MEINUNG & POSITION

Atomgeschichte(n) 3: Als man mitten in West-Berlin Atomkraftwerke bauen wollte…

Das Atoms for Peace-Programm der USA sollte auch den West-Berlinern zum Atomkraftwerk verhelfen (c) Berlin atomar/ Vergangenheitsverlag
Das Atoms for Peace-Programm der USA sollte auch den West-Berlinern zum Atomkraftwerk verhelfen (c) Berlin atomar/ Vergangenheitsverlag

Von Sebastian Beese

Wenn der Sommer in Berlin Einzug hält, strömen die Städter zum Wannsee. Dort findet man viel Wasser, Ruhe, Natur. Nach der Teilung war für das eingeschlossene West-Berlin der Wannsee und der umliegende Grunewald das Ausflugsziel Nummer eins. Ende der 50er-Jahre geriet eine nahegelegene Kiesgrube jedoch zum Schauplatz eines, aus heutiger Sicht, beunruhigenden Projekts: Man wollte hier das erste deutsche Kernkraftwerk bauen. Ausgerechnet.

Atomeuphorie: Alles schien möglich

Vor dem Hintergrund einer breiten Atomeuphorie in der Bevölkerung und überzogener Fortschrittsutopien, schien, dank der revolutionären Kraft des Atoms, alles möglich und erreichbar. Im Gegensatz zur heutigen Wahrnehmung glaubte man damals fest an die messianische Kraft der neuen Energiequelle, die nicht zuletzt auch mitten im Kalten Krieg eine mehr oder weniger autarke Energieversorgung für West-Berlin schaffen sollte. Diese Überzeugung fand sich in allen politischen Lagern. Der erste Atomminister und CSU-Chef, Franz Josef Strauß, glaubte ebenso fest an eine revolutionäre Änderung der Verhältnisse durch die Atomkraft wie der marxistische Philosoph Max Bloch. In dessen 1954 erschienen Werk: „Das Prinzip Hoffnung“ prognostizierte dieser einen solchen Preisverfall, dass sich das Ablesen der Stromzähler nicht mehr lohnen würde.

Die Geschichte des West-Berliner Atomkraftwerks, das auch das erste seiner Art in der Bundesrepublik gewesen wäre, nahm 1959 seinen Anfang. Zu dieser Zeit betrieb das Hahn-Meitner-Institut bereits einen Forschungsreaktor am Wannsee, nahe dem vorgesehenen Bauplatz des zukünftigen AKWs. Möglich wurde das Bauvorhaben durch die amerikanische Unterstützung im Rahmen des von Eisenhower aufgelegten „Atoms for Peace“-Programms.

Willy Brandt gab seine Zustimmung

Geländeskizze zum geplanten AKW-Bau am Berliner Wannsee (c) Berlin atomar/ Vergangenheitsverlag
Geländeskizze zum geplanten AKW-Bau am Berliner Wannsee (c) Berlin atomar/ Vergangenheitsverlag

Die West-Berliner Elektrizitätsgesellschaft Bewag plante mit dieser Unterstützung im Rücken seit 1959 einen Druckwasserreaktor mit einer Leistung von 150 Megawatt. Das Projekt schien zukunftsträchtig, musste doch die Inselstadt West-Berlin ihren Strom komplett selbst erzeugen. Die Berlin-Blockade hatte die Angreifbarkeit der Stadt, besonders ihrer auf Kohle beruhenden Energieproduktion, deutlich vor Augen geführt. Auch finanziell schien das Projekt eine sichere Sache. Von den Baukosten in Höhe von 100 Millionen Euro hätte die Bewag dank Förderung gerade einmal 13 Millionen Euro selbst aufbringen müssen. Ganz zeittypisch: Gefahren für die umliegende Bevölkerung, immerhin 500.000 Personen in einem Umkreis von 15 Kilometer, erkannte man bei der Planung nicht. Sowohl der Aufsichtsrat der Bewag, unter der Leitung von Willy Brandt (SPD), als auch der TÜV gaben ihre Zustimmung.

Der Widerstand der UdSSR ließ den AKW-Bau scheitern

Dass das Projekt trotzdem scheiterte, war dem Viermächtestatus der Stadt geschuldet, denn für solch ein Vorhaben hätte es der Zustimmung der UdSSR bedurft. 1961 in der Zeit des Mauerbaus wollte die USA einen Konflikt mit nuklearem Hintergrund jedoch unbedingt vermeiden. Somit wurde das Vorhaben auf Eis gelegt. Erst 1962 gab der Bewag-Direktor Wissel der Presse offiziell die Aufgabe der Pläne bekannt. Er begründete dies mit der noch nicht bewiesenen Wirtschaftlichkeit der AKWs. Es waren somit politische und ökonomische Gründe, die ein Kernkraftwerk in West-Berlin verhinderten. Als die Thematik in den 70er-Jahren erneut auf der politischen Agenda stand, ließen die Angst vor Protesten wie in Brokdorf und Whyl und die damit verbundenen Anfänge einer Energiewende, den West-Berliner Senat 1976 von dem Vorhaben endgültig Abstand nehmen. Es war ein erster Erfolg der sich formierenden Anti-Atomlobby in Deutschland.

Mehr zum Thema: Katja Roeckner/Jan Sternberg, Berlin atomar. Die Atomkraftwerkspläne für die Hauptstadt, Berlin 2012, 120 Seiten + Abb., ISBN 978-3-86408-060-9, 14,90 Euro. Überall im Buchhandel oder auf der Website des Vergangenheitsverlages

Mit unserer 12teiligen Sommerserie „Atomgeschichte(n)“ beleuchten wir im LichtBlickBlog ein dunkles Kapitel der modernen Energieversorgung. Die Serie wirft einen Blick zurück in die Zeit der Atom-Euphorie der 50er und 60er Jahre über die Formierung der Anti-AKW-Bewegung in den 70er Jahren bis hin zur heutigen Atompolitik. Im vierten Teil der Serie geht es nächste Woche um die Atompläne der Nazis.

Bisher wurden „Atomförderung in Brasilien – sieht so der deutsche Ausstieg aus?“ (Teil 2) und „Die ausbleibende Atom-Renaissance“ (Teil 1) veröffentlicht.


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