie die Atombombe nicht bauen? In den 1950er-Jahren hielt sich die These, die Wissenschaftler um Heisenberg und Co. hätten mit dem Nicht-Bau passiven Widerstand geleistet.

Waren die Wissenschaftler Widerständler oder Mitläufer?

Die Lage stellt sich jedoch etwas komplizierter da. Zunächst einmal belebt Konkurrenz ja bekanntlich das Geschäft. In der deutschen Atomforschung der 1940er-Jahre war allerdings das genaue Gegenteil der Fall. Mehrere Gruppen arbeiteten gleichzeitig an Kernreaktoren. Problematisch war, dass sich alle Forschungsgruppen auf den Bau von Uran-Schwerwasser-Reaktoren – mit denen auch der Bau von Atomwaffen möglich gewesen wäre – spezialisierten. Uran-Schwerwasser-Reaktoren hatten  jedoch einen großen Nachteil: Für die Erzeugung einer Kettenreaktion waren fünf Kubiktonnen Schwerwasser notwendig. In ganz Europa produzierte jedoch nur eine einzige Firma schweres Wasser in wirtschaftlichem Umfang – und diese lag in Norwegen. Von Uran ganz zu schweigen. Das befand sich im weit entfernten Kongo. Folglich waren die wenigen Rohstoffe, die den Forschern zur Verfügung standen, so wertvoll, dass die konkurrierenden Gruppen nicht zum Teilen bereit waren.

Wie verhält es sich nun mit der persönlichen Motivation der Wissenschaftler? Man kann Ihnen nicht den Vorwurf machen, überzeugte Nationalsozialisten gewesen so sein. Doch auch wenn sie die Kernwaffenproduktion nicht enthusiastisch vorangetrieben haben, leisteten sie damit keinen Widerstand gegen das NS-Regime. Fest steht, dass Heisenberg eine Theorie entwickelte, die die Kernspaltung militärisch nutzbar machte. Weizsäcker ging sogar einen Schritt weiter: Er reichte ein Patent ein, das ausführlich beschrieb, wie Kernreaktoren bei der Herstellung von Sprengstoffen genutzt werden können. Vielleicht waren die Wissenschaftler am Ende doch nur Mitläufer, denen eine kritische Distanz zum NS-Regime fehlte und nur aus produktionstechnischen Gründen nicht zu Handlangern Hitlers wurden?

Mit unserer 12teiligen Sommerserie „Atomgeschichte(n)“ beleuchten wir im LichtBlickBlog ein dunkles Kapitel der modernen Energieversorgung. Die Serie wirft einen Blick zurück in die Zeit der Atom-Euphorie der 50er und 60er Jahre über die Formierung der Anti-AKW-Bewegung in den 70er Jahren bis hin zur heutigen Atompolitik. Im fünften Teil der Serie geht es nächste Woche um die Produktion der ersten Kilowattstunden Atomstrom im Jahr 1951.

Bisher wurden „Als man mitten in West-Berlin Atomkraftwerke bauen wollte…“ (Teil 3), „Atomförderung in Brasilien – sieht so der deutsche Ausstieg aus?“ (Teil 2) und „Die ausbleibende Atom-Renaissance“ (Teil 1) veröffentlicht.

 


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2 Kommentare

  • Ich sagt:

    Ich frage mich, ob die Welt heute wirklich in schlimmerem Zustand wäre, wäre dieses Ziel erreicht worden…


    • Ralph Kampwirth sagt:

      Wir möchten darauf hinweien, dass wir diesen Kommentar für unangemessen halten und inhaltlich inakzeptabel finden. Die Redaktion


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